Depressionen: Erste Pille, die sofort wirkt

Verena Elson Medizinredakteurin
Herkömmliche Antidepressiva wirken in der Regel erst nach zwei bis sechs Wochen
Herkömmliche Antidepressiva wirken in der Regel erst nach zwei bis sechs Wochen Foto:  AleksandarNakic/iStock

Ein Medikament, das innerhalb weniger Tage gegen Depressionen wirkt – und das ohne Nebenwirkungen: das versprechen sich US-Forscher von ihrer neuen Entdeckung.

Das Team um Carla Nasca an der Stanford University fand in der aktuellen Studie heraus, dass Menschen mit Depressionen ein auffällig niedriges Level des sogenannten Acetyl-L-Carnitin (ALC) im Blut haben. 

Dabei handelt es sich um ein Molekül mit einer wichtigen Aufgabe: Es transportiert energiespendende Fettsäuren durch die Membranen der Mitochondrien, also der „Zellmotoren“. In den Mitochondrien werden die Fettsäuren gespalten und Energie wird freigesetzt.

ALC ist in der Lage, die Blut-Hirn-Schranke zu passieren – das macht es zu einem besonders wichtigen Energielieferanten für das Gehirn. Dieses Organ benötigt mehr Energie als alle anderen, damit die kontinuierliche Kommunikation zwischen den Neuronen reibungslos funktioniert – darum sind Gehirnzellen mit einer besonders hohen Zahl an Mitochondrien ausgestattet, die alle mit Energiespendern versorgt werden wollen. Zusätzlich spielt ALC bei der Produktion des wichtigen Botenstoffes Acetylcholin eine Rolle.

Da ALC Beobachtungen zufolge die Gedächtnisleistung steigert, wird es auch als „Gehirndoping“ in Form von Nahrungsergänzungsmitteln vertrieben. Darüber hinaus werden ihm weitere positive Eigenschaften zugeschrieben – so soll es die Fettverbrennung fördern und die Muskelarbeit unterstützen.

 

Depressive Menschen haben niedrigen ALC-Spiegel

Frühere, ebenfalls von Nasca geleitete Untersuchungen hatten gezeigt, dass ein Mangel an ALC bei Nagern depressives Verhalten fördert. Wurden erkrankte Tiere mit ALC behandelt, verschwanden die Symptome wieder – und zwar innerhalb weniger Tage.

Nascas aktuelle Studie liefert nun Hinweise darauf, dass die damals gewonnenen Erkenntnisse auf Menschen übertragbar sind. Das Team rekrutierte 20- bis 70-jährige Frauen und Männer, die an mittelschweren bis schweren Depressionen litten. 

Die Forscher verglichen ihre Blutproben mit denen von 45 gesunden Probanden im gleichen Alter und stellten fest, dass die ALC-Spiegel der Erkrankten deutlich niedriger waren. Die niedrigsten Werte hatten demnach Patienten mit schweren Depressionen, die außerdem schlecht auf herkömmliche Medikamente ansprachen.

 

Schnelle Hilfe für Patienten

Die aktuell zur Verfügung stehenden Antidepressiva haben einen Nachteil, den Nasca und ihr Team zu umgehen suchten: Sie wirken in der Regel erst nach rund vier Wochen. Warum es zu dieser langen Wirkverzögerung kommt, ist noch nicht endgültig geklärt – Mediziner haben aber eine Vermutung: Die Wirkung der Medikamente beruht auf einem Ausgleich des Mangels an speziellen Botenstoffen. Forscher glauben, dass die Gehirnzelle in dem Bemühen, diesen Mangel selbst auszugleichen, mehr Rezeptoren (Andockstellen für die Botenstoffe) bildet – kommt durch die Medikamenteneinnahme wieder mehr Botenstoffe an der Zelle an, reicht es zunächst immer noch nicht aus, um alle Rezeptoren zu „bedienen“ – erst wenn die Gehirnzelle sich auf die neue, ausreichende Versorgung mit dem Botenstoff eingestellt hat und sich einige Rezeptoren wieder zurückgebildet haben, passen „Angebot und Nachfrage“ wieder zusammen. Dieser Prozess kann einige Wochen in Anspruch nehmen.

Diesen Nachteil würde es bei einem neuen Medikament, das auf ALC als Wirkstoff basiert, nicht geben, vermuten die Forscher. Zum einen weist der schnelle Einsatz der Wirkung in den Tierexperimenten darauf hin, zum anderen spricht der sich deutlich von den herkömmlichen Antidepressiva unterscheidende Wirkmechanismus dafür.

Zudem rechnen die Forscher mit weniger Nebenwirkungen bei den neuen Medikamenten. Zunächst soll jedoch die Wirkung von ALC als Antidepressivum in weiteren Untersuchungen geprüft werden. Erste Hinweise auf positive Ergebnisse gibt es bereits: So weist eine Anfang dieses Jahres veröffentlichte Studie darauf hin, dass die Einnahme von ALC als Nahrungsergänzungsmittel Depressionssymptome zumindest bei älteren Patienten deutlich zurückgehen lässt.

Quellen:
Nasca, C. et al. (2018): Acetyl-l-carnitine deficiency in patients with major depressive disorder, in: Proceedings of the National Academy of Sciences.

Veronese, Nicola, et al. (2018): Acetyl-L-Carnitine supplementation and the treatment of depressive symptoms: A systematic Review and Meta-analysis, in: Psychosomatic medicine.

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