Diabetes durch Transplantation geheilt?

Verena Elson
Chirurgen operieren einen Patienten
Eine US-amerikanische Diabetikerin kann nach einer sogenannten Inselzelltransplantation auf das Spritzen von Insulin verzichten © Fotolia

Nachdem sie sich 20 Jahre lang Insulin spritzen musste, ist eine US-Amerikanerin jetzt von ihrem Diabetes befreit. Praxisvita erklärt die neue Behandlungsmethode.

Für mehr als zwei Jahrzehnte bestimmten Blutzuckerwerte, Insulinspritzen und Ernährungstabellen den Alltag von Wendy Peacock. Damit ist jetzt Schluss: Seit einer Zelltransplantation am 18. August braucht die 43-Jährige sich kein Insulin mehr zu spritzen und kann essen, was sie möchte.

 

Was passiert bei Typ-1-Diabetes?

Bei gesunden Menschen produziert die Bauchspeicheldrüse Insulin – dieses Hormon ist dafür zuständig, den Blutzuckerspiegel zu regulieren. Dazu dockt das Insulin an Rezeptoren an der Oberfläche von Körperzellen an und veranlasst sie, Zucker aus dem Blut herauszufiltern und als „Kraftstoff“ abzuspeichern – so sorgt es dafür, dass der Blutzuckerspiegel niemals zu hoch ansteigt.

Bei Menschen mit Typ-1-Diabetes produziert die Bauchspeicheldrüse kein Insulin mehr. Die Ursache ist meist eine Fehlfunktion des Immunsystems: Das körpereigene Abwehrsystem greift die Zellen der Bauchspeicheldrüse an, die für die Herstellung von Insulin zuständig sind. Diabetiker müssen darum kontinuierlich ihren Blutzuckerspiegel überwachen und selbst Insulin spritzen, um ihn zu regulieren.

 

So funktioniert die Inselzelltransplantation

Das Verfahren, mit dem Wendy Peacock von ihrem Diabetes befreit wurde, nennt sich Inselzelltransplantation. Dabei werden Teile der Bauchspeicheldrüse, sogenannte „Langerhans-Inseln“, eines Spenders in den Körper eines Typ-1-Diabetikers implantiert. Bei den Langerhans-Inseln handelt es sich um Ansammlungen von jeweils 1.000 bis 2.000 Zellen. Die Bauchspeicheldrüse eines Erwachsenen enthält etwa eine Million solcher Zellansammlungen. Gemeinsam sind sie für die Regulierung des Blutzuckerspiegels zuständig.

Obwohl einige Medien von einem weltweit erstmals durchgeführten Verfahren sprechen: Die Transplantation solcher Langerhans-Inseln existiert schon seit Längerem als experimentelle Therapie – in den 1990er Jahren wurde sie erstmals erfolgreich bei Diabetikern durchgeführt. Doch bisher war es Patienten nach einem solchen Eingriff für höchstens fünf Jahre möglich, ohne selbst injiziertes Insulin auszukommen. Danach ließ die Wirkung der transplantierten Inselzellen nach und der Blutzuckerspiegel musste wieder „extern“ reguliert werden. Mediziner forschen darum kontinuierlich weiter nach verbesserten Verfahren, um die Erfolgsrate der Inselzelltransplantation zu verbessern.

Bisher wurden die Inselzellen in das Blutgefäßsystem der Leber implantiert. Wendy Peacock ist die erste Patientin, bei der Mediziner eine neue Methode testeten: Anstatt in die Leber wurden die Inselzellen bei ihr in das „Omentum majus“, auch Darmnetz genannt, eingefügt. Die Mediziner des Diabetes Research Institute (DRI) in Miami, die den Eingriff durchführten, vermuten, dass die Inselzellen im Darmnetz aufgrund seiner guten Durchblutung länger überleben können als in der Leber – das hatten zuvor Laborversuche und Tierexperimente ergeben.

 

Welche Nebenwirkungen hat die Inselzellentherapie?

Zu der zeitlich begrenzten Wirksamkeit der Inselzelltransplantation kommt, dass Patienten nach dem Eingriff dauerhaft sogenannte Immunsupressiva einnehmen müssen – Medikamente, die die Aktivität des körpereigenen Abwehrsystems unterdrücken. So wird verhindert, dass der Körper die transplantierten Zellen als Fremdkörper ansieht und bekämpft. Doch die Einnahme von Immunsupressiva ist nicht ohne Risiko – denn sie macht Patienten anfälliger für Infektionen und einige Krebsarten.

Darum wird die Inselzelltransplantation bisher hauptsächlich bei Patienten durchgeführt, die durch Form oder Schweregrad ihres Diabetes besonders gefährdet sind. Das trifft auch auf Wendy Peacock zu: Sie litt gehäuft an gefährlichen Unterzuckerungen, die sie selbst nicht bemerkte. Solch eine Unterzuckerung kann bei Diabetikern durch eine Überdosierung Insulin entstehen oder, wenn Patienten nicht genug gegessen haben. Im schlimmsten Fall können sie zu einem lebensbedrohlichen Schock führen.

 

Ist Wendy Peacock jetzt geheilt?

Bei Wendy Peacock von der „ersten geheilten Typ-1-Diabetikerin“ zu sprechen, ist sicherlich verfrüht. Denn vor ihr wurde schon bei Hunderten anderer Patienten eine Inselzelltransplantation durchgeführt – und viele von ihnen lebten danach jahrelang, ohne sich Insulin spritzen zu müssen. Da Wendy Peacocks Transplantation nicht einmal einen Monat zurückliegt, kann noch niemand sagen, ob sie länger ohne „externes“ Insulin auskommen wird als diese Patienten. Die US-Mediziner gehen jedoch davon aus und wollen ihre neue Methode an weiteren Patienten testen und weiterentwickeln. Ihr Ziel: Eine vollständige Heilung von Typ-1-Diabetes ohne die Notwendigkeit der Einnahme von Immunsupressiva. Bisher ist Wendy Peacock frei von Nebenwirkungen und freut sich: „Die Vorstellung, dass ich abends schlafen gehen kann und keine Angst haben muss, dass mein Blutzucker sinkt, ist wie ein Gewicht, dass von mir abfällt.“

Hamburg, 14. September 2015

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