Depression beim Partner: 7 Tipps, die den Alltag mit einem depressiven Partner erleichtern

Mona Eichler Health-Redakteurin

Erkrankt ein Mensch an einer Depression, ist nichts mehr, wie es mal war: Neben den Betroffenen selbst gerät das gesamte Umfeld unter Druck – vor allem der Partner. Wie Sie es schaffen, im Alltag liebevoll und gleichzeitig hilfreich mit Ihrem depressiven Partner umzugehen, verrät unser Experte Dr. Hagemann, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, im Interview.

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Inhalt
  1. Depression beim Partner: Wenn das Gegenüber verschwindet
  2. Dem Partner bei einer Depression helfen: 7 wertvolle Experten-Tipps
  3. Depression beim Partner: Wann muss ich mich trennen? 

Der Umgang mit einem depressiven Partner bringt die meisten Menschen an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. Zu dem Gefühl, man verliere sein Gegenüber an die Krankheit, mischt sich ständige Unsicherheit. Das Gedankenkarussell dreht sich um die immer gleichen Fragen. Wie kann ich meinem depressiven Partner helfen? Wann soll ich ihn in Ruhe lassen, wann unterstützen? Und wann muss ich ihn loslassen, um mich selbst zu schützen? 

Fragen wie diese zehren nicht nur an den Kräften. Sie hinterlassen ein Gefühl von Hilflosigkeit, von Wut und Überforderung dem geliebten Menschen nicht helfen zu können. Im Interview gibt Dr. Andreas Hagemann, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, wertvolle Antworten, die den Umgang mit einem depressiven Partner erleichtern. 

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Depression beim Partner: Wenn das Gegenüber verschwindet

Depressionen als psychische Krankheit können Menschen von Grund auf verändern. Eine zuvor aktive, lebensbejahende Person zeigt plötzlich Symptome wie Niedergeschlagenheit, Mut- und Antriebslosigkeit und zieht sich vollkommen zurück. Das macht den Umgang mit einem depressiven Partner so schwer. Nicht nur muss das Umfeld mit der Wesensveränderung des Betroffenen umgehen. Hinzukommt, dass ein depressiver Partner kaum noch an der eigentlichen Beziehung teilnimmt. Gemeinsamkeiten wie Interessen, Hobbys oder Freunde fallen zunehmend weg; vermeintlich Normales – Gespräche führen, die Aufgaben im Haushalt teilen oder gemeinsame Fernsehabende – findet nicht mehr statt. Das belastet nicht nur den Erkrankten selbst.

„Angehörige depressiver Menschen sind einem erheblichen Druck ausgesetzt, der sie selbst krank machen kann: Wer Tag für Tag miterleben muss, wie nahestehende Menschen, die früher eventuell sogar besonders unbeschwert und lebensfroh waren, in ein tiefes seelisches Loch fallen, gerät selbst in Gefahr, schwermütig zu werden“, beschreibt Dr. Hagemann.  

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Dem Partner bei einer Depression helfen: 7 wertvolle Experten-Tipps

Leidet der Partner an einer Depression, ist es wichtig, nicht einfach „nach Gefühl" zu reagieren – denn auch die Gefühle des vermeintlich Gesunden spielen verrückt, wenn die Beziehung von einer Depression überschattet wird. Die folgenden sieben Tipps von Dr. Hagemann können dabei helfen, den Umgang mit einem depressiven Partner zu erleichtern. 

1. Selbstfürsorge

Die Basis jeder Unterstützung ist der Helfende selbst: Wenn es Ihnen schlecht geht, können Sie Ihrem Partner mit Depression nicht helfen. „Nicht nur der Erkrankte bedarf der Zuwendung. Um als Angehöriger den psychischen und physischen Herausforderungen teilweise über Wochen und Monate gewachsen zu sein, geht es nicht ohne ausreichende Selbstfürsorge“, unterstreicht Dr. Hagemann. „Gegen Überforderungen helfen ein funktionierendes soziales Netzwerk sowie abwechslungsreiche Hobbys, Sport, Entspannung und viel Bewegung an der frischen Luft. Diese kleinen Auszeiten zwischendurch reduzieren das Risiko erheblich, selbst krank zu werden.“

Was hilft: Planen Sie die Zeit, die Sie für sich benötigen, fest in Ihre Woche ein – als wären es fixe Termine bei der Bank oder beim Arzt. Wer sich vornimmt, sich „wenn es passt“ eine Auszeit zu gönnen, der tut es meist nicht. 

2. Anteilnahme und Verständnis

Anteilnahme und Verständnis gegenüber dem Erkrankten klingen beinahe profan, wenn es um das große Thema Depression geht. Dabei sind sie grundlegend, um eine Beziehung auch während einer depressiven Phase am Laufen zu halten. „Anteilnahme und Verständnis bedeuten konkret, auch bei langanhaltenden depressiven Phasen nicht die Geduld zu verlieren. Man muss sich vergegenwärtigen, dass depressive Menschen nur schwer Gefühle zeigen können und nicht absichtlich so apathisch reagieren. Sie können in dieser Phase ihres Lebens schlicht und einfach nicht anders“, erklärt Dr. Hagemann, bevor er betont: „Das ist natürlich alles andere als einfach – vor allem wenn sich Depressive abweisend oder teilnahmslos verhalten.“

Um über einen längeren Zeitraum verständnisvoll mit dem depressiven Partner umgehen zu können, hilft eines ganz entscheidend: Wissen über Depression. 

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3. Fundiertes Wissen über Depressionen

Wer weiß, was Depressionen in einem Menschen anrichten, dem fällt es leichter das Verhalten des Partners zu verstehen. „Fundierte Informationen über die Erkrankung sowie deren typische Symptome helfen nicht nur dem Patienten bei der Einordnung seiner Beschwerden. Angehörigen, die über Ursachen und Hintergründe einer psychischen Erkrankung Bescheid wissen, fällt es in der Regel auch leichter, die Betroffenen sinnvoll zu unterstützen und Anteilnahme zu zeigen.“ Dieses Wissen um das Wesen der Depression stellt einen essentiellen Bestandteil bei der Behandlung von Patienten dar und sollte auch den Angehörigen nicht vorenthalten werden.

Um den Partner besser zu verstehen und begleiten zu können, helfen die Informations- und Beratungsangebote der „Stiftung Deutsche Depressionshilfe“ weiter. Dort finden Betroffene wie Angehörige Rat. Auch der „Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen e.V.“ unterstützt als Selbsthilfe-Organisation Menschen, die mit psychisch Kranken leben. 

4. Achtsamkeit auch in Unterhaltungen

Keine Frage: Hat der Partner beispielsweise eine Erkältung und suhlt sich in seinem Elend, kann man ihm ein „Reiß dich doch mal zusammen!“ an den Kopf werfen. Bei depressiven Menschen wirken solche Sätze allerdings wie Salz in offenen Wunden. „Tipps dieser Art motivieren nicht, sondern führen höchstens zu Frustration", verdeutlicht Dr. Hagemann. „Tabu sind vor allem Anweisungen, die den Betroffenen noch mehr unter Druck setzen oder dessen Schuldgefühle verstärken könnten. Ersparen sollte man sich auch Kommentare, die das Leiden des Erkrankten herunterspielen.“

Stellen Sie Ihrem Partner lieber Fragen, statt ihn mit Tipps, Vorwürfen & Co. zu überziehen. Er wird vielleicht nicht ausführlich darauf antworten (können), fühlt sich dadurch aber sicherlich weniger unter Druck gesetzt. Als Grundregel für Gespräche gibt Dr. Hagemann seinen Patienten mit: „Reden Sie über sich und darüber, wie Sie etwas sehen oder empfinden, und weniger über den anderen, wie dieser etwas zu machen oder zu lassen hat. Interessieren Sie sich für die Denk- und Sichtweisen des anderen, ohne sie kleinzureden.“

5. Aktiv helfen – nach Rücksprache

„Viele depressive Menschen haben weder Kraft noch Energie, um beispielsweise einen dringend erforderlichen Arzttermin zu machen. Deshalb sollten Angehörige gegebenenfalls die Initiative ergreifen – allerdings nur nach Rücksprache mit dem Erkrankten“, rät Dr. Hagemann. „Oftmals wirkt es schon hilfreich und motivierend, wenn der Patient merkt, dass sich jemand um ihn kümmert und sich sorgt.“

Sprechen Sie nötige Termine offen, aber ohne vorwürflichen Unterton an und fragen Sie Ihren an Depression erkrankten Partner, in welchen Punkten Sie ihm unter die Arme greifen sollen. 

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6. Geregelter Tagesablauf

Oft geht es nicht nur um Arzttermine, die mit der Depression an sich zu tun haben. Auch reguläre Alltagsaufgaben fallen Depressiven schwer. Erleichterung bringt ein geregelter Tagesablauf mit klaren, aber nicht zu straffen Strukturen. 

„Hilfreich ist es, Erkrankten bei alltäglichen Routineaufgaben zur Seite zu stehen. Besonders achten sollten Angehörige dabei auf einen geregelten Tagesablauf, beginnend am Morgen und nicht erst am Nachmittag oder Abend, inklusive der Wahrnehmung wichtiger Termine oder Verpflichtungen, falls irgend möglich – das gilt insbesondere für Sitzungen beim Therapeuten. Dabei sollten auch kleine Fortschritte als Erfolg gewertet und gelobt werden.“

7. Frühzeitig Selbsthilfegruppen kontaktieren

Hand in Hand mit der Selbstfürsorge und dem Wissen über Depression beim Partner gehen Besuche bei Selbsthilfegruppen. Wichtig ist dabei, sich nicht erst Hilfe zu holen, wenn man selbst schon am Limit ist. Im Gegenteil: Sobald der Verdacht in Ihnen aufkeimt, Ihr Partner könnte an Depressionen leiden, können Außenstehende Unterstützung leisten. „Angehörige erfahren bei Selbsthilfegruppen, wann sofortige ärztliche Hilfe notwendig ist“, unterstreicht Dr. Hagemann den Nutzen eines frühen Erstkontakts. 

Selbsthilfegruppen bieten unter anderem die „Stiftung Deutsche Depressionshilfe“ und der „Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen e.V.“ an. 

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Depression beim Partner: Wann muss ich mich trennen? 

Sich um einen depressiven Menschen zu kümmern, ist eine Gratwanderung – vor allem, wenn die Depressionen besonders schwer und über einen langen Zeitraum auftreten. Als Pflegender muss man sich in regelmäßigen Abständen die Frage stellen, ob man die Verantwortung noch tragen kann und will. „Wenn ich merke, dass ich in der Beziehung keine Luft mehr zum Atmen habe, wenn ich meine eigenen Interessen und Bedürfnisse nicht mehr aussprechen oder ausleben darf, ich vor lauter 'auf den anderen achten' selber leide und vielleicht sogar (psychosomatisch) krank werde, ist es höchste Zeit etwas zu verändern“, sagt Dr. Hagemann im Interview. 

Diese Veränderung beginnt allerdings nicht mit einer Trennung: „Ein erster Schritt ist es, die eigenen Belastungen anzusprechen und zu versuchen, gemeinsam etwas zu verändern, damit ich mich als Angehöriger wieder wohler fühle. Schließlich kann ich niemandem aufhelfen, wenn ich selber am Boden zerstört bin. Empfehlenswert sind beispielsweise einzelne Gespräche mit dem Betroffenen bei dessen Hausarzt oder Psychotherapeuten, um die Situation zumindest schildern zu können und gemeinsam einen Weg aus der Sackgasse zu suchen.“

Doch was, wenn wiederholte Gespräche ergebnislos bleiben? „Hilfreich ist es erfahrungsgemäß, sich immer wieder klar zu machen: 'Was liegt in meinem Verantwortungsbereich, was in dem der depressiven Person?' Ich sollte nicht aus Mitleid Dinge über mich ergehen lassen, die meine Grenzen sprengen. Wenn beispielsweise wiederholte Drohungen mit Suizid ausgesprochen und Behandlungen abgelehnt werden, muss ich mich und gegebenenfalls meine Familie schützen. Die Verantwortung hierfür trägt der Erkrankte und nicht die Angehörigen. Diese Last ist niemandem außerhalb eines professionellen Teams zuzumuten.“

Einen depressiven Partner zu verlassen, schürt meist immense Schuldgefühle. Trotzdem ist es manchmal der bessere Weg. „Klar ist: Niemand verlässt eine gute Partnerschaft ohne einen enormen Leidensdruck“, betont der Fachmann. „Sich selber zu zerstören in der Aufopferung für andere, ist nicht zielführend. Wie lautet die oberste Regel im Erste-Hilfe-Kurs? Selbstschutz geht vor Fremdschutz.“

Unser Experte

Dr. Andreas Hagemann ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Ärztlicher Direktor der Röher Parkklinik in Eschweiler bei Aachen. Diese Privatklinik für Psychosomatik ist spezialisiert auf Angst- und Panikstörungen, chronische Schmerzen, Burnout und Depressionen.

 

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