Diagnose Tourette – "Ich habe keine Kontrolle über mich!"

Marcel leidet an der schwersten Form des Tourette-Syndroms: Tics plus Koprolalie
Marcel leidet an der schwersten Form des Tourette-Syndroms: Tics plus Koprolalie – dem zwanghaften Ausstoßen obszöner Wörter © Fotolia

Marcel hat eine seltene Krankheit: Sein Körper gehorcht ihm nicht. Vor allem, wenn er unter Stress steht, fängt er unvermittelt an, sich komisch zu bewegen, Laute auszustoßen – und das Schlimmste: üble Beleidigungen zu schreien ...

"Arschloch! Fette Sau!" Stellen Sie sich vor, Sie würden auf der Straße solche schlimmen Schimpfwörter schreien. Und dazu unkontrolliert mit Armen und Beinen zucken. Nicht, weil Sie die Passanten schocken wollen, Sie können einfach nicht anders. Ein Albtraum? Allerdings! Und mit diesem lebt Marcel B. (16) jeden Tag. Er hat das Tourette-Syndrom, eine neuropsychiatrische Erkrankung des Gehirns. Diese äußert sich bei allen Betroffenen in sogenannten "Tics". Das können Bewegungs-Tics wie Zucken oder Blinzeln sein, aber auch Laute wie Grunzen oder Schreien. Etwa 40.000 Deutsche sind an Tourette erkrankt. Marcel gehört zu den vier Prozent, die an der schwersten Form leiden: Tics plus Koprolalie – dem zwanghaften Ausstoßen obszöner Wörter.

Bereits mit vier Jahren merkte Marcel, dass mit ihm etwas nicht stimmte. Er erinnert sich: "Ich habe meinen Kopf gegen die Wand gehauen, mich selbst geboxt, die Arme hochgeworfen." Marcels Vater Andreas ergänzt: "Wir sind damals mit Marcel von einem Arzt zum anderen gerannt – keiner wusste, was er hat. Ein Kinderarzt meinte sogar, das wäre normal und würde sich geben." Das tat es nicht, im Gegenteil: Marcels Zustand verschlechterte sich. Zu den Bewegungs- und Laut-Tics kamen die Schimpfwörter hinzu. Das führte vor allem beim Einkaufen zu peinlichen Situationen. Marcels Vater erzählt: "Wir standen im Supermarkt in der Schlange an der Kasse und prompt schrie Marcel ,Arschloch, Hure, Wichser!' und jeder guckte oder tuschelte, wie schlecht der Junge erzogen sei. Am Anfang haben wir noch ständig erklärt, dass er nichts dafür kann, weil er krank ist. Irgendwann hatten wir dazu keine Lust mehr."

 

Erst in der Tagesklinik erkannte ein Arzt, was Marcel fehlt

Marcel ist den Blicken und den Anfeindungen der Menschen hilflos ausgesetzt. Kurz vor seinem achten Geburtstag verließ ihn die Kraft. "Da habe ich gedroht, mich umzubringen." Marcels Eltern reagierten schnell: Noch am gleichen Tag wurde Marcel in die Kinder- und Jugendpsychiatrie eingeliefert. 13 Wochen musste er dort allein bleiben, seine Eltern durften ihn nur zweimal pro Woche besuchen. Danach wurde Marcel in eine Tagesklinik überwiesen. Erst dort erkannte ein Arzt, was Marcel fehlt – Tourette, unheilbar. Als Marcel ins Gymnasium kam, begann der Terror erst richtig: "Zunächst ging es ein halbes Jahr lang gut. Im Unterricht konnte ich die Tics unterdrücken. Zum Ticken bin ich immer aufs Klo. Meine Mitschüler haben das mal mitgekriegt. Da fing das Mobbing an. Sie haben mich zum Ticken provoziert, mich dabei gefilmt und das Video verbreitet. Sie haben sogar meinen Kopf gegen eine Glasscheibe gedonnert, immer wieder. Mich in die Wade getreten, bis ich einen Muskelfaserriss hatte. Dann haben sie mir meinen Gehgips kaputt gemacht und die Krücken geklaut." Sein Vater sagt bitter: "Wir haben zwar vorher die Schule über Marcels Krankheit aufgeklärt, aber die Lehrer waren überfordert. Sie haben weggeguckt, als Marcel gequält wurde. Wir haben ihn dann auf eine Privatschule geschickt." Marcel ist hochintelligent, sein IQ ist 130. An der neuen Schule übersprang er eine Klasse. Marcel erinnert sich: "Nach sechs Monaten ging das ganze Theater wieder von vorne los: Mobbing, Ausgrenzung. Die Eltern haben sich beschwert, dass ich mit meinen Tics die anderen vom Lernen ablenken würde."

Nach zwei Jahren beugten sich Marcel und seine Eltern dem Druck: Er wechselt die Schule zum dritten Mal. "In der 11. Klasse wurde es besser. Ein Mitschüler hat mich zwar mal mit einer Zigarette verbrannt und der Schulleiter glaubte mir das nicht, aber sonst waren die Lehrer dort ok. Trotzdem bin ich seit Ende des Jahres krankgeschrieben, ich mache gerade eine Verhaltenstherapie." Seitdem meidet Marcel die Öffentlichkeit, geht weder einkaufen noch fährt er Bus. Er bleibt lieber zuhause, denn dort ist er sicher. Dankbar meint Marcel: "Ich habe hier drei wunderbare Menschen: meine Eltern und meine Schwester, die mich unterstützen, wo sie nur können." Am liebsten spielt er Computer. Sozial hat sich Marcel völlig isoliert, Freunde hat er keine. Er hat aufgegeben, welche zu suchen: "Ich werde eh nicht akzeptiert." Marcel hatte auch noch nie eine Freundin. "Wer will beim ersten Date schon als ,Schlampe' bezeichnet werden?', sagt er traurig. Aber für die Zukunft hat Marcel große Pläne: "Ich möchte Jura studieren und Richter werden." Von seinen Mitmenschen wünscht sich Marcel nur eines: "Mehr Toleranz. Menschen wie mich so zu nehmen, wie wir sind. Ohne uns auszulachen oder zu mobben."

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