Der späte Kinderwunsch

Viele Frauen wollen finanziell abgesichert sein, ehe sie schwanger werden
Erst die Karriere, dann das Kind: Viele Frauen wollen finanziell abgesichert sein, ehe sie schwanger werden © Fotolia

Was, wenn man mit Mitte 30 noch kein Kind hat – aber immer eins wollte? Wie lange hat man wirklich Zeit für diese Entscheidung? Und woher weiß man, dass man bereit ist für ein Kind?

 

"Ich weiß nicht, ob meine biologische Uhr schon richtig laut tickt"

"Und, hast du Kinder?" Die Frage kommt garantiert bei jedem Kennenlern-Small-Talk auf mich zu. Kurz nach "Bist du verheiratet?" Nein. Und nein. Ich bin nicht verheiratet, aber in einer schönen, relativ frischen Beziehung. Und obwohl ich dieses Jahr 37 werde, habe ich noch kein Kind. Das liegt daran, dass ... tja, dass es irgendwie nicht sein sollte. Bisher. Weil: Ich möchte gern Kinder, schon als junges Mädchen war mir klar, dass ich eines Tages Mama sein werde, von zwei Kindern, am liebsten einem Mädchen und einem Jungen. Ich glaube, ich hätte schon zweimal Mama werden können. Nur dass ich bei beiden Malen voller Panik zum Frauenarzt gerannt bin, und mir die Pille danach geholt habe. Weil ein Kind nicht geplant war, obwohl der Vater jeweils mein damals fester Freund gewesen wäre. Eigentlich ist es auch nicht schlimm, dass es noch nicht geklappt hat. Aber wenn ich daran denke, dass es jetzt vielleicht gar nicht mehr klappen könnte, dann bricht für mich wirklich eine Welt zusammen, dann haut das mein ureigenes, seit Jahrzehnten in mir verankertes Bild meines Selbst kaputt.

Ich weiß nicht, ob meine biologische Uhr schon richtig laut tickt. Ich weiß nicht, welche Gedanken sich die Frauen, die geplant schwanger wurden, "vorher" gemacht haben. Wenn ich mir ausmale, wie süß meine Mutter als Oma wäre und dass ich mich eigentlich beeilen müsste, weil meine Mutter schon 70 ist und sie vielleicht mein erstes Kind gar nicht mehr sehen wird – tickt dann meine Uhr? Ich wünschte, ich könnte die Frauen, die diesen Text jetzt lesen, sehen: Haben Sie gerade genickt? Aber wenn meine Uhr tickt, warum will ich dann nicht einfach ein Kind, sondern auch den Mann dazu, das finanzielle Polster, die geistige Reife, die passende Wohnung ...?

 

Zu viele Zukunftsgedanken legen den Kinderwunsch oftmals auf Eis

Ich würde nicht schwanger werden wollen, um das Kind dann allein großzuziehen. Ich möchte das mit meinem Partner machen. Ich habe ja eine wunderbare Beziehung, doch sie ist erst acht Monate alt. Ich kann mir vorstellen, dass mein Freund, der schon einen erwachsenen Sohn hat, der Vater meiner Kinder wird. Wir haben auch schon darüber geredet, und er würde auch ein Kind mit mir wollen. Aber lasse ich deswegen jetzt den Nuvaring im Kühlschrank verrotten? Nein. Weil da in mir drin diese Angst ist, dass unsere Beziehung das alles vielleicht doch nicht so gut aushält, dass unsere Liebe in den durchgebrüllten Nächten, den Sorgen, der Verantwortung, meiner Mutterrolle, irgendwie untergeht. Dass wir das nicht mehr schön hinkriegen mit dem Paarsein, dass wir "nur noch" Mama und Papa sind, dass es kriselt – wie bei den meisten Paaren mit Kind, die ich kenne. Oder dass ich unzufrieden werde, weil ich mein altes, freies – und relativ verantwortungsloses – Leben aufgeben musste, weil ich mich dann nicht mehr spontan auf einen Wein mit meinen Freundinnen treffen kann. Und dann ist da noch mein Job, den ich liebe, und die Ungewissheit, wovon ich leben soll, wenn ich ein Kind habe. Und ob ich dann wieder zurück in den Beruf kann. Ich möchte nicht abhängig sein vom Einkommen meines Freundes.

Warum Frauen erst spät Mütter werden

Bildung
Je höher der Schulabschluss, desto größer der Anteil der Frauen, bei denen im Alter von 35 bis 39 Jahren kein Kind im Haushalt lebt. Bei Frauen mit Hochschulreife sind das 41 Prozent.

Beruf
Die Ehe hat als Versorgungsmodell ausgedient – und so konzentrieren sich viele Frauen zunächst aufs Geldverdienen und ihre Karriere.

Beziehung
Viele Frauen, die erst mit Ende 30 schwanger werden, geben an, vorher noch nicht den richtigen Partner für die Familiengründung gefunden zu haben.
 

Bis es zu spät ist

Manchmal frage ich mich, was wäre, wenn es einfach passieren würde. Wenn ich plötzlich schwanger würde, ungeplant. Die Antwort ist dann auf einmal ganz klar: Ich würde das Kind behalten. Ich würde es kriegen. Und ich würde mich wahnsinnig freuen – nach dem ersten Schreck. Schon komisch. Wenn es zufällig passieren würde, dann geht alles. Das mit meinem Freund, dem Job. Nur, wenn ich es selber entscheiden soll, habe ich offenbar den Mut nicht. Dann bekomme ich diese Ängste, schiebe das Thema um einen Monat weiter von mir weg, indem ich den Nuvaring aus dem Kühlschrank hole. Dann wieder einen Monat weiter. Und noch mal. Und noch mal. Bis ... ja, bis wann eigentlich? Bis es zu spät ist?

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