Der Autist Clay Marzo: Einstein der Wellen

Clay Marzo ist Autist
Clay Marzo ist ein Surf-Genie: Der Autist kann bei jeder Welle genau vorhersehen, wann und wo sie bricht © Corbis

Clay Marzo ist gut, sogar außergewöhnlich gut. Er spürt den Pulsschlag der Meere wie kein anderer Surfer. Er besitzt eine weltweit einzigartige Fähigkeit, die er seinem Autismus verdankt. Denn Marzo ist ein Savant – ein Autist mit einer außergewöhnlichen Begabung.

Sie bringen sich über Nacht das Klavierspielen bei, können sich 20.000 Zahlen in der richtigen Reihenfolge merken oder lernen 25 Sprachen in drei Monaten. Weltweit gibt es etwa 100 Savants – Autisten mit einer Inselbegabung, die kein anderer Mensch auf der Welt hat. Clay Marzo ist einer von ihnen. Obwohl jede Welle einzigartig ist, die Wasserberge zu den kompliziertesten Systemen des Planeten gehören und selbst Computer ihren Verlauf nicht berechnen können, weiß er immer genau, wann und wo eine Welle bricht. Eine unglaubliche Gehirnleistung. „Er speichert jede einzelne Welle im Gedächtnis ab, kann dieses Wissen jederzeit abrufen und weiß so bereits beim Anpaddeln der Welle, wie er sie surfen muss", sagt sein Arzt Tony Attwood. „Deshalb ist er allen anderen Surfern immer ein Stück voraus."

 

Diagnose Asperger-Syndrom

Als Clay Marzo ein Jahr alt ist, merkt seine Mutter, dass etwas nicht stimmt: Ihr Junge interessiert sich weder für Spielzeug noch für andere Kinder oder seine Geschwister. Einschlafen kann er nur, wenn seine Mutter ihn im Wasser der Badewanne schaukelt. Mit drei Jahren surft er seine erste Welle. Es folgen Zehntausende weitere. Doch Clay meidet Menschen, schaut niemandem in die Augen. Nur beim Surfen sieht man ihn lachen. Seine Familie ist verzweifelt. Als er 18 Jahre alt ist, wird die Diagnose gestellt: Der Hawaiianer leidet unter dem Asperger-Syndrom. Eine seltene Hirnkrankheit, die Menschen in ihren sozialen Fähigkeiten einschränkt, sie gleichzeitig jedoch mit einer einzigartigen Begabung ausstattet. Wie Albert Einstein, bei dem ebenfalls Asperger vermutet wird. Doch während Einsteins Spezialbegabung im Bereich der Physik lag, ist es bei Clay das Surfen.

 

Ausnahmetalent im Surfen

Kelly Slater hat alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Der neunfache Weltmeister reist seit 17 Jahren um die Welt, stürzt sich haushohe Wellen hinunter und kennt jeden Spot und jeden Gegner auswendig. Als Slater jedoch vor vier Jahren den damals 15-jährigen Clay Marzo im Wasser beobachtete, war er das erste Mal in seinem Leben eingeschüchtert. „Als ich ihn surfen sah, wusste ich: Der Junge weiß Dinge über Wellen, die kein anderer Surfer weiß." Wenige Monate später erhielt Clay Marzo für einen Wellenritt bei den US-Meisterschaften von den Juroren zehn Punkte – eine Bewertung, die vorher nur Kelly Slater einmal erreicht hatte. Für die meisten Experten gibt es daher nur einen Thronfolger: Clay.

 

500.000 Dollar für die Freiheit

Taktik, Regeln, Punktrichter – Clay Marzo kann mit diesen Dingen genauso wenig anfangen wie mit den Interviews, Partys und Bikini-Girls, die zu jedem Surfcontest gehören. Für den Autisten ist diese Welt fremd und beklemmend. Er ist Freesurfer: Während die meisten anderen Profis um Preisgelder und Titel kämpfen, sitzt Marzo auf seinem Brett vor der Küste Mauis oder reist mit Freunden um den Globus und surft an den entlegendsten Orten der Welt. Gesponsert wird er dabei von Quiksilver, der größten Surffirma der Welt. Sie zahlt dem jungen Hawaiianer jedes Jahr 500.000 Dollar. Einzige Bedingung: Marzo lässt sich beim Surfen filmen, und die Videos werden verkauft. Ein lukratives Geschäft – für beide Seiten...

 

100 Wellen jeden Tag

„Nimm endlich eine Welle", ruft sein Bruder ihm zu. Seit 20 Minuten sitzt Clay Marzo im Wasser. Doch statt sich wie die anderen Surfer die meterhohen Wasserberge hinunterzustürzen, beobachtet der 19-Jährige jede noch so kleine Welle. Fasziniert studiert er ihre Form, ihren Aufbau und den Moment, in dem sie bricht. Wenn er sich dann jedoch für eine Welle entscheidet, ist es, als würden ihm unsichtbare Fesseln abgenommen. Er surft so tief in die Tunnel der Wellen wie kein anderer, springt meterhoch und dreht sich dabei bis zu 360 Grad um die eigene Achse. Bis zu acht Stunden verbringt er so jeden Tag im Wasser und reitet dabei oft mehr als 100 Wellen ab.

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