Deutsche Senioren bevorzugen Naturheilkunde

Carolin Banser
Senioren schwören auf Naturheilkunde
Mehr als 60 Prozent der Senioren verwenden regelmäßig natürliche Arzneien © Fotolia

Alte Hausmittel, Heiltees, pflanzliche Arzneien: immer mehr Senioren vertrauen der alternativen Medizin – häufig ohne darüber Bescheid zu wissen. Erfahren Sie hier alles zu den Hintergründen einer aktuellen Charité-Studie.

Ein Medikament gegen hohen Blutdruck, dann ein Pfefferminzöl-Präparat, um den pochenden Kopfschmerz loszuwerden, und abends kommt noch ein Schlafmittel aus der Naturheilkunde hinzu – ein Mix, der krank machen kann. Auch Herbert K. (71) weiß sich zu helfen, wenn er Beschwerden hat. Die Selbstmedikation ist gerade bei Senioren eine beliebte Möglichkeit, um sich den mühsamen Weg zum Arzt zu sparen. Doch eine Mischung aus Komplementär- und Schulmedizin kann gefährlich werden. Besonders ältere Menschen sind gefährdet: Jeder Dritte über 70-Jährige nimmt verschiedene Präparate gleichzeitig ein, ohne sich über mögliche Nebenwirkungen bewusst zu sein.

 

Aus Erfahrung gesund

Ätherische Öle, Wadenwickel bei Fieber oder Kräutertees zur Stärkung der Abwehrkräfte – die ältere Generation verfügt über lebenslange Erfahrung mit der Komplementärmedizin, die sie bereits aus ihrer Kindheit kennt. Wissenschaftler der Berliner Charité wollten nun herausfinden, ob ein Großteil der älteren Generation immer noch von naturheilkundlichen Verfahren Gebrauch macht. Das Ergebnis: Fast zwei Drittel der Senioren ab 70 Jahren verwenden als Selbstmedikation regelmäßig alternative Heilmethoden – meist als Ergänzung zur Schulmedizin. Über deren genaue Anwendung und potentielle Wechselwirkungen sind sie häufig nicht umfassend informiert. Befragt wurden rund 800 Senioren in unterschiedlichen Lebensbedingungen: selbstständig lebend, innerhäusliche Pflege, Pflegeheimbewohner.
 Ergebnis: Fast zwei Drittel der Senioren nahmen Präparate der Komplementärmedizin. Am beliebtesten sind Nahrungsergänzungsmittel wie Vitamine/Mineralien (36 Prozent), jeder Dritte vertraut zudem auf pflanzliche Mittel (33 Prozent) und fast ebenso viele schwören auf äußerliche Anwendungen wie Wadenwickel oder ätherische Öle (27 Prozent).

 

Naturheilkunde wird gern mit Schulmedizin kombiniert

Nur ein Viertel der Präparat-Käufe erfolgten aufgrund einer Verordnung durch den Hausarzt oder Heilpraktiker. 59 Prozent der Anwender beschrieben einen positiven Effekt der Komplementärmedizin bei einer geringen Nebenwirkungsrate, 65 Prozent bevorzugten die Kombination aus Komplementär- und Schulmedizin.

 

Risiko Selbstmedikation

58 Prozent der Befragten waren sich jedoch nicht darüber im Klaren, dass die von ihnen verwendeten Selbstkauf-Präparate auch Wechselwirkungen verursachen könnten. Über 40 Prozent informieren ihren behandelnden Arzt nicht über die zusätzliche Einnahme – auch Herbert K. nicht. „Dies ist ein Problem, denn ein Erwachsener im Alter von 70 Jahren bekommt bereits bis zu fünf verschiedene konventionelle Medikamente vom Arzt verschrieben“, so Dr. Michael Teut aus dem Forscherteam vom Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie der Charité. „Wechselwirkungen mit natürlichen Mitteln sind möglich. Unsere Ergebnisse zeigen einmal mehr, wie dringend der Schulterschluss zwischen konventioneller und komplementärer Medizin erfolgen muss." Der Facharzt für Allgemeinmedizin rät Senioren wie Herbert K. zu intensiven Arzt-Patienten-Gesprächen, die hinsichtlich der Selbstmedikation zur Klärung offener Fragen beitragen.

Aloe Vera
Kaum eine Pflanze ist so kraftvoll und vielseitig wie die Aloe Vera. In Verbindung mit Herzmitteln kann sie allerdings Herzrasen hervorrufen© Fotolia
 

Achtung, Wechselwirkung!

In Verbindung mit Medikamenten können auch Heilpflanzen gefährlich werden, da sie in einigen Fällen deren Wirkung beeinflussen. Bei diesen Kräutern ist Vorsicht geboten:

  • Johanniskraut: beeinflusst viele Medikamente wie etwa die Antibabypille, Cholesterinsenker und Herzmittel.
  • Ginkgo: kann das Blut verdünnen, was bei gleichzeitiger Einnahme von Blutverdünnern, etwa bei Herzpatienten, das Blutungsrisiko erhöht.
  • Kamille: kann ebenso die Wirkung von blutverdünnenden Mitteln verstärken. Auch hier drohen Blutungen.
  • Aloe Vera: wirkt abführend, schwemmt viel Kalium aus. In Verbindung mit Herzmitteln kann das zu gefährlichem Herzrasen führen.
  • Mistel: verstärkt den Effekt von Bluthochdruck- und Beruhigungstabletten. Deshalb auf keinen Fall kombinieren!
  • Rosskastanie: hemmt die Wirkung von Blutverdünnern, ist aus diesem Grund auch nicht für Herzpatienten geeignet.
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