Der Tod saß immer mit am Tresen

Bei Alkoholsucht hilft oft Entwoehnungstherapie
2,5 Millionen Deutsche sind alkoholabhängig. Der einzige Ausweg aus der Sucht ist meistens eine Entwöhnungstherapie © Fotolia

„Warum konnte ich es nicht bei einem Bier oder einem Glas Wein belassen? Warum musste ich mich jedes Mal fast bis zur Besinnungslosigkeit betrinken, bis ich meine Glieder nicht mehr spürte und die Gegenstände im Raum umherfliegen sah?“ Es sind Fragen, auf die Susanne Eberst (41) Antworten sucht und keine findet.

„Warum konnte ich es nicht bei einem Bier oder einem Glas Wein belassen? Warum musste ich mich jedes Mal fast bis zur Besinnungslosigkeit betrinken, bis ich meine Glieder nicht mehr spürte und die Gegenstände im Raum umherfliegen sah?“ Es sind Fragen, auf die Susanne Eberst (41) Antworten sucht und keine findet.

Wie viele Filmrisse die Versicherungs-Fachangestellte aus München schon erlebt hat, weil sie sich ohne Limit mit Wodka, Bier oder Wein betrank, weiß sie nicht mehr. Es müssen unzählige gewesen sein. „Ich wundere mich nur, dass ich den jahrelangen Exzess überlebt habe“, sagt sie.

Mehr als zwölf Jahre lang war sie dem Teufel Alkohol verfallen, bis sie im Alter von 37 die Reißleine zog und sich in eine Entwöhnungsklinik einweisen ließ. „Seit vier Jahren bin ich jetzt trocken“, sagt Susanne Eberst. Es ist Stolz, der in ihrer Stimme mitschwingt. Endlich fühlt sie sich wieder als Mensch – und nicht wie ein von Gier gehetztes Tier.

 

Wie die Alkohol-Sucht begann

Auf einer Party in Berlin, ihrer Geburtsstadt, trank sie zum ersten Mal Alkohol. Da war sie 21 und spürte, wie „plötzlich alles leichter wurde“. Warum Susanne in die Sucht abrutschte, weiß sie bis heute nicht genau. In der Therapie, die sie während des Entzugs begonnen hat, wurde ihr bewusst, dass sie ein Mensch ist, der nicht allein sein kann.

Als ihre Eltern aus beruflichen Gründen von Berlin nach München umziehen und sie das Leben danach mit ihrer Schwester zum ersten Mal allein meistern muss, braucht sie den Rausch, um ihre Einsamkeit zu betäuben. „Ich habe mich furchtbar verlassen gefühlt.“ Immer wieder flieht sie von da an vor dem Leben und flüchtet sich in den Alkohol, der sie für kurze Zeit alle Sorgen vergessen lässt.

Besonders schlimm wird es, als sie nach einem Alkohol-Absturz im Hinterzimmer einer Bar vergewaltigt wird. Das Trauma sitzt tief und die Sucht-Spirale dreht sich nun immer schneller. Nüchterne Augenblicke gibt es kaum noch.

 

Entwöhnungstherapie ist Ausweg aus der Alkohol-Sucht

Doch in einem der wenigen klaren Momente registriert Susanne, dass sich in ihrem Leben etwas ändern muss, wenn sie nicht untergehen will. 1995 zieht sie nach München, wo auch ihre Eltern leben, und hofft, in die Idylle ihrer Kindheit zurückkehren zu können. Aber das klappt nur kurz. Sie lernt Stefan (31) kennen, heiratet ihn ein Jahr später. Das Glück zerbricht. Schuld ist ihre Sucht. „Ich konnte leider einfach nicht lange nüchtern bleiben.“

Im Büro ist das anders. Sie hat Angst um ihren Job und reißt sich tagsüber vor ihren Kollegen zusammen. Abends trinkt sie dafür umso mehr – und sitzt am nächsten Tag trotzdem wieder pünktlich an ihrem Schreibtisch.

Besonders schlimm sind die Wochenenden. Dann gibt es kein Halten mehr. Susanne stürzt sich ins Nachtleben, fliegt aus Bars, weil sie Streit mit Gästen beginnt, und findet sich morgens oft betrunken auf dem Bordstein wieder. Manchmal hält ihr Kater bis zu 26 Stunden an. Danach quält sie endlose Scham. Und jedes Mal schwört sie sich, mit dem Wahnsinn aufzuhören.

Doch ihre innere Leere treibt sie zurück an die Theken der Stadt. Freunde hat sie längst nicht mehr. Als sie im Winter 2005 zwei Flaschen Wodka geleert hat und in eine Schneewehe stürzt, glaubt sie, sterben zu müssen. Den Tod vor Augen, denkt sie an ihren kleinen Neffen. „Daran, dass er mir nie verzeihen würde, dass ich mich tottrinke. Da beschloss ich, endgültig mit dem Alkohol aufzuhören.“

Mit 37 Jahren beginnt sie eine Entwöhnungstherapie, in der sie zahlreiche Gespräche mit Therapeuten führt und viel über sich erfährt. Fühlt sie sich heute einsam, sucht Susanne Kontakt zu Menschen, denen es ähnlich geht. Jeder Tag ist ein Kampf. Aber sie ist sicher, dass sie ihn gewinnt. „Endlich bin ich glücklich“, sagt sie.

Quelle: Alles für die Frau, 24/2011

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