Depression erkennen und richtig behandeln

Redaktion PraxisVITA
Kapitel
  1. 1. Überblick
  2. 2. Ursachen
  3. 3. Symptome
  4. 4. Diagnose
  5. 5. Behandlung
  6. 6. Vorbeugung
  7. 7. Das sagt der Experte

Wie kann ich eine Depression erkennen und richtig behandeln, wie mit einer depressiven Verstimmung umgehen? Unser Experte Dr. Hans-Peter Unger, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, beantwortet diese und viele weitere Fragen rund um das Thema Depression.

Traurig oder depressiv verstimmt: Woran erkenne ich den Unterschied?

Das Traurigsein – die Trauer – ist ein emotionaler Zustand, der in vielen Fällen durch den Verlust einer wichtigen Person, manchmal auch eines bedeutsamen Besitzes, ausgelöst wird. Aus Sicht der Evolution macht die Trauerreaktion Sinn: Es ist der Preis für unsere hohe Bindung an andere Menschen, unsere sogenannte Empathiefähigkeit. Die Trauer gibt uns die Zeit, uns an den Verlust anzupassen, ihn zu verarbeiten. Wir fühlen uns niedergeschlagen, leiden an vermindertem Appetit und einem vermehrten oder verminderten Schlafbedürfnis, ziehen uns lieber zurück, vielleicht verbunden mit einem Interesseverlust. Aber: Auch wenn ich traurig bin, bleibe ich in der Lage, über meine traurigen Gefühle mit anderen zu sprechen. Der Kontakt zu anderen Menschen reißt nicht ab.

Und wie grenzt sich die Depression davon ab?

In der Depression ziehe ich mich immer stärker von anderen Menschen zurück – bis letztlich der Kontakt ganz abbricht. Ich denke nicht mehr allein über die Frage nach, was mein Leben ohne das Verlorene noch für einen Sinn macht, sondern ich fühle mich wertlos und schuldig. Auch können Suizidgedanken auftauchen und konkret werden. In der Depression verändert sich meine Wahrnehmung von mir selbst und der Welt. Je schwerer die Depression ist, desto weniger bin ich in der Lage, die Aktivitäten des täglichen Lebens wahrzunehmen. Daran kann man eine Depression erkennen. Neben einem Interesse- und Energieverlust und dem Verlust von Freude treten vielleicht auch ausgeprägte Konzentrationsstörungen auf – ich kann zum Beispiel nicht mehr lesen oder Fernsehen schauen.

Experte Unger: Ein an Depression Leidender darf nicht zur Aktivität gezwungen werden.
Experte Dr. Unger: "Ein an einer Depression Leidender darf weder sich selbst zu Aktivität zwingen noch durch andere dazu gezwungen werden. Entscheidend ist der Anreiz zur Aktivität."© privat

Wie unterscheide ich die verschiedenen Schweregrade einer Depression?

Es gibt die leichte, die mittlere und die schwere Depression. Die Ausprägungen können lückenlos ineinander greifen. Ist die leichte Depression durch eine niedergedrückte Stimmung mit dem Gefühl von weniger Freude und Interesse oder Energielosigkeit gekennzeichnet, so kommt bei einer mittleren Depression verstärkt Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit hinzu. Der Selbstwert ist im Keller, ich fühle mich als Versager oder schuldig. Schlafstörungen, Gewichtsverlust und Konzentrationsstörungen treten auf. Bei einer schweren Depression setzt das Gefühl einer ausgeprägten Ohnmacht ein, der Betroffene empfindet es oft so, dass er gar nichts mehr fühlen kann. Ebenfalls spielt der Antrieb eine wichtige Rolle: Bei einer leichten Depression fühle ich mich müde und erschöpft, eine schwere Depression zeigt sich in einer völligen Antriebslosigkeit: Ich bin wie gelähmt, kann nicht mehr aufstehen, alles fällt schwer. Es gibt auch sogenannte agitierte Depressionen – unruhige Depressionen. Dann fühle ich mich rastlos, angespannt, angetrieben, ängstlich. Je schwerer die Depression desto häufiger treten Suizidgedanken auf. Sie sind immer ernst zu nehmen.

Ab wann sollte ich einen Arzt aufsuchen?

Wenn ich merke, dass mein Gefühl der Niedergeschlagenheit, der inneren Lähmung und mein Rückzug von anderen auch nach zwei bis drei Wochen nicht besser wird, sollte ich zum Arzt gehen, denn daran können Betroffene eine Depression erkennen. Bei Suizidgedanken ist sofort ein Arzt aufzusuchen.

An welchen Arzt sollte ich mich dann wenden?

In unserem Gesundheitssystem ist der Hausarzt der erste Ansprechpartner. Die Überwindungsschwelle, zum Hausarzt zu gehen, ist oft am niedrigsten und er kennt Sie am besten. Der Hausarzt kann schauen, ob es eventuell körperliche Ursachen für die depressive Verstimmung gibt. Auch kann der Hausarzt zum Beispiel bei einer leichten Depression durch ein Gespräch schon helfen: Nehmen wir an, der Auslöser der depressiven Verstimmung ist eine aktuelle berufliche Kränkungs- oder Zurücksetzungssituation, oder das Kind funktioniert in der Schule gerade nicht den Vorstellungen entsprechend. Wenn keine Suizidgedanken vorliegen und früher noch keine Depressionen aufgetreten sind, hilft so ein Gespräch mit dem Arzt meist, sich die eigene Situation klarzumachen. Er wird Sie dann in ein bis zwei Wochen wieder einbestellen. Manchmal löst sich in dieser Zeit von selbst etwas. Sollte beim zweiten Besuch die Stimmung genauso schlimm oder schlimmer sein, ist eine fachärztliche oder psychotherapeutische Behandlung einzuleiten.

Was passiert bei einer solchen fachärztlichen Behandlung?

Die Behandlung gründet auf drei Fragestellungen: welche Art von Depression liegt vor, sind Medikamente nötig und welche Psychotherapie kommt in Frage. Obwohl jede Depressionen ähnliche Symptome aufweist – Antriebslosigkeit, Interessensverlust, Freudlosigkeit,  niedergeschlagene Stimmung – gibt es unterschiedliche Arten von Depressionen. Nur einige Beispiele: Es gibt die bipolare Depression im Rahmen einer manisch-depressiven oder bipolaren Erkrankung, die Depression kann eine Reaktion auf ein belastendes Lebensereignis sein oder die Depression tritt im Rahmen einer körperlichen Erkrankung wie einer Schilddrüsenfehlfunktion auf. Hier muss der Facharzt feststellen, welche Art der Depression genau vorliegt.

Und wenn dies feststeht?

Dann gilt es zu schauen, ob Medikamente sinnvoll sind. Eine leichte Depression bedarf in der Regel keiner Medikamente. Bei mittelschweren Depressionen können Psychotherapie oder Medikamente notwendig sein, bei schweren Fällen ist die Gabe von Medikamenten unbedingt erforderlich, oft kann der Betroffene erst dann den Weg der Psychotherapie beschreiten. Allerdings erfordern die verschiedenen Arten der Depression auch unterschiedliche Medikamente. Ein Patient, der sehr viel Angst verspürt, sich in ständiger Unruhe befindet oder unter Schlafstörungen leidet, benötigt ein Medikament, das beruhigt. Handelt es sich aber um eine Depression, die große Antriebslosigkeit auslöst, dann benötigt der Patient ein Medikament, das ihn in seinem Antrieb unterstützt. Bei der Auswahl eines antidepressiven Medikaments ist es neben der Beachtung des Alters eines Patienten auch wichtig, welche anderen Medikamente von ihm bereits eingenommen werden und welche Wechselwirkungen auftreten könnten.

Können auch pflanzliche Mittel für die Behandlung von depressiven Verstimmungen genutzt werden?

Auch hier gilt es, sehr gezielt auszuwählen. Leide ich unter leichten Schlafstörungen, kann beispielsweise ein hochdosiertes Baldrianpräparat helfen. Sehr wichtig ist, zu beachten, dass ich es mindestens ein bis zwei Wochen nehmen muss, bevor es seine volle Wirkung entfaltet. Mindestens ebenso lange brauchen Johanniskrautpräparate. Sie können die Stimmung aufhellen, mir wieder etwas mehr Antrieb geben. Aber: Auch pflanzliche Präparate werden in der Leber verstoffwechselt und können die Wirkung anderer Medikamente hemmen oder beschleunigen. Johanniskraut vermindert zum Beispiel die Wirksamkeit von Cholesterinsenkern, bestimmten Asthmamitteln und der Pille. Auch verträgt es sich oft nicht mit anderen Antidepressiva. Wegen der Wechselwirkungen ist immer ein Arzt zu fragen.

Medikamente
Die verschiedenen Arten einer Depression erfordern auch unterschiedliche Medikamente© shutterstock

Welche Rolle spielt die Psychotherapie?

Die Psychotherapie ist der dritte sehr wichtige Baustein der Behandlung. Neben der Verhaltenstherapie, der Gesprächstherapie und der tiefenpsychologischen Psychotherapie gibt es mittlerweile mehrere Therapieformen, die speziell auf bestimmte Depressionen zugeschnitten sind. Für die vorliegende Depression muss mit Bedacht die passende Psychotherapie ausgewählt werden.

Kann ich auch selbst etwas gegen meine depressive Verstimmung tun?

Zunächst ist es erst einmal notwendig, eine Depression zu erkennen. Wichtig ist der Versuch, sich selbst wieder etwas mehr zu aktivieren. Dabei helfen Spaziergänge, leichte sportliche Betätigungen und vor allem, wieder Kontakt zu anderen Menschen zu suchen. Das Gespräch mit anderen hilft, die eigene Situation besser zu verstehen. Dabei sollte ich mich aber nie unter Druck setzen, der kleinste Schritt ist ein Erfolg!

Ist es bei einer Depression nicht sehr schwierig, mich zu Aktivitäten zu motivieren?

Das ist richtig. Wenn es so einfach wäre, würde sich wohl jeder Betroffene selbst am eigenen Schopf aus der Depression ziehen. Die wichtigste Regel bei der Aktivierung ist: Der Betroffene darf weder sich selbst zu etwas zwingen, noch durch andere zu etwas gezwungen werden. Entscheidend ist der Anreiz zur Aktivität. Der Betroffene selbst kann schauen, was ihm früher Freude bereitet hat, zum Beispiel ein bestimmtes Essen oder eine bestimmte Musik. Das kann er ausprobieren. Sollte er nun keine Freude mehr dabei empfinden, dann sollte er nicht enttäuscht sein. Denn die zweite sehr wichtige Regel lautet: Ohne Erwartung an die Dinge herantreten, denn sonst klappt es definitiv nicht. Dasselbe gilt auch für die Menschen im Umfeld des Erkrankten: Sie sollten ihm immer wieder Anstoß zur Aktivität geben, aber niemals daran Erwartungen knüpfen. Macht der gemeinsame Ausflug an den See keine Freude, dann ist das eben jetzt so. Sollte der Versuch aber etwas Positives beim Erkrankten bewirken, dann gilt es, diesen Erfolg auf beiden Seiten sehr wertzuschätzen. 

Würden Sie den Eindruck bestätigen, dass leichte psychische Erkrankungen heute häufiger diagnostiziert werden als früher?

Definitiv ist das der Fall. Das hat zwei Gründe: Das Diagnoseverhalten der Ärzte hat sich verbessert, Depressionen werden leichter erkannt, und das Gespräch des Arztes mit seinem Patienten über die Diagnose einer Depression ist einfacher geworden.

Und der zweite Grund?

In der Vergangenheit unterlagen psychische Erkrankungen einer großen Stigmatisierung. Eine Depression galt als eine persönliche Schwäche. Meiner Meinung nach löst sich dieses Vorurteil – glücklicherweise – immer mehr auf. Folglich vergrößert sich auch der Behandlungsbedarf, da die Menschen richtigerweise schneller den Arzt aufsuchen und Hilfe suchen. Eine negative Begleiterscheinung liegt darin, dass zum Beispiel in den USA zu schnell Medikamente verabreicht werden. Dagegen wird die Psychotherapie oft unterschätzt.

Empfehlen Sie aus ärztlicher Sicht einen offenen Umgang mit einer Depression am Arbeitsplatz?

Das hängt ganz von der Firma und den Kollegen ab. Aber gerade bei größeren Firmen findet immer häufiger ein offener Umgang mit dem Thema statt. Ein Beispiel: Ein Patient von mir merkte, dass wieder eine Depression im Anmarsch war: Er kam früh sehr schwer aus dem Bett, hatte Probleme mit der termingerechten Fertigstellung von Aufgaben, war unkonzentriert, zog sich immer mehr in sich zurück. Trotzdem wollte er sich nicht krankschreiben lassen, da ihm die Arbeit eine wichtige Struktur gab. Er besprach sich mit dem Betriebsarzt und seinem Chef und es wurde eine Wiedereingliederung am ersten Tag der Arbeitsunfähigkeit vereinbart. Das bedeutet, dass der Betroffene vom Arzt arbeitsunfähig geschrieben wird, am ersten Tag aber die Wiedereingliederung mit 4 Stunden pro Tag beginnt. Das gab meinem Patienten die Zeit, die depressive Phase zu überwinden und gleichzeitig im Arbeitsalltag verhaftet zu bleiben – was für seine Gesundung sehr förderlich war.

Und wenn die Depression durch die Arbeit selbst ausgelöst wird – zum Beispiel durch andauernden Stress?

In solch einem Fall kann es sinnvoll sein, sich eine Auszeit zu nehmen. Jemand, der völlig ausgebrannt ist, muss vom Arzt manchmal auch gezwungen werden, sich krankschreiben zu lassen. Aber die Zeit heilt nicht allein. Hier gilt es, gemeinsam mit dem Arzt schnell und gut die Therapie zu planen, denn eine Krankschreibung allein hilft selten und kann ohne Behandlung dazu führen, dass das Leiden chronisch wird.

Im Interview: Dr. Hans-Peter Unger

Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Chefarzt des Zentrums für seelische Gesundheit der Asklepios Klinik Hamburg-Harburg, Vorstandsmitglied im Deutschen Bündnis gegen Depression, Buchautor: Bevor der Job krank macht

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