Diagnose Psychose: Warum auch eingebildete Kranke leiden

Hypochondrie ist eine Psychose
Hypochonder sind zwar körperlich gesund, leiden aufgrund der Psychose aber wie Kranke © Fotolia

Hypochonder werden oft belächelt. Doch Ihre Angst ist alles andere als lustig. Eingebildete Krankheiten können sich zu Psychosen auswachsen – die jedoch, wenn sie einmal erkannt wurden, zum Glück sehr gut behandelbar sind.

Aus einem Schnupfen machen sie eine Lungenentzündung. Kopfschmerzen deuten sie als Gehirntumor. Überhaupt sind alle Wehwehchen lebensbedrohlich – zumindest in der Fantasie von Hypochondern. Fünf Prozent aller Menschen, die eine Arztpraxis aufsuchen, sind nur eingebildete Kranke, so die Schätzung der Weltgesundheitsorganisation WHO. "Leider werden sie oft belächelt oder als Spinner abgetan", sagt Dr. Gaby Bleichhardt von der Uniklinik Marburg, die Hypochondrie seit Jahren erforscht. Dabei hat die Angst vor der Krankheit tatsächlich ernsthafte Ursachen. Und glücklicherweise eine hohe Heilungschance.

 

Die typischen Symptome der Psychose

,,Die Betroffenen sind felsenfest davon überzeugt, schwer krank zu sein, sie leiden Höllenqualen", weiß Bleichardt. Jedes Zwicken macht sie panisch. Und wenn jemand sie anhustet, würden sie sich am liebsten gleich einliefern lassen. Sie durchforsten das Internet und konsultieren einen Facharzt nach dem nächsten, was man auch ,,Doctor-Hopping" nennt.

 

Diagnose der Hypochondrie schwierig

Geben die Ärzte ihnen Entwarnung, stellt sich kurzfristig eine Besserung ein. ,,Doch die Wirkung hält immer kürzer an", so die Marburger Psychologin. Die Arztbesuche werden zur Sucht, das Leiden chronisch. Trotzdem dauert es im Durchschnitt zehn Jahre, bis ein Hypochonder als solcher erkannt wird. ,,Zum Glück trägt unsere Aufklärungsarbeit mittlerweile Früchte", sagt Dr. Bleichhardt. Die moderne Psychotherapie stuft Hypochondrie als Angststörung ein, die dringend behandelt werden muss.

 

Ursachen der Psychose liegen in der Kindheit

Dass es sich um eine seelische Krankheit handelt, besagt eigentlich schon die wörtliche Übersetzung: ,"hypochóndrios" stammt aus dem Griechischen und bedeutet ,,unterhalb des Brustknorpels liegend" – dort wurden in der Antike die psychischen Leiden lokalisiert.

Neue Forschungsergebnisse zeigen nun, dass die Psychose das Resultat schlimmer Kindheitserlebnisse sein kann: ein tragischer Unfall, ein schwer krankes Familienmitglied, ein besonders schmerzlicher Todesfall. Viele Betroffene wurden als Kind auch allzu sehr von den Eltern behütet. Bei der kleinsten Erkältung hat man sie in "Watte gepackt". Auch sexueller Missbrauch gilt als möglicher Auslöser der Psychose. Aktuelle Studien mit Zwillingspärchen wiesen außerdem nach, dass eine Neigung zur Hypochondrie in den Genen stecken könnte.

 

Professionelle Hilfe bei einer Psychose

Früher verabreichte man Hypochondern meist Antidepressiva oder Beruhigungsmittel – mit wenig Erfolg. "Seit ein paar Jahren behandeln wir die Patienten lieber mit einer kognitiven Verhaltenstherapie", sagt Bleichhardt. Sie dauert rund drei Monate und besteht aus Einzel- und Gruppensitzungen, die zweimal in der Woche stattfinden.

In der Therapie lernen Betroffene, sich nicht mehr so intensiv mit dem eigenen Körper zu beschäftigen. Nach und nach begreifen sie, dass bestimmte Symptome nicht gleich auf eine schwere Krankheit hindeuten müssen. Und dass zum Beispiel der Magenkrebs, den sie seit langem vermuten, nur ein lästiges Hirngespinst ist. Die Erfolgsquote der Behandlung liegt bei 80 Prozent.

Grund genug, als Angehöriger richtig zu reagieren: ,,Statt Hypochonder zu belächeln, wäre es gut, sie zu einer Therapie zu bewegen", rät die Psychologin. Denn nur so ist allen geholfen.

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