Die Degeneration des Y-Chromosoms: Schwaches Geschlecht Mann?

Degeneration des Y-Chromosoms
Ein schwedisches Forscherteam konnte nun nachweisen, dass eine Verbindung zwischen der erhöhten Sterblichkeit des Mannes und einer genetischen Degenerierung des Y-Chromosoms besteht © Fotolia

Eine neue Studie zeigt, dass die höhere Sterblichkeitsrate des Mannes auf die Degeneration – oder sogar den Verlust – des Y-Chromosoms zurückgeht. Bei beinahe jedem zehnten Mann ist eine Zurückbildung des Y-Chromosoms zu beobachten. Weitere Ergebnisse weisen zudem darauf hin, dass die Beschaffenheit des männlichen Chromosoms an sich die Anfälligkeit für Krankheiten erhöht. Praxisvita.de fasst für Sie die Ergebnisse der Studie zusammen und erklärt Ihnen, wieso der Mann dennoch nicht vom Aussterben bedroht ist.

Eine aktuelle Studie der Universität Uppsala, die genetische Veränderungen im Blut von Männern seit 1970 untersucht hat, zeigt, dass die geringere Lebenserwartung des Mannes gegenüber der Frau mit einer genetischen Degeneration des Y-Chromosoms zusammenhängen könnte. Zudem wurde bewiesen, dass der Verlust des Y-Chromosoms – gemäß der Studie verlieren 8,2 Prozent der Männer im Laufe ihres Lebens das Y-Chromosom in den Leukozyten des peripheren Blutes – zu einem erheblich erhöhten Krebsrisiko führt.

Die Ergebnisse – veröffentlicht in der Fachzeitschrift Nature Genetics – bringen neue Bewegung in die Diskussion bezüglich der mittlerweile empirisch breit belegten höheren Mortalität bei Männern. Vor allem Krebserkrankungen konnten durch die aktuelle Untersuchung mit der Zurückbildung des Y-Chromosoms in den weißen Blutkörperchen in Verbindung gebracht werden.

 

Männer sterben früher

Die Auswertung der Langzeitstudie belegte nun, dass Männer – die im Laufe ihres Lebens das Y-Chromosom in den Blutzellen zurückbilden – im Schnitt 5,5 Jahre früher sterben, als Männer ohne diesen Gendefekt. Insgesamt erhöht sich nach Aussagen der Forscher die Mortalität bei den betroffenen Männern um 91 Prozent. Zwar sind die genauen Bedingungen dieses Zusammenhangs noch weitgehend unbekannt, doch berichten die Wissenschaftler von einer statistisch nachweisbaren „Verbindung zwischen dem Verlust des Y-Chromosoms und dem Risiko, an Krebs zu sterben“.

In Zukunft – so hoffen die schwedischen Wissenschaftler – sollen diese Erkenntnisse dabei helfen, eine bessere Früherkennung für krebsgefährdete Menschen zu ermöglichen.

 

Y-Chromosom:  Zum Mann mutiert

Wie eine andere aktuelle Studie des Swiss Institute of Bioinformatics zeigte, entstand das Y-Chromosom wahrscheinlich vor circa 180 Millionen Jahren durch Mutation. Das Chromosom, das nur im männliche Genpool auftritt, ist ungefähr 20-mal kürzer als das X-Chromosom. Das X-Chromosom wiederum ist Bestandteil beider Geschlechter, allerdings bildet sich das weibliche Genom aus zwei X-Chromosomen, während der Mann je ein Y-und X-Chromosom besitzt.

Y-Chromosom kleiner als X-Chromosom
Das Y-Chromosom entstand vor 180 Millionen Jahren und ist 20-mal kleiner als das X-Chromosom. Forschungen haben gezeigt, dass die ‚schwächere’ genetische Ausstattung des Mannes zu einer erhöhten Mortalität und Anfälligkeit von Krankheiten führt© Fotolia

Im Laufe von 180 Millionen Jahren Evolution bildete sich das Y-Chromosom immer weiter zurück. Von den rund 600 Genen, die das männliche Geschlechts-Chromosom einmal mit dem X-Chromosom teilte, sind im heutigen Mann nur noch 19 erhalten. Dieser Gen-Abbau im männlichen Genom führte zu beträchtlichen genetischen Unterschieden zwischen Mann und Frau. Das Y-Chromosom besitzt eine geminderte Gen-Aktivität gegenüber dem X-Chromosom, wodurch der genetische Bausatz der Frau erheblich dynamischer und damit weniger anfällig für genetische Mutationen ist, die zu Krankheiten führen können.

Auch in anderer Hinsicht leidet die Gesundheit des Mannes darunter, dass er nur ein X-Chromosom besitzt. Tritt beispielsweise eine Mutation auf einem X-Chromosom auf, die zur Rot-Grün-Blindheit führt, setzt sich bei der Frau einfach die andere Genhälfte – die auch ein X-Chromosom ist – durch. Die Krankheit wird somit bei einer Frau nicht ausbrechen. Der Mann dagegen verfügt nicht über diese Möglichkeit und hat folglich bei genetischen Mutationen – die auch in Zusammenhang mit anderen genetisch bedingten Gesundheitsproblemen auftreten – eine doppelt so hohe Wahrscheinlichkeit krank zu werden.

 

Und der Mann wird trotzdem nicht aussterben

Aufgrund der bewiesenen Reduzierung der Gene auf dem Y-Chromosom rätselten in der Vergangenheit viele Wissenschaftler, ob der Mann vielleicht irgendwann aussterben könnte. Durch die genetische Degenerierung würde – so die Vermutung – einfach das männlichkeitsspezifische Gen nicht mehr weitervererbt werden. Doch die Ergebnisse der jüngsten Forschung sprechen gegen eine solche evolutionäre Aussiebung des Mannes.

Mann nicht vom Aussterben bedroht
Trotz des degenerierten Y-Chromosoms ist der Mann nicht vom Aussterben bedroht. In den letzten 25 Millionen Jahren verschwand gerade noch ein Gen aus dem Gen-Pool des Y-Chromosoms © Corbis

Der Mann kann also insofern beruhigt in die Zukunft blicken, denn sein Gen hat sich letztlich als ‚stabil’ bewiesen. Die Großzahl der verschwundenen Gene auf dem Y-Chromosom bildete sich wahrscheinlich kurz nach der Entstehung – beziehungsweise Mutation – des Y-Chromosoms vor 180 Millionen Jahren zurück. In den letzten 25 Millionen Jahren dagegen verschwand nach Erkenntnis der Wissenschaft nur ein Gen aus dem männlichen Gen-Pool. Vermutlich ist der Mann – auch für die sonst unerbittliche Evolution – ein zu wichtiger Teil im Fortpflanzungsprinzip der Säugetiere, als dass auf ihn verzichtet werden könnte.

Das Y-Chromosom, das nach Meinung vieler Forscher vor allem geschlechtsspezifische Informationen und solche zur Spermien-Produktion besitzt, ist – jenseits der ‚technischen’ Fortpflanzungsmöglichkeit der Menschen – wichtig für ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis. Existiert nur ein X-Chromosom als Geschlechtsgen im menschlichen Bausatz, steigt die Gefahr einer – zum Beispiel durch äußere Bedingungen herbeigeführten – stark verschobenen Geschlechterverteilung innerhalb unserer Population.

Hamburg, 2. Mai 2014

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