Der Tsunami im Kopf: Das passiert bei einem Trauma

Traumatisierter Rettungssanitäter
Wenn Menschen in ihrem Beruf – wie beispielsweise Rettungssanitäter – häufig mit traumatisierenden Ereignissen konfrontiert werden, kann das zu einer posttraumatischen Belastungsstörung führen © Fotolia

Was passiert im Menschen bei einer posttraumatischen Belastungsstörung? Erfahren Sie hier, wie ein Trauma entsteht und was mit dem Gehirn eines traumatisierten Menschen passiert.

Drei Jahre liegt sein erster Einsatz als Rettungssanitäter zurück. Tobias S. hielt sich für extrem belastbar. Er mochte den Job, war hart im Nehmen. „Privat habe ich die Erlebnisse gar nicht an mich rangelassen – abends war Schluss damit.“ Eines Morgens will er den Zündschlüssel ins Schloss stecken. Doch seine Hände zittern, er kann nicht losfahren. Nichts geht mehr. Am Tag zuvor hatte er Leichenteile einer jungen Frau vom Asphalt aufsammeln müssen – ein Frontal-Crash auf der Autobahn. „Es war, als hätte mein Gehirn mit einem Mal den Dienst verweigert. Als sei es in den Streik getreten.“

 

Posttraumatische Belastungsstörung

„Besser hätte das kein Arzt beschreiben können“, sagt die Traumatologin Linda Christiansen. „Oft ist es dieses eine Mal zu viel. Das Gehirn kann Erlebnisse nicht mehr verarbeiten, es verweigert den Einsatz. Im schlimmsten Fall zieht sich das Netz des Traumas immer enger um das Leben des Opfers“, so die Klinische Psychologin an der Universität Köln. „Viele sind über Monate arbeitsunfähig, verlassen ihr Haus nicht mehr. Sie sind wie paralysiert.“ Das sind Folgen einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS).

Egal, ob Einbruch oder Autounfall, Naturkatastrophe oder Krieg, Mobbing oder Scheidung: Viele Ereignisse können ein Trauma auslösen – am Ende ist es die Ohnmacht gegenüber einer als existenzbedrohend empfundenen Situation. Mediziner, Psychologen und Neurowissenschaftler entwickeln Therapien, mit denen sich die unkontrollierbaren Erinnerungen beherrschen lassen. Und sie wollen wissen: Was passiert im Kopf, was geschieht im Gehirn, wenn Menschen aus heiterem Himmel ein Trauma erleiden?

 

Die Folter der Erinnerung: Traumatisierte Soldaten

Als Jens S. fluchtartig die Wohnung seines Freundes verlässt, weiß er selbst nicht, warum. Seitdem macht er einen Bogen um dessen Haus und geht auch nicht mehr ans Telefon, wenn der Freund anruft. Sein Therapeut wird später herausfinden: Es war dieser Song – derselbe, der vor einem Jahr in Jens’ Auto lief, bevor ihn die Scheinwerfer eines in Gegenrichtung auftauchenden Fahrzeugs blendeten. „Trauma-Opfer entwickeln mitunter bizarre Verhaltensweisen, sie meiden Orte und Situationen, die auf den ersten Blick gar keine Verbindung zum Ursprungsereignis aufweisen. Das sogenannte Meidungsverhalten ist nur einer von drei Symptomkomplexen“, sagt die Psychologin Ursula Reichwald von der Universität Tübingen. „Es ist eine Spirale der Angst, die sich immer weiter hochschraubt. Wie wir aus der Angstforschung wissen, führt Meidungsverhalten zu einer Verstärkung der Störung.“ Der zweite Symptomkomplex betrifft die Zwangsgedanken. Vor allem Frauen reagieren bei einer posttraumatischen Belastungsstörung mit Rückzug und quälenden Gedanken. Auch die Erinnerungsblitze, Flashbacks, die das Gehirn lawinenartig fluten, gehören dazu. Der dritte Bereich umfasst vor allem körperliche Symptome: verzerrte Wahrnehmung, gestörter Hormonspiegel. Aber auch Schlaflosigkeit, Sucht, Reizbarkeit und Aggressionen. „Eine typisch männliche Trauma-Reaktion“, sagt Linda Christiansen.

Wem Martin J. die Tür öffnet, der schaut erst mal in die Mündung eines Gewehrs. Die Jalousien seiner kleinen Wohnung am Stadtrand von Kiel lässt Martin meist unten. Er ist immer in Bewegung. Sein rechtes Bein wippt, wenn er sitzt. Dann springt er plötzlich auf. Genauso ist es mit seinen Gedanken, sie springen hin und her, am liebsten denkt er gar nicht. Doch das größte Problem sind seine Aggressionen. Zwei Anzeigen wegen Körperverletzung hat der ehemalige Afghanistan-Reservist bereits. „Ich warte auf die ersten Mörder“, sagt Norbert Kröger, ehemaliger Psychiater am Bundeswehrkrankenhaus Berlin. Beispiele aus den USA kennt er genug: Elitekämpfer, die ihre Frauen töteten. Heimkehrer, die Amok liefen. Selbstmörder. Jeder achte Soldat ist traumatisiert, die Dunkelziffer ist erheblich höher.

 

Kann ein Trauma nützlich sein?

Noch längst sind nicht alle Fälle von Alltagstraumatisierungen erforscht: Kinder und Jugendliche sind besonders gefährdet, weil ihr Gehirn noch in der Entwicklung ist. Hirnphysiologische Veränderungen durch Gewaltmedien konnten Forscher wie der Aachener Neurologe Klaus Mathiak bereits nachweisen.

Aber: Es muss – gerade bei Erwachsenen – nicht so weit kommen. Mit seinen Langzeitstudien hat W. Keith Campbell für Aufruhr gesorgt: „Das Trauma ist eine Fifty-fifty-Entscheidung“, sagt der Sozialpsychologe von der University of Georgia. Er fand heraus: Mehr als die Hälfte aller Trauma-Opfer berichten von positiven Effekten auf ihr Leben. Das „posttraumatische Wachstum“ macht tolerantere und rücksichtsvollere Menschen aus ihnen. Und: Nur zehn Prozent erleiden langfristige seelische Schäden.

Zugunglück
Viele Lokführer, die Menschen überfahren haben, leiden unter einer posttraumatischen Belastungsstörung© Fotolia
 

Das Trauma eines Lokführers

Doch auch die stabilste Psyche hat ihre Belastungsgrenze. Gerd H. hat bereits sechs Menschen überfahren, die sich vor seinen Zug geworfen hatten. Trotzdem gab der Lokführer seinen Beruf nicht auf. Doch dann kommt der Tag, an dem er den siebten Menschen überfährt – einen alten, weißhaarigen Mann, der quer über den Schienen liegt. Auf einmal geht nichts mehr. Gerd muss seinen Job aufgeben. Die Bilder von den weiß schimmernden Haaren gehen ihm einfach nicht mehr aus dem Kopf. Eine Qual für ihn – und der Ansatzpunkt für seinen Therapeuten. Das Schock-Erlebnis wird immer wieder durchgesprochen. Wie in einem Film wird das Erlebnis aus verschiedenen Kameraperspektiven beleuchtet. Auf diese Weise soll die eingefrorene Erinnerung aufgetaut und an ihren richtigen Platz gerückt werden.

 

Wie verändert ein Trauma das Gehirn?

Trauma-Patienten leiden genauso wie Opfer von körperlichen Verletzungen. Drei Gehirnregionen sind besonders betroffen: Der Hippocampus, wo entschieden wird, was im Langzeitgedächtnis aufgenommen wird. Der Präfrontale Cortex, der Gefahren einschätzt. Und die Amygdala, unsere emotionale Alarmanlage. In traumatischen Situationen gelangen Eindrücke ungefiltert in die Amygdala, der Schutzwall aus Hippocampus und Präfrontalem Cortex wird überrannt. Folge: Die Erinnerung an den Schrecken verblasst nie.

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