Der Glaubenskrieg um das Salz

Rasmus Cloes
Früher galt es als weißes Gold – heute ist es eine mögliche Gefahr für die Gesundheit: Salz
Früher galt es als weißes Gold – heute ist es eine mögliche Gefahr für die Gesundheit: Salz © Alamy

Zu viel Salz ist ungesund – das scheint bewiesen. Ob das wirklich stimmt, darüber streiten Wissenschaftler jedoch erbittert. Die Fronten sind verhärtet. Die Verlierer sind wir alle. Eine neue Studie zeigt jetzt, was der Kern des Problems ist: es mangelt an Kommunikation.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt nicht mehr als fünf Gramm Salz pro Tag. Hauptgrund dafür: das darin enthaltene Natrium. Dessen Aufnahme sollte laut WHO täglich nicht über zweit Gramm liegen – sonst drohen gesundheitliche Schäden, allen voran Bluthochdruck. Langfristig erhöht das das Risiko, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden. Das glauben zumindest die Befürworter der sogenannten „Salz-Hypothese“, zu denen auch die WHO zählt.

Wie viel Salz darf auf unserem Speiseplan stehen? Experten sind sich uneins
Wie viel Salz darf auf unserem Speiseplan stehen? Experten sind sich uneins © Alamy

Allerdings gibt es unter Experten ein – etwas kleineres – Lager, welches den Sinn solcher Richtlinien infrage stellt. Zwar zweifelt auch keiner dieser Experten daran, dass zu viel Salz irgendwann schadet. Aber das gilt letztlich für alles, was wir zu uns nehmen. Sie kritisieren Richtlinien wie die der WHO als weltfremd, sinnlos und möglicherweise sogar schädlich. Eine Studie berichtet zum Beispiel von schlechten Insulin- und Cholesterinwerten – verursacht durch eine reduzierte Aufnahme von Salz. Unterm Strich, so glauben die Wissenschaftler, liegt der Schaden über dem Nutzen.

Eine komplizierte Situation, die auf den ersten Blick aber nicht ungewöhnlich für die Wissenschaft ist. Denn: Eine klare Antwort zu finden ist oft schwierig und dauert lange. In diesem Fall spielen aber nicht allein die Fakten eine Rolle, wie eine neue Studie in der Fachzeitschrift International Journal of Epidemiology zeigt.  

Wissenschaftler der Columbia Universität in New York haben sich der Salz-Frage genähert – allerdings ohne sich einem der Lager zuzuordnen. Vielmehr waren die Salz-Forscher selbst das Thema. In ihrer Studie untersuchten die New Yorker Wissenschaftler, welche Quellen Befürworter und Gegner zitieren. Dabei zeigt sich: Beide Seiten kritisieren sich zwar lautstark – sie hören sich aber nicht an, was das Gegenüber zu sagen hat. Es ist wie ein Ehekrieg der Wissenschaft.

 

Wissenschaftler zitieren nur, was ihnen gefällt

Eine besondere Rolle bei der Analyse des Forscherteams um den Epidemiologen Ludovic Trinquart spielen sogenannte systematische Übersichtsarbeiten. Sie sollen die Ergebnisse aller zum Thema passenden Studien zusammenfassen. Nur scheint genau das nicht zu passieren. „In vielen Artikeln werden nur Studien zitiert, die das Ergebnis stützen“, so Trinquart. Alles andere falle weg. Hinzu komme, dass ein Großteil der Studien aus der Feder einiger weniger Autoren stamme, die immer wieder die gleiche Meinung verträten.

Forschung gegen Geld: Wie unabhängig ist von der Industrie bezahlte Wissenschaft?
Forschung gegen Geld: Wie unabhängig ist von der Industrie bezahlte Wissenschaft?© Fotolia

Wie die Forscher anhand von Grafiken zeigen konnten, bilden sich so Netzwerke von Autoren, die sich immer wieder gegenseitig zitieren und so ihre jeweiligen Thesen bestätigen. Diese Netzwerke finden sich auf beiden Seiten. Zwischen den Seiten herrscht praktisch kein Austausch, dafür aber jede Menge Missgunst.

Auf die Bitte, die Studie von Trinquart zu kommentieren, sagte ein bekannter Wissenschaftler und Salz-Gegner, dass Papier sei „Müll“. Es würde nicht erkennen, dass „die Mehrheit der Forschung gegen Salzreduzierung von der Industrie finanziert wird.“ Eine Methode, wie sie sonst von Tabakfirmen angewandt wird. Das berichtet John Ioannidis, Redakteur beim International Journal of Epidemiology. Dass finanzielle Anreize Forschungsergebnisse verzerren, ist lange bekannt und durch zahlreiche Studien belegt. Der Vorwurf scheint also zumindest zum Teil berechtigt.

Jene, die den Salz-Feinden übertriebenen Aktionismus vorwerfen, scheinen damit allerdings auch nicht ganz falsch zu liegen. Denn anscheinend kann nicht nur Geld Wissenschaftler in die Irre leiten, der feste Glaube an eine Idee ist dabei ebenso erfolgreich. Das zeigt eine Studie in der Fachzeitschrift Advances in Nutrition.

 

Was bleibt mitzunehmen?

Beim Ehekrieg leiden oft besonders die Kinder. Und auch in diesem Fall gibt es einen unschuldigen Dritten, der verliert: die Allgemeinheit. Denn, wenn die beiden Lager sich in Zukunft nicht versöhnen und konstruktiv zusammenarbeiten, wird es wohl keine eindeutige Antwort darauf geben, wie viel Salz auf unserem Speiseplan stehen darf. Es bleibt unklar, ob es auf die eine oder andere Weise für Tausende  oder sogar Millionen Todesfälle verantwortlich ist.

Einen Gewinner gibt es bei der Geschichte aber vielleicht doch: Es sind all jene, die Gewissensbisse plagten, weil sie von der strengen WHO-Empfehlung wussten, es aber nicht schafften, ihr zu folgen. Sie können sich entspannt zurücklehnen und hoffen, vielleicht doch das Richtige zu tun.

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