Der Fremdsprachentrick: die richtige Entscheidung treffen

Verena Elson Medizinredakteurin
Eine Frau blättert in einem Wörterbuch
Wenn wir eine Fremdsprache sprechen, treffen wir rationalere Entscheidungen, zeigen mehrere Studien © iStock

Wenn wir eine Fremdsprache sprechen, funktioniert unser Gehirn anders als im „Muttersprachen-Modus“. Eine aktuelle Studie zeigt jetzt, wie wir diese Tatsache für uns nutzen können.

Wenn Sie fünf Menschen das Leben retten könnten, indem Sie eine Person vor einen fahrenden Zug schubsen – würden Sie es tun? Vermutlich hängt Ihre Antwort davon ab, in welcher Sprache Sie sie geben – in ihrer Muttersprache oder einer Fremdsprache.

Wer in einer Fremdsprache spricht, ist bei dieser Fragestellung mit einer höheren Wahrscheinlichkeit dazu bereit, den einzelnen Menschen zum Wohl der Allgemeinheit zu opfern, als eine Person, die in ihrer Muttersprache spricht. Dieses Phänomen ist Wissenschaftlern schon länger bekannt – bisher war aber nicht klar, warum das so ist. Sind wir im „Fremdsprachenmodus“ eher bereit, das mit der Tötung eines Menschen verbundene Tabu zu brechen? Oder ist uns das Wohl der Allgemeinheit wichtiger, wenn wir eine Fremdsprache sprechen?

Die Vermutung der Wissenschaft lautete bisher: Eine fremde Sprache zu sprechen, verlangsamt die Denkprozesse, zwingt uns, uns zu konzentrieren und um genaues Verständnis der Materie zu bemühen. In diesem Zustand wägen wir genauer ab, welche Entscheidung die beste ist im Sinne aller Betroffenen.

 

Wie verändert sich unser Denken, wenn wir eine andere Sprache sprechen?

Doch das ist nicht der Grund, zeigt eine aktuelle Studie von Wissenschaftlern der University of Chicago und der Pompeu Fabra Universität in Barcelona. Das Team führte sechs Experimente mit sechs verschiedenen Probandengruppen durch. Unter den Probanden waren englische, deutsche und spanische Muttersprachler und jeder von ihnen sprach außerdem eine der anderen Sprachen. Per Zufallsgenerator wurde ausgewählt, wer von den Probanden während des Experiments seine Muttersprache, und wer eine Fremdsprache sprechen sollte.

Die Probanden lasen sich eine Reihe verschiedener Szenarien durch, die ihnen jeweils zwei Handlungsmöglichkeiten boten. Die Frage nach dem Opfern eines Menschen, um fünf Leben zu retten, konnte beispielsweise dahingehend variieren, dass weniger Menschen gerettet würden oder dass die fünf Menschen nur vor leichten Verletzungen bewahrt würden. Das Tabu der Tötung eines Menschen bleibt das gleiche, aber die Konsequenzen variieren.

„Wenn man genug dieser gepaarten Szenarien hat, kann man abschätzen, auf welche Faktoren die Menschen ihre Aufmerksamkeit lenken“, sagt Studienautorin Sayuri Hayakawa.

 

Fremdsprache bewirkt emotionale Distanz

„Wir fanden heraus, dass Menschen, die eine Fremdsprache sprechen, sich nicht etwa mehr für das Wohl der Allgemeinheit interessieren“, so Hayakawa. „Stattdessen haben sie weniger Probleme damit, die Tabubrüche zu begehen, die für Handlungen zum Wohl der Allgemeinheit notwendig sein können.“

Die Wissenschaftler erklären sich das mit der emotionalen Distanz, die uns eine Fremdsprache verleiht. „Unsere Muttersprache lernen wir von unserer Familie, von unseren Freunden, vom Fernsehen“, sagt Hayakawa. „Sie ist durchzogen von all diesen Emotionen.“ Fremdsprachen werden in der Regel später im Leben in Klassenräumen gelernt und aktivieren weniger Emotionen (positive wie negative), so die Forscher.

 

Vor einer wichtigen Entscheidung auf Englisch diskutieren

Frühere Studien hatten ergeben, dass wir auch in wirtschaftlichen Belangen rationalere Entscheidungen treffen, wenn wir eine Fremdsprache sprechen. Die Wissenschaftler erklären sich auch das mit der emotionalen Distanz, die mit dem Sprechen einer fremden Sprache einhergeht: Wenn wir in unserer Muttersprache denken, führt die Angst, ein zu hohes Risiko einzugehen, demnach häufig dazu, dass wir uns Chancen entgehen lassen.

Wer vor einer wichtigen und schwierigen Entscheidung steht – sei sie wirtschaftlicher oder moralischer Natur – kann sich also mit dem Fremdsprachentrick behelfen: Diskutieren Sie das Problem auf Englisch oder einer anderen Fremdsprache, bevor Sie sich entscheiden.

© by WhatsBroadcast

Das könnte Sie auch interessieren
Themen
Copyright 2018 praxisvita.de. All rights reserved.