Die 6 Stufen einer Depression

Redaktion PraxisVITA

Forscher haben mit tiefenpsychologischen Interviews die sechs Stufen einer Depression entdeckt. Das Wissen kann Betroffenen und deren Angehörigen helfen, die Krankheit zu besiegen. Doch einige Experten sind skeptisch.

Miriam Rehberger* ist eine starke Frau Ende 30. Sie arbeitet zusammen mit ihrem Mann als selbstständige Grafikdesignerin. Dazu kümmert sie sich intensiv um ihre zwei Kinder, die acht und zehn Jahre alt sind. Erfolg in beiden Bereichen ist ihr wichtig.

Stets muss sie ihre Rolle wechseln. Mal kreative Unternehmerin, mal liebende Mutter. Das alles bleibt nicht ohne Spuren: Sie ringt mit hohen Ansprüchen an sich selbst. Oft ist sie davon überfordert und stürzt aus dem stressigen Alltag in eine depressive Lähmung. Sie nennt das ihre „Hänger“. Diese können manchmal Wochen andauern. Dann blleibt sie zu Hause und kümmert sie sich mit letzter Kraft um ihre Kinder. Alles andere lässt sie liegen. Dieses Gefühl, der tiefen Erschöpfung belastet sie sehr.

 

Geheime Logik der Depression

Von dieser und anderen ähnlich berührenden Geschichten berichtet Stephan Grünewald, Psychologe und Mitgründer des Marktforschungsunternehmens Rheingold. Grünewald hat sich auf tiefenpsychologische Untersuchungen spezialisiert und versucht damit gesellschaftlich aktuelle Probleme aus einem anderen Blickwinkel zu beschreiben. Das Interview mit Miriam Rehberger führte er im Rahmen der Studie „Die geheime Logik der Depression“, deren Ergebnisse er am Mittwoch in Berlin vorstellte.  Auftraggeber der Studie war der Hersteller von Naturmedizin Pascoe.

 Durch insgesamt 80 zweistündige Interviews versuchte Grünewald zu verstehen, wie Patienten, deren Angehörige sowie behandelnde Ärzte und Apotheker mit Depressionen umgehen. Ein Punkt fiel den Forschern besonders auf: „Depressiv will niemand sein“, so Grünewald. Das steht für eine Schwäche, auf die viele in unserer Leistungsgesellschaft oft mit Unverständnis und Vorurteilen reagieren. Sie sprechen lieber von „Kopfschmerzen“, „Schlafstörungen“ oder „Burn-out“. Das würde eher anerkannt, führt aber dazu, dass Depressionen oft viel zu spät erkannt würden. „In der Regel schlagen sich die Betroffenen drei Jahre mit ihrer Krankheit alleine rum, oft ohne Verwandten oder Freunden davon zu erzählen“, warnt Grünewald.

 

Sechs Stufen der Depression

Depressionen ähneln in einem wichtigen Punkt vielen anderen Krankheiten: Wer die Symptome kennt, kann sie rechtzeitig entdecken und so meist besser behandeln. Die Heilungschancen steigen. Um genau hierbei helfen zu können, haben die Forscher um Grünewald aus den Erkenntnissen ihrer Interviews die sechs Stufen der Depression beschrieben.

1. Höchste Ansprüche

Oft liegen Depressionen überhöhte Erwartungen an sich selbst zugrunde. „Wenn Betroffene sich öffnen, zeigen sich hohe Ansprüche, Ideale oder ein Perfektionsstreben“, so Grünewald. Er sieht darin unsere heutige Leistungsgesellschaft gespiegelt. Ähnlich wie die Grafikdesignerin und Mutter Miriam Rehberger wollen viele Betroffene in Freizeit und Beruf perfekt sein. Oft scheitern sie daran.

2. Rückschläge

Verpassen sie ihre hohen Ziele, dann nähmen Betroffene das oft nicht als kleinen Rückschlag wahr, sondern als allumfassende Niederlage. Das können bisweilen schon kleinste Erlebnisse sein: Ein Betroffener berichtet zum Beispiel davon, dass sein Chef ihn wegen einer falschen Kopie kritisierte. Statt seinen eigenen Standpunkt zu vertreten, zog er sich komplett zurück und stürzte in eine depressive Phase.

3. Stilllegung

Ein gesunder Mensch kann sich auch über eine Einschränkung ärgern, wird dann aber etwa denken „man kann ja auch mal Fehler machen“ oder „das nächste Mal setze ich mich besser durch“. Bei Menschen die sich auf dem Weg in eine Depression befinden, findet eine solche Auseinandersetzung nicht statt. Sie stehen still. Der Zustand den Miriam Rehberger als Hänger beschreibt. Sie richten sich in ihrer Einschränkung ein und übernehmen diese als unveränderbar. Das heißt aber nicht, dass sie sich darin wohlfühlen, sondern sie nehmen diesen Zustand als unglaublich belastend war. Wie ein Motor, der im Leerlauf auf Hochtouren dreht und heiß läuft.

4. Alltags-Vergleichgültigung

Die Stilllegung stabilisiert sich, weil die Betroffenen unbewusst fast alle Impulse abwehren, die zu einer Aktivität animieren könnten. Sie hören auf, Tätigkeiten oder Lebensthemen zu priorisieren. Alles scheint gleich wichtig oder unwichtig. Vor den Betroffenen ragt das wie ein riesiger Berg auf, den sie glauben, nicht erklimmen zu können.

5. Im eigenen Saft schmoren

Weil sie ihre Aufgaben nicht mehr überblicken und sich zurückziehen, wirken Depressive lethargisch. Von Freunden und Familie kommt dann oft der Spruch „gibt Dir einfach einen Ruck!“ oder „geh mal Deine Probleme an!“ Doch gerade das ist falsch, denn die Betroffenen wirken nur ruhig. Innerlich laufen sie auf Hochtouren. Die Welt verschwindet und die Gedanken kreisen nur noch um die eigenen Probleme, für die man jedoch keine Lösung findet.

6. Verbitterte Behandlung von Symptomen

Häufig geraten die Betroffenen nach einer Weile in einen Zustand der resignativ-verbitterten Symptombehandlung. Sie finden sich damit ab, dass sie ihrer Depression nicht entfliehen können. Sie versuchen lediglich die Symptome zu lindern und behandeln sich dazu selbst. Häufig dauert es Jahre, bis sie einen Arzt oder Psychologen aufsuchen. In diesem isolierten Zustand probieren sie fast alles, was ihr Leiden – scheinbar – lindert: Von Selbstmedikation mit Alkohol und Drogen bis hin zum Suizid als letzten Ausweg. 

 

Betroffene nicht zwingen

Dr. Hans-Peter Unger, Chefarzt des Zentrums für seelische Gesundheit der Asklepios Klinik Hamburg-Harburg, teilt Depressionen grundlegend nicht in sechs, sondern in drei Stadien ein: „Es gibt die leichte, die mittlere und die schwere Depression. Die Ausprägungen können lückenlos ineinandergreifen.“ Auch er sieht es als wichtig an, Betroffene zu aktivieren. Doch Unger betont „der Betroffene darf weder sich selbst zu etwas zwingen, noch durch andere zu etwas gezwungen werden!“ Das sollten Angehörige und Freunde im Hinterkopf behalten, wenn sie einem Depressiven helfen wollen. Genau für diese schwierige Situation hat Grünewald auf der Basis seiner Interviews acht Empfehlungen aufgestellt.

 

Depressionen – 8 Tipps für Angehörige

  • Die Gefahr einer depressiven Erkrankung steigt, wenn Menschen im Alltag ruhige Phasen fehlen, in denen sie über ihr Leben nachdenken können. Sie funktionieren nur noch, blenden Probleme aus. Sollten Angehörige ein solches Verhalten bemerken, könnten Sie dem Betroffenen raten, Dehnungsfugen in ihren Alltag einzubauen, zum Beispiel ausgedehnte Pausen, unverplante Tage oder Momente der Langeweile und des Müßiggangs.
  • Es ist wichtig, Betroffenen den selbstgesetzten Druck zu nehmen: Angehörige könnten sagen: „Du bist mir wichtig. Das hängt nicht davon ab, ob Du Deine selbstgesteckten Ziele oder die vermeintlich von außen gesetzten Erwartungen erfüllst.“
  • Angehörige sollten Betroffenen helfen, offensiver mit Ärgernissen umzugehen: aktiv wehren, Verluste bewusst betrauern, statt zu schweigen und sie zu verdrängen.
  • Gerade Ärzte und Apotheker erleben Patienten, die immer wieder mit unbestimmten Problemen zu ihnen kommen als belastend. Da ist es oft besser, sich einmal mehr Zeit zu nehmen und zum Beispiel anhand der oben beschriebenen Stadien zu erforschen, ob es sich vielleicht wirklich um eine Depression handelt. Sie sollten dem Betroffenen vermitteln, dass es nicht darum geht, ihm ein Label zu verpassen, sondern ihm ergebnisoffen zu helfen.
  • Wir sind von der modernen Medizin schnelle Behandlungserfolge gewöhnt. Die sind bei einer Depression leider sehr unwahrscheinlich. Erkrankte, Angehörige und Ärzte sollten darum in kleinen Schritten denken und auch diese als Erfolg werten.
  • Wie unter Punkt vier beschrieben fällt es Betroffenen schwer, Prioritäten zu setzen. Gerade daran sollte mit ihnen gearbeitet werden. Denn erst wenn bei ihnen ein Reflektions-Prozess darüber einsetzt, was wichtig im Leben ist und was nicht, können sie dieses Problem in den Griff bekommen.
  • Schrittweise sollten Betroffene auch wieder Aufgaben im Alltag übernehmen – auch unter der Gefahr, dass sie daran scheitern. An diesen kleinen Niederlagen können sie gesundes Scheitern üben. Sie sollten diesen Prozess aber unbedingt mit Ärzten und Angehörigen besprechen und so reflektieren.
  • Viele Betroffene haben Angst davor, mit Medikamenten ruhiggestellt zu werden. Für diese stellen pflanzliche Arzneimittel eine gute Alternative dar.

Generell lässt sich sagen, dass diese Hinweise dazu dienen, Depressionen zu stoppen, bevor sie sich zu ihrer vollen Größe auswachsen. Sollten Sie den Verdacht haben, dass Sie oder ein Bekannter eine Depression entwickeln, suchen Sie möglichst schnell das Gespräch mit einem Hausarzt oder Facharzt. Auch gibt es Fälle einer schweren Depression mit akuter Suizidgefahr, in denen Klinikaufenthalt und Medikation unbedingt notwendig sind.

 

Wichtige Rufnummern

Info-Telefon der Stiftung Deutsche Depressionshilfe

Telefonnummer: 0800 3344533

Mo, Di, Do: 13.00-17.00 Uhr
Mi, Fr: 8.30-12.30 Uhr

Die Telefonseelsorge

Telefonnummer: 0800 1110222

Rund um die Uhr erreichbar

*Name von der Redaktion geändert

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