Der blinde Bergsteiger: Wie Jörg von de Fenn ohne Augenlicht die höchsten Gipfel erklimmt

Jörg von de Fenn
Jörg von de Fenn ist passionierter Bergsteiger – seine Blindheit kann ihn davon nicht abhalten © Imago

Nie würde man es für möglich halten, dass hier jemand zum Gipfel unterwegs ist, der weder die Felsen vor sich sieht noch irgendetwas anderes. Jörg von de Fenn ist seit 25 Jahren blind. Praxisvita erzählt seine Geschichte.

1988 entzündeten sich Jörg von de Fenns Sehnerven. Von heute auf morgen erblindete er. Seitdem umgibt ihn ewige Dunkelheit. Nach diesem Schicksalsschlag war nicht abzusehen, dass er einmal auf die höchsten Berge steigen und außerdem Deutscher Meister im Inline-Skaten werden würde, im Gegenteil: Welch eine Katastrophe war die Erblindung für den 18-Jährigen von de Fenn! Vorher hatte er mit seinen Freunden zusammen oft Fußball geschaut, war gesellig und fröhlich. Nun saß er häufig allein zu Hause, auch wenn seine Eltern und sein Bruder ihn so gut es ging unterstützten. „Trotzdem war vieles einfach nicht mehr möglich", erzählt der Berliner. Das alte Leben war unwiederbringlich verloren, Jörg kurz davor zu verzweifeln. Aber wie das im Leben eben so ist: Wenn es am schwersten scheint, öffnet sich unverhofft ein Türchen zum Glück – und in Jörgs Fall kam das Glück in Gestalt einer jungen Frau: seiner Gerlinde.

 

Die große Liebe war seine Rettung

Von de Fenn fand nämlich eine Arbeitsstelle in der Telefonzentrale der Stadtverwaltung. Dort lernten die beiden sich kennen und bald auch lieben. Seine Blindheit hat die 45-Jährige dabei von Anfang an nicht gestört: „Mir war schon klar, dass Jörg nie den Rasen mähen oder im Garten arbeiten kann. Aber ich liebe ihn so, wie er ist."

 

Blind bezwang sogar den Kilimandscharo

Durch Gerlinde, die inzwischen seine Ehefrau ist, fand Jörg von de Fenn seinen Lebensmut wieder, begann intensiv zu trainieren. Und während sie als Beamtin heute für den Lebensunterhalt sorgt, kann er sich auf seine große Leidenschaft konzentrieren: den Extremsport. Dafür braucht von de Fenn natürlich immer Begleiter, die ihm, etwa beim Bergsteigen, über Kommandos den Weg weisen. Mit deren Hilfe hat er es sogar schon auf den fast 6.000 Meter hohen Kilimandscharo in Afrika geschafft. „Eines der schönsten Erlebnisse in meinem Leben", schwärmt er. „Als ich auf dem Gipfel stand, habe ich vor Freude geweint." Seine Blindheit ist in solchen Momenten fast vergessen. Und Jörg von de Fenn weiß, wem er das zu verdanken hat: „Seit ich Gerlinde habe, weiß ich: Man kann auch mit dem Herzen sehen."

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