Der geheime Heil-Code unseres Körpers

Unser Körper verfügt über erstaunliche Selbstheilungskräfte
Gerinnungsfaktoren im Blutplasma lassen das Blut verklumpen. Dadurch fließt es deutlich langsamer aus der Wunde – bis der Blutfluss schließlich ganz aufhört. Bei Personen, die an einer Blutgerinnungsstörung leiden, verzögert sich diese Verklumpung © shutterstock

Billiarden zerfetzte Gewebezellen, aufgerissene Blutgefäße, zerbrochene Knochen – selbst wenn unser Körper in Trümmern liegt, kann er sich ohne fremde Hilfe wieder aufbauen. Doch woher nimmt er die Reserven dafür?

Mit mehreren Platzwunden im Gesicht, zertrümmertem Kniegelenk und einer klaffenden Fleischwunde liegt Joe Simpson im Schnee – nachdem er 20 Meter tief gestürzt ist. Sein Körper gleicht einem Katastrophengebiet: Die schützende Haut ist tief eingerissen, wie ein Damm, der gesprengt wurde. Aus den aufgeplatzten Stellen strömt ungehindert das Blut wie das Wasser eines Stausees, das nicht mehr zurückgehalten wird. Pro Sekunde feuern die bis zu 3000 Sinneszellen pro Quadratzentimeter Haut Schmerzsignale an das Gehirn – die Wunden brennen, als fasse er glühendes Eisen an. Zweieinhalb Tage lang kriecht Simpson mit diesen Verletzungen durch meterhohen Schnee und erreicht schließlich das Basislager. Der Bergsteiger überlebt seinen Sturz am Siula Grande und kann nach seiner Genesung wieder klettern. Doch wie hat er es überhaupt so brutal verletzt bis ins Basislager geschafft?

 

Unser Körper spult ein komplexes Programm an Reparaturarbeiten ab

Tatsächlich kann der menschliche Körper in kürzester Zeit Wunden notdürftig stopfen – selbsttätig und ganz nebenbei. Bereits nach zwanzig Minuten sind Simpsons Platzwunden provisorisch versiegelt, aus seiner Fleischwunde strömt eine Stunde später kein Tropfen Blut mehr, nach einer Woche ist die Reparatur der Gesichtshaut fast abgeschlossen. Doch wie gelingt es dem Körper, sich so schnell und effektiv zu versorgen? Er spult ein komplexes Programm an Reparaturarbeiten ab, das jede medizinische Technik in den Schatten stellt: "Wir Ärzte tun nichts anderes, als den Chirurgen im Innern zu unterstützen. Jede Heilung ist Selbstheilung", sagt die Medizinerin Sara Rankin. Die Werkzeuge dafür liegen im Blut selbst. Es enthält Stoffe, die die Wunde abdichten und den Blutstrom stoppen. Eine 0,3 Zentimeter tiefe Schnittverletzung mit einem Küchenmesser etwa versiegelt der Körper innerhalb von fünf Minuten provisorisch. Allerdings hat auch der Körper sein Leistungslimit: Sind Hauptschlagadern oder besonders viele Blutgefäße zerstört, kommt er mit den Reparaturarbeiten nicht schnell genug nach. Dann verliert er zu viel Blut, bevor sich die Wunden schließen können – ab etwa zwei Litern Blutverlust droht einem Erwachsenen Lebensgefahr.

 

Der menschliche Körper bildet im Laufe seines Lebens tausendmal mehr neue Zellen, als die Milchstraße Sterne hat

Doch wenn unser Körper es schafft, seine Wunden zu schließen, kann er mit dem Wiederaufbau beginnen. Für diese Aufgabe hält er spezielle Kraftwerke parat: adulte Stammzellen – sein Ersatzteilreservoir. Diese Zellen besitzen eine einzigartige Fähigkeit, denn sie können sich unbegrenzt teilen und neue Zellen hervorbringen. Mit ihrer Hilfe bildet der menschliche Körper im Laufe seines Lebens tausendmal mehr neue Zellen, als die Milchstraße Sterne hat. Und die treten dann an die Stelle des zerstörten Gewebes. Eine Einschränkung gibt es allerdings: Die adulten Stammzellen sind spezialisiert – Hautstammzellen können lediglich neue Hautzellen bilden. Knochenstammzellen teilen sich zu neuen Knochenzellen.

Mit diesen Bausteinen schafft der Körper es sogar, Knochenbrüche zu reparieren: Das heißt, er kann die beiden Knochenstücke wieder zusammenwachsen lassen. Dabei dient ein Verband oder Gips lediglich als Stütze – die Heilung übernimmt der Körper selbst, und das relativ schnell: Für die Wiederherstellung nach einem Schlüsselbeinbruch benötigt er selten mehr als sechs Wochen, dank der Stammzellen. Die Hautstammzellen sind ebenso leistungsstark: Pro Tag erschaffen sie fast eine Milliarde neue Hautzellen. So erneuert der Körper in etwa zwei Wochen die Haut. Dieser Mechanismus ist es auch, der zerstörtes Gewebe regeneriert. Von der schweren Verwüstung ist dann kaum noch etwas zu sehen.

 

Als Fötus im Mutterleib besitzen wir noch die Fähigkeit, Wunden schnell und gleichzeitig ohne Narben zu reparieren

Das Einzige, was von tiefen Fleisch- und Platzwunden bleibt, sind Narben – steifes, unvollkommenes Gewebe: Der neuen Haut fehlen Nervenzellen, weshalb der Mensch an Narben keine Berührungen wahrnehmen kann. Doch warum heilt unsere Haut trotz ihrer regenerativen Fähigkeiten so fehlerhaft? Der Körper muss ganz einfach wählen: zwischen Schnelligkeit und Präzision. Für sein Überleben spielt hauptsächlich die Geschwindigkeit eine Rolle, schließlich liefert sich der Regenerationsmechanismus einen Wettlauf mit dem hinausströmenden Blut. Außerdem muss der Mensch schnell wieder einsatzbereit sein, um auf Nahrungssuche zu gehen oder Feinde abzuwehren. Und der einzige Nachteil der rasanten Heilung ist die Narbenbildung. Doch dies ist nicht immer so: Als Fötus im Mutterleib besitzen wir noch die Fähigkeit, Wunden schnell und gleichzeitig ohne Narben zu reparieren. Forscher fanden heraus, dass dies nicht am schützenden Mutterleib liegt, sondern an den Eigenschaften der fetalen Zellen: Die Fibroblasten, bewegliche Gewebezellen, etwa verfügen über deutlich mehr vom Enzym Prolyl-4-Hydroxylase, das die Produktion von neuen Zellen in Gang setzt. Zusätzlich enthalten sie die dreifache Menge an Hyaluronsäure. Auch die organisiert das Nachwachsen von neuen Zellen in der Wunde. Der Heilungsmechanismus des Fötus ist so effizient, dass Ärzte notwendige Operationen (zum Beispiel bei Missbildungen) häufig am Ungeborenen vornehmen statt am Säugling.

 

Fötus-Zellen beschleunigen die Wundheilung bei der Mutter

Mediziner hoffen, diese Fähigkeiten bald auch für die schnelle, narbenfreie Wundheilung bei Kindern und Erwachsenen anzuwenden, indem sie die Körperzellen dazu anregen, diese Superstoffe zu bilden. Übrigens profitiert auch die Mutter von den leistungsstarken Zellen des Fötus. Denn einige der fetalen Zellen wandern in ihren Körper, in ihr Blut, in ihr Knochenmark und andere Bereiche. Studien zeigen, dass diese Zellen die Wundheilung bei der Mutter beschleunigen.

Doch selbst ohne fetale Zellen können wir uns schnell selbst reparieren. Jede medizinische Hilfe dient nur unserer Unterstützung. Die eigentliche Arbeit macht unser Körper ...

 

Das Provisorium – Stadium 1

 

Das körpereigene Erste-Hilfe-Programm

Als wichtigste Maßnahme gilt zunächst: die Blutung stoppen. Dafür bilden rote Blutkörperchen und Blutplättchen innerhalb weniger Minuten einen keilförmigen Stopfen. Diese Zellen bleiben an dem netzartig verwobenem Fibrin – einem natürlichen Klebstoff – haften. Der Stopfen beginnt sich zu verfestigen. Die Blutplättchen, eigentlich scheibenförmig, werden zu kugelartigen Körperchen, die mithilfe ihrer tentakelartigen Fortsätze (Scheinfüßchen) an dem Fibrin kleben. So verstopfen die Blutplättchen die offenen Gefäße und verhindern, dass der Körper weiter Blut verliert. Gleichzeitig trocknet der Verschluss aus. An der Hautoberfläche entsteht eine harte Kruste (Schorf), die keinen Tropfen mehr nach außen dringen lässt.

 

Geronnenes Blut

13 Gerinnungsfaktoren im Blutplasma sichern unser Überleben: Proconvertin, Fibronektin, Thrombin und andere Stoffe lassen das Blut verklumpen. Dann fließt es deutlich langsamer aus der Wunde – bis der Blutfluss schließlich ganz aufhört. Fehlt dem Menschen, bedingt durch einen genetischen Defekt, nur einer dieser Gerinnungsfaktoren, kann eine kleine Wunde lebensbedrohlich werden: Bei den Blutern, die an Hämophilie leiden, verzögert sich die Verklumpung, und das noch fließende Blut bricht die Schorf-Kruste immer wieder auf. Um zu hohen Blutverlust zu vermeiden, muss bei den Betroffenen jede Verletzung versorgt werden. Besonders gefährlich sind innere Blutungen, vor allem, wenn sie unbemerkt bleiben.

 

Klebstoff

Neben den Gerinnungsfaktoren spielen die weißen Fibrinfäden bei der Wundversiegelung eine bedeutende Rolle. Das Protein stammt aus dem hinausströmenden Blut und existiert nur für eine einzige Aufgabe: Bei einer Verletzung bildet es ein klebriges Netz, an dem Blutplättchen und rote Blutkörperchen haften bleiben – und dadurch die offene Blutbahn und die aufgerissene Haut verstopfen.

 

Pflasterfasern

Die dichten Baumwollfasern eines Pflasters helfen, die Blutung zu stoppen. Gleichzeitig halten sie Schmutz und Bakterien von der Wunde fern. Neue Hightech-Materialien erlauben es, einen Verband mehrere Tage auf der Wunde zu lassen, sodass sie optimal heilen kann.

 

Das Aufräumen – Stadium 2

 

Angriff auf Bakterien, Viren und Pilzsporen

Mikroorganismen nutzen ihre Chance: Der Schnitt öffnete ihnen den Weg in den menschlichen Körper. Folge: Das umliegende Gewebe entzündet sich. Um sich zu wehren, steigert der Körper die Durchblutung der betroffenen Region. Dadurch gelangen verstärkt Antikörper in das Krisengebiet. Spezialisierte weiße Blutkörperchen greifen eingedrungene Viren, Bakterien und Pilzsporen an. Die sogenannten Fresszellen säubern die Wunde, indem sie das zerstörte Gewebe, wie abgestorbene Blutkörperchen und Hautzellen, zersetzen. Noch während diese Aufräumarbeiten im Gang sind, startet der Körper sein Reparaturprogramm: Stammzellen teilen sich und erschaffen neue Hautzellen, die unter dem Schorf zu einer neuen Hautschicht zusammenwachsen.

 

Stadium 3 – Wie sich die Haut neu erschafft...

Der Wiederaufbau beginnt. Dabei teilen sich Hautstammzellen unterhalb der Kruste und lassen so neues Bindegewebe entstehen. Um die zerstörte Blutbahn zu ersetzen, legt der Körper einen Bypass an. Die Wunde ist verheilt, und der Schorf hat sich abgelöst. Es bleibt eine Narbe – zumindest bei tieferen Verletzungen, bei denen das Bindegewebe zerstört wurde. Denn das neue Gewebe hat sich nicht geordnet gebildet. Stattdessen sind die neuen Hautzellen chaotisch und sehr verdichtet zusammengewachsen. Und es fehlen Haarfollikel und Schweißdrüsen.

 

Stadium 4 – Wundverschluss

Schneller Blutstopp: Die Fibrinfäden verkleben die offene Stelle wie ein Spinnennetz. Daran bleiben die roten Blutkörperchen hängen und blockieren den Blutstrom wie Sandsäcke. Der Wunderstoff Fibrin entsteht aus dem bluteigenen Fibrinogen, das durch den Gerinnungsfaktor Thrombin umgewandelt wird. Dies geschieht aber nur, wenn in einer Wunde das Blut mit dem Kollagen des Bindegewebes in Kontakt kommt. In der unverletzten Blutbahn selbst wird die Bildung von Fibrin durch Hemmstoffe verhindert. Sonst hätte der Stoff verheerende Folgen: Das Fibrin würde alle Adern und Venen verkleben – das Blut könnte nicht mehr hindurchfließen.

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