Der Darm entscheidet, ob die Krebstherapie wirkt

Verena Elson
Darmbakterien
Die Darmflora spielt eine entscheidende Rolle für das Funktionieren des Immunsystems – darauf haben zahlreiche Studien in den vergangenen Jahren hingewiesen © iStock

Ob die Immuntherapie bei Krebs Wirkung zeigt, schien bisher Glückssache zu sein. Zwei Wissenschaftlerteams haben sich jetzt der Frage angenommen, wovon Erfolg oder Misserfolg der Behandlung abhängen – von der Darmflora, lautet die Antwort.

Das menschliche Immunsystem arbeitet nach einem gut organisierten Abwehrmechanismus: Sobald es körperfremde Stoffe wie Bakterien oder Viren erkannt hat, werden sogenannte Antikörper gebildet. Diese heften sich an die „Eindringlinge“ und markieren sie – spezielle Immunzellen wandern dann zu den markierten Stellen und machen sich daran, den Eindringling zu zerstören.

 

Immuntherapie gegen Krebs

Bei Krebs funktioniert dieses Abwehrsystem nicht. Der Grund: Die Tumorzellen ahmen die Struktur gesunder Zellen nach und „verstecken“ sich so vor dem Immunsystem. Seit einigen Jahren gibt es eine neue Therapieform gegen Krebs, die genau dort ansetzt: Das Ziel der sogenannten Immuntherapie ist es, das Immunsystem auf die Krebszellen aufmerksam zu machen und es zu einer Abwehrreaktion zu animieren.

Das Problem: Die Immuntherapie zeigt nicht immer Wirkung. Bei vielen Patienten gelingt es nicht, das Immunsystem auf die Tumorzellen „hinzuweisen“. Warum das so ist, war Medizinern bisher nicht klar.

In zwei aktuellen Studien haben sich Wissenschaftler mit dieser Frage beschäftigt und sind zu folgendem Ergebnis gekommen: Die Lösung liegt im Darm!

Demnach gibt es spezielle Darmbakterien, die die Immunzellen darauf „trainieren“, Tumorzellen zu bekämpfen. Fehlen diese Bakterien, etwa als Folge einer Antibiotikatherapie, hat die Immuntherapie keine Chance auf Erfolg. Die Ergebnisse wurden in dem Fachmagazin „Science“ veröffentlicht.

 

Darmflora entscheidet, ob Immuntherapie anschlägt

Wissenschaftler um Jennifer Wargo an der University of Texas analysierten die Darmflora von 112 Hautkrebs-Patienten, die eine Immuntherapie bekamen. Dabei stellten sie fest, dass die Patienten, bei denen die Behandlung anschlug, eine vielfältigere Darmflora hatten als die Patienten, bei denen die Therapie erfolglos blieb. Auch die Art der Bakterien unterschied sich in den beiden Gruppen.

Ein Forscherteam um Laurence Zitvogel am Gustave Roussy Cancer Center im französischen Villejuif kam etwa zeitgleich in einer unabhängigen Untersuchung zu dem gleichen Ergebnis. Auch diese Wissenschaftler beobachteten einen Zusammenhang zwischen Darmflora und Erfolg der Immuntherapie – und zwar bei 249 Patienten mit Lungen-, Blasen-, und Nierenkrebs.

Ein Bakterium namens Akkermansia muciniphila trat dabei besonders hervor: Es war in der Darmflora von 69 Prozent der Patienten zu finden, die auf die Therapie ansprachen. Unter den Patienten, die nicht von der Immuntherapie profitierten, kam es dagegen nur bei einem Drittel im Darm vor.

 

Stuhltransplantation könnte Erfolgsrate verbessern

In beiden Studien überprüften die Wissenschaftler ihre Thesen anhand von Untersuchungen mit Mäusen. Das US-Team übertrug die Darmflora der menschlichen Krebspatienten in krebskranke Mäuse, die bis dahin einen keimfreien Darm hatten. Mäuse, die Darmbakterien eines erfolgreich behandelten Patienten bekamen, sprachen ebenfalls auf die Therapie an. Bei Tieren, die Darmbakterien eines erfolglos behandelten Patienten bekamen, zeigte die Immuntherapie ebenfalls keine Wirkung. Wurden diesen Mäusen anschließend „gute“ Darmbakterien übertragen, nahm ihr Immunsystem den Kampf gegen den Krebs auf.

Die  Forscher der University of Texas wollen nun in weiteren Studien untersuchen, ob Stuhltransplantationen die Erfolgsrate der Immuntherapie verbessern können.

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