Die Alzheimer-Insel

Verena Elson Medizinredakteurin
Strand auf Guam
Bewohner der Pazifik-Insel Guam leiden auffällig häufig an einer bestimmten Nervenerkrankung © Fotolia

Auf der Pazifik-Insel Guam leiden auffällig viele Menschen an einer Alzheimer-ähnlichen Nervenkrankheit. Schuld daran ist ein Umweltgift, das dort in Pflanzen und Algen vorkommt. Kann es uns auch hierzulande gefährlich werden?

US-Wissenschaftler haben Beweise dafür gefunden, dass ein bestimmtes Gift, das in Algen vorkommt, Veränderungen im Gehirn hervorruft, die denen bei Alzheimer-Patienten ähneln. Mit ihrer Studie sind sie einem Rätsel auf der Spur, das Mediziner seit Jahrzehnten beschäftigt.

 

Die mysteriöse Krankheit der Insel Guam

Die Geschichte begann in den 1950er Jahren auf der kleinen Pazifik-Insel Guam. US-Armeeärzte, die dort stationiert waren, stießen auf ein bisher unbekanntes Phänomen: Auffällig viele Menschen litten an einer Nervenerkrankung, die sich in einer Mischung von Symptomen von Parkinson, der amyotrophen Lateralsklerose (ALS) und Alzheimer zeigte. Die Wissenschaft stand vor einem Rätsel: Woher kam diese mysteriöse Erkrankung? Ursachen wie etwa eine Infektion konnten keine ermittelt werden.

Schließlich nahmen sich Dr. Paul Cox, Direktor des Instituts für Ethnomedizin im US-Staat Wyoming, und sein Team der Frage an. Ihr Verdacht: Ein Gift namens Beta-Methylamino-L-Alanin (BMAA) ist der Auslöser der Guam-ALS-PD-Komplex (ALS-PDC) genannten Erkrankung. Der Stoff wird von sogenannten Cyanobakterien produziert – diese Bakterien kommen in bestimmten Pflanzen vor, beispielsweise im Samen der Palmfarnen, die auf Guam wachsen. Außerdem wurde er in Algen verschiedener Gewässer nachgewiesen.

Zahlreiche Untersuchen wiesen darauf hin, dass BMAA Nervenzellen schädigen kann, die für Muskelbewegungen zuständig sind – das gleiche passiert auch bei ALS. Zudem konnten Wissenschaftler im Hirngewebe von erkrankten Guam-Bewohnern BMAA nachweisen, bei gesunden Kontrollpersonen dagegen nicht. In den Gehirnen von ALS-Patienten wurde das Nervengift ebenfalls gefunden.

 

Palmfarn und Flughunde als Krankheitsauslöser

Die Bewohner Guams stellten ihr Mehl aus diesen Palmfarn-Samen her, außerdem galten Flughunde bei ihnen als weit verbreitete Delikatesse – und diese ernährten sich wiederum von Palmfarn-Samen. Als die Inselbewohner den Flughund-Verzehr einstellten, sank die Zahl der Neuerkrankungen rapide ab.

Für ihre aktuelle Studie führten Cox und sein Team gemeinsam mit Forschern der University of Miami ein Experiment mit Affen durch. Die Tiere ernährten sich für den Studienzeitraum von Bananen, die in verschiedenem Ausmaß mit BMAA belastet waren – eine Kontrollgruppe bekam unbelastetes Obst.

Nach 140 Tagen fanden die Forscher im Hirngewebe aller Affen der BMAA-Gruppe auffällige Proteinablagerungen – in der Kontrollgruppe waren solche Veränderungen nicht zu beobachten. Das Bemerkenswerte an dieser Erkenntnis: Ähnliche Proteinablagerungen finden sich auch in den Gehirnen von Alzheimer-Patienten.

„Wenn das, was wir bei diesen Tieren beobachtet haben, sich auch beim Menschen bestätigt, heißt das einiges“, wird Dr. Cox von der BBC zitiert. Seine Hoffnung: Mithilfe der neuen Erkenntnisse Medikamente zu entwickeln, die neurodegenerativen Erkrankungen vorbeugen.

 

Wie gefährdet ist Deutschland?

Studien zeigen, dass das ALS-Risiko in der Nähe von Gewässern mit vermehrtem Auftreten von Cyanobakterien erhöht ist, was Untersuchungen zufolge unter anderem in zahlreichen Seen Großbritanniens der Fall ist. Ausschlaggebend für die Entwicklung von Nervenerkrankungen ist jedoch laut der aktuellen Studie, ob die Bakterien das Nervengift BMAA produzieren.

Das Vorkommen von Cyanobakterien wird auch in Deutschland gemessen, da die Bakterien verschiedene für den Menschen schädliche Giftstoffe produzieren. Während einige für die Leber giftige Substanzen häufiger nachgewiesen werden, gibt es keine Berichte über große Aufkommen von Nervengiften wie BMAA in deutschen Gewässern.

Wie hoch die Belastung mit Cyanobakterien ist, wird in vielen deutschen Badeseen regelmäßig geprüft. Übersteigt die Konzentration einen bedenklichen Wert, wird das Baden in dem jeweiligen Gewässer verboten. Hier können Sie einsehen, welche Seen geprüft wurden und welches Ergebnis die Analyse brachte.

Hier erfahren Sie, welche Gefahren natürliche Gewässer außerdem bergen.

Hamburg, 25. Januar 2016

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