Diagnose Autismus – eine Mutter erzählt

Autistisches Mädchen
Autistische Kinder spielen selten mit Gleichaltrigen. Sie beschäftigen sich lieber alleine und reagieren auf Annäherungsversuche häufig ablehnend © Fotolia

Hannah studiert und schreibt philosophische Abhandlungen – denn sie ist hochbegabt. Doch sie kann nicht sprechen. Sie hatte von Geburt an frühkindlichen Autismus, das Kanner-Syndrom. Ihre Mutter erzählt ihre Geschichte.

„Vom Tag ihrer Geburt an spürte ich, dass mit Hannah etwas nicht stimmt", erinnert sich Erika Klein. „Und ich sollte recht behalten: Mit drei Jahren konnte meine Tochter noch nicht sitzen. Erst mit sieben blickte sie mir zum ersten Mal in die Augen. Als sie neun war, trug ich sie noch immer auf der Hüfte. Mit 17 ihr erster schriftlicher Satz." Heute ist sie 33 Jahre alt und kann studieren – obwohl viele ihr das nicht zugetraut hätten. Hannah lebt bei ihren Eltern, auf deren Hilfe ist sie angewiesen. Sie hat von Geburt an frühkindlichen Autismus, das Kanner-Syndrom, gekoppelt mit einer Hochbegabung. Auf Fremde macht sie den Eindruck, als würde sie in ihrer ganz eigenen Welt leben. Als genüge sie sich selbst. Doch dieser Eindruck täuscht.

 

„Die Ärzte verboten mir, an ihrem Bett zu wachen"

„Mein Kind ist krank, sagte ich schon im Kreißsaal", erzählt Erika Klein. Doch die Ärzte wiegelten ab. Trotz Auffälligkeiten wie unterschiedlich großen Augen, ständiger Mittelohrentzündung und ununterbrochenem Geschrei wurde die Behinderung in den ersten Lebensmonaten nicht erkannt. Das hatte tragische Folgen für das kleine Mädchen. Als sie ein Jahr alt war, musste sie mit hohem Fieber in die Klinik gebracht werden. Dort verboten die Ärzte Erika, Tag und Nacht am Kinderbettchen zu wachen. „Und dabei brauchte meine Kleine mich doch, meine Nähe und Berührungen. Irgendwann reichte es mir. Ich ließ mich nicht mehr vertreiben", sagt sie. Doch trotz allem bekam Erika ein traumatisiertes Kind zurück. Hannah, die bis zu diesem Zeitpunkt laufen und zwei Worte, „Auto" und „Radio", formulieren konnte, fiel durch dieses Erlebnis auf den Entwicklungsstand eines Neugeborenen zurück. „Seitdem vertraue ich nicht mehr auf andere, sondern höre nur auf mein eigenes Gefühl. Ich ließ Hannah nicht mehr allein. Versuchte immer, ihr all das zu geben, was sie brauchte."

 

Späte Diagnose Autismus

Autismus – diese Diagnose wurde erst gestellt, als das Mädchen zehn Jahre alt war. Besser wurde dadurch nichts. Es gab damals keine gute Therapie, keine Medikamente, keine Selbsthilfegruppen. „Ich war am Tiefpunkt, fühlte mich elend und alleingelassen. Manchmal wollte ich am liebsten mein Kind nehmen und mich vom Hochhaus stürzen. Dann stieß ich zum Glück auf Carl Delacato, einen amerikanischen Neurowissenschaftler. Er untersuchte meine damals elfjährige Tochter und entwickelte ein Therapieprogramm mit speziellen Aufgaben für sie. „Drei Jahre lang täglich zwei Stunden Übungen, die die zwei gemeinsam machten. Egal ob Hannah schrie, bockte oder ob gerade Feiertag war. Der Sinn der Therapie war, das Gehirn mehrmals täglich so zu reizen, bis es die geübten Aufgaben selbst durchführen kann. Sie erreichten Großes: Hannah hörte auf, ständig zu schreien, wurde beweglicher und mitteilungsfreudiger. „Trotzdem ist die Betreuung für mich noch immer sehr anstrengend", gibt Erika zu. „Bis vor sieben Jahren war ich für Hannah tatsächlich rund um die Uhr im Einsatz." Was viele nicht bedenken: An Hannahs Seite kommt man auch in der Nacht nicht zur Ruhe. Sie schläft niemals durch. Manchmal, wenn sie nachts aufwacht, packt sie die Angst. Die meisten Menschen erleben eine Vielzahl verschiedener Gefühle. Hannah kennt nur zwei: Angst und Freude. Dazwischen gibt es für sie nichts. Überraschung, Verunsicherung, Ärger – all das taucht bei ihr als Angst auf. „Ich schrecke oft aus dem Schlaf, weil Hannah aufwacht, mich packt oder laut schreit. Im Alltag helfe ich ihr dabei, ihre Gefühle auszudrücken. Ich bin sozusagen ihr Gefühlsübersetzer. Ich erkenne einfach, wie es ihr geht. Sehe, was sie möchte, wenn sie um Worte ringt, aber keine findet. Ich habe immer das Gefühl, besonders stark mit ihr verbunden zu sein. Stärker als andere Mütter und Töchter. Als wäre da noch die Nabelschnur zwischen uns."

 

„Ich möchte auf eine normale Schule gehen"

Seit einigen Jahren zeigt Hannah sogar Gefühle, kommt zu ihrer Mutter oder ihrem Vater und umarmt sie. „Einmal hat sie tatsächlich erkannt, dass es mir nicht gut geht", erinnert sich Erika. „Ich war traurig, saß in mich gekehrt auf dem Sofa. Hannah kam auf mich zu, setzte sich zu mir und strich mir sanft über die Wange. Genau solche Momente sind die Lichtblicke in unserem Leben, die mir die Kraft zum Weitermachen geben." Oft wird Erika Klein gefragt, warum sie sich für ihr Kind aufopfert. Denn viele sagen, Hannah könne doch auch im Heim leben. „Meine Antwort ist immer die gleiche: Ohne meine Tochter wäre ich nie der Mensch geworden, der ich heute bin. Ich bin ein glücklicher Mensch, eine glückliche Mutter. Und besonders froh macht es mich mitzuerleben, dass Hannah jeden Tag mehr am Leben teilnimmt."

 

Hannah ist hochbegabt

Wie Hannah ihre Welt sieht? Sie empfindet ihr Leben als Chance, da ist sich ihre Mutter sicher. Sprechen kann Hannah nicht, nur Laute bilden. Erst seit sie 17 Jahre alt ist, kann sie sich ihrer Umwelt mitteilen – über einen Computer. Vorher war die Technik noch nicht so weit. Hannah besuchte damals eine Schule für Behinderte. Einer der Lehrer zeigte ihr den neuen Computer. Hannah verstand schnell und schrieb ihren ersten Satz: „Ich bin nicht geistig behindert. Ich will auf eine normale Schule!" Tests bestätigen: Sie ist hochbegabt, beherrscht weit mehr als die Grundkenntnisse von Englisch, Latein, Mathe und Deutsch. „Als meine Tochter jünger war, habe ich Schülern Nachhilfe gegeben. Hannah war immer dabei. Sie muss zugehört, aufgepasst und gelernt haben", vermutet Erika Klein. „Neulich habe ich sie gefragt, seit wann sie lesen kann. Ihre Antwort: ,Seit ich vier bin.'" Als kleines Mädchen hat Hannah immer im großen Lexikon der Familie geblättert. Ihre Mutter erklärt: „Sie besitzt ein fotografisches Gedächtnis. Hat sich auf diese Weise viel Wissen angeeignet. Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass das geht."

 

„Immer öfter bemerke ich Freude bei meiner Tochter"

Die Schule hat Hannah mithilfe von Schulbegleitern bis zum Abitur geschafft. Sie braucht Hilfe beim Anheben ihres Arms. Nur so kann sie mit dem Computer schreiben. Das nötige Wissen für die Abiturprüfung steuerte sie aber selbst bei. Das Ergebnis: ein Abschluss mit 2,0. Heute studiert Hannah im 4. Semester Philosophie. Sie ist sehr sprachgewandt, verfasst eigene philosophische Abhandlungen. Eine erfolgreiche junge Frau. Aber wie es ihr damit geht, ob sie stolz auf ihre Leistungen ist, das kann Hannah nicht sagen, über sich selbst schweigt sie beharrlich. „Ihre Gefühle so zu äußern, dass andere es verstehen, das kann Hannah nicht", berichtet ihre Mutter. Doch sie entwickelt sich gut: Erika Klein bemerkt immer öfter Freude bei ihrer Tochter. „Das macht mich glücklich! Es zeigt mir, dass Hannah auf einem guten Weg ist. Sie hadert nicht mit ihrem Schicksal. Hannah mag ihr Leben." Und sie löst sich immer mehr von ihrer Mutter. Um ihr den Traum vom eigenen, relativ selbstständigen Leben zu ermöglichen, möchte Erika Klein ein Mehrgenerationen-Haus für Behinderte und Nichtbehinderte gründen. Eine Art Genossenschaft mit therapeutischer Kletterhalle, eigener Zeitung, Kräutergarten, in der jeder Mitbewohner seine Talente und Träume ausleben und verwirklichen kann.

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