Der tödliche Asthma-Sturm

Malte Hill
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Ein „Asthma-Sturm“ hat in Melbourne für sechs Tote und tausende Notfälle gesorgt – Schuld war ein starkes Gewitter in Verbindung mit erhöhter Gräserpollenbelastung. Kann so etwas theoretisch auch bei uns passieren? Die Meinung der Experten ist eindeutig.

Es war zuerst ein ganz normaler Montagabend in einem frühsommerlichen Melbourne, bis das Gewitter durchzog. Was währenddessen und danach passierte, versetzt die Experten immer noch in helle Aufregung: 1.870 Notrufe, viele davon wegen akuten Asthma-Notfällen, gingen während des Gewitters bei Ärzten und Gesundheitsdiensten ein, insgesamt meldeten sich sogar rund 8.500 Menschen während oder nach dem Gewitter aufgrund von Atemwegsproblemen in den Krankenhäusern. Für sechs Menschen kam jede Hilfe zu spät, sie verstarben nach Asthma-Attacken. Was war passiert?

 

Kein Einzelphänomen

Das Phänomen, dass während und kurz nach einem Gewitter besonders die Asthmatiker leiden, ist nicht unbekannt. Aus Melbourne selbst sind solche Fälle von gravierenden Anstiegen der Asthma-Anfälle schon aus den Jahren 2010 und 1987 bekannt. Auch in einer Untersuchung aus dem US-amerikanischen Atlanta, ebenfalls ein Ort mit überdurchschnittlich häufigen Gewittern, ist belegt worden: Die Zahl der Asthma-Anfälle steigt nach Gewittern. Wie kommt es dazu?

 

Pollen und Gewitter, der tödliche Cocktail

Schuld ist laut Experten das Zusammenspiel aus Blüten- sowie Gräserpollen, starkem Wind und Regen. In Melbourne herrschten zum Zeitpunkt des Gewitters sommerliche Temperaturen von über 30°C und starker Gräserpollenflug. Durch eine nahende Kaltfront entstand ein starkes Gewitter, schwere, kalte Luft schob sich wie ein Keil unter die Warmluft und schob diese nach oben, wo die Wassertröpfchen kondensierten und abregneten. Und die Pollen? Bei stärkeren Gewitterzellen werden die bodennahen Pollen aus unteren Luftschichten bis auf über 10 Kilometer Höhe gehoben, wo sie sich mit Wasser vollsaugen und schließlich in viele winzige Stücke zerbersten. Mit den sogenannten Fallböen werden die Bruchstücke dann wieder zu Boden gedrückt, wo sie von den Betroffenen eingeatmet werden. Jetzt, wo die Pollenfragmente so winzig sind, gelangen sie noch tiefer in die Lunge und verschlimmern den Asthma-Anfall deutlich.

 

Kann sowas auch bei uns passieren?

Eine solche Lage kann auch in Deutschland auftreten, auch wenn die Wahrscheinlichkeit für Schwergewitterlagen mit Starkwind und heftigem Regen hierzulande nicht überdurchschnittlich hoch ist. „Der Anstieg von Allergenen in der Luft, der offenbar am Folgetag des Gewitters einen Höhepunkt erreicht, kann dann bei Asthmatikern Beschwerden auslösen und diese soweit verschlimmern, dass unter Umständen eine Notfallbehandlung erforderlich wird. Selbst Patienten, die bisher nur unter mildem Asthma gelitten haben, sollten sich bewusst sein, dass Gewitter einen lebensbedrohlichen Asthma-Anfall auslösen können“, warnt Dr. Michael Barczok, Vorstandsmitglied des Bundesverbands der Pneumologen und praktizierender Lungenfacharzt. Die deutschen Lungenfachärzte rufen Sanitäter und Krankenhäuser dazu auf, bei entsprechenden Wetterlagen Vorkehrungen zu treffen, um den höheren Anfallszahlen im Ernstfall Herr zu werden.

 

Was kann ich tun?

Auch eine praktische Empfehlung für Betroffene hat Dr. Barczok vom BdP parat: Asthmatiker sollten bei Gewitterlagen generell besser zuhause bleiben und wenn möglich Fenster und Türen geschlossen halten sowie Notfallmedikamente griffbereit haben. Der Einsatz von Allergen-Nasenfiltern, der für normale Anwendungen gedacht ist, könnte hier mitunter aufgrund der Größe der Pollenfragmente an seine Grenzen stoßen. Was bleibt also? Atemschutzmasken nach Industriestandard bieten ab der Schutzklasse FFP3 laut Datenblatt genügend Schutz vor Feinstaub und Aerosolen – Asthmatiker, die auf Nummer sicher gehen wollen, können im Notfall zusätzlich auf solche Profi-Schutzmasken zurückgreifen, um sich abzusichern.

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