Depersonalisation: Ursachen, Symptome und wie man sie loswerden kann

Julia Klinkusch Medizin- und Wissenschaftsjournalistin

Bei der Depersonalisation erlebt man sich selbst plötzlich als fremd und unwirklich. Die Gedanken scheinen nicht die eigenen, die Bewegungen nicht willentlich gesteuert zu sein. Die Ursachen sind noch nicht gänzlich geklärt. Was man aber weiß: Die Störung kann jederzeit auftreten und über mitunter über Jahre bestehen bleiben.

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Inhalt
  1. Was ist eine Depersonalisation?
  2. Welche Symptome treten bei einer Depersonalisation auf?
  3. Was sind die Ursachen einer Depersonalisation?
  4. Behandlung: Wie kann man eine Depersonalisation loswerden?
  5. Was kann bei einer Depersonalisation noch tun, um die Symptome zu mildern?

Bei der Depersonalisation erlebt man sich selbst plötzlich als fremd und unwirklich. Die Gedanken scheinen nicht die eigenen, die Bewegungen nicht willentlich gesteuert zu sein. Die Störung kann jederzeit auftreten und über mitunter über Jahre bestehen bleiben. Was sind die Ursachen? Und wie kann man eine Depersonalisation wieder loswerden?

 

Was ist eine Depersonalisation?

Bei der Depersonalisation (auch Depersonalisierung genannt) handelt es sich um eine Form der Wahrnehmungsstörung, die das Ich-Erleben betrifft. Deshalb spricht man auch von Depersonalisationsstörung. Sie kann sowohl ein eigenständiges Krankheitsbild darstellen als auch ein Symptom einer anderen psychischen Erkrankung sein. So kann eine Depersonalisation häufig im Zusammenhang mit einer Depression entstehen. Zudem tritt sie häufig zusammen mit einer Derealisation auf.

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Schätzungen gehen davon aus, dass etwa zwei Prozent der Bevölkerung einmal im Leben eine Depersonalisierung erlebt. Männer und Frauen sind gleich oft betroffen. Die Krankheit beginnt meist in jungen Jahren, 95 Prozent der Betroffenen sind bei Krankheitsbeginn jünger als 25 Jahre.

 

Welche Symptome treten bei einer Depersonalisation auf?

Die Betroffenen haben eine gestörte Selbstwahrnehmung. Sie nehmen sich selbst als Ganzes oder Teile der eigenen Person als unwirklich war. Dieses Entfremdungsgefühl ist das Leitsymptom einer Depersonalisierung. Davon ist nicht nur der Körper betroffen, sondern auch Erinnerungen, Emotionen, Gedanken, eigene Äußerungen und Handlungen. Die Symptomatik der Erkrankung ist somit sehr vielfältig.

Betroffene berichten zum Beispiel, sie kämen sich vor wie ein Außenstehender, der die eigenen Gedanken betrachtet – wie in einem Traum oder Zerrspiegel. Oder das Innenleben zerfällt in einem beobachtenden und in einen agierenden Teil. Dann erscheinen die Handlungen automatisiert oder fremdgesteuert, ohne inneren Bezug. Oft erkennen sich die Betroffenen im Spiegel oder auf Fotos nicht mehr wieder.

Die Betroffenen sind sich darüber bewusst, dass ihre Wahrnehmung nicht der Realität entspricht. Sie wissen etwa, dass die Person, die sie im Spiegel betrachten, sie selbst sind. Dadurch lässt sich eine Depersonalisation von einer Psychose oder einer Schizophrenie unterscheiden, die ebenfalls mit einem veränderten Ich-Erleben einhergehen. Trotzdem haben Menschen mit einer Depersonalisation typischerweise Angst davor, verrückt zu werden.

Zusätzlich können die folgenden Symptome auftreten:

  • Emotionale Leere
  • Gedächtnis- und Erinnerungsprobleme
  • Angst und Panik
  • Verzerrte Zeitwahrnehmung

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Die Symptome der Erkrankung treten in der Regel in Episoden auf, das bedeutet, sie können zwischen wenigen Stunden und mehreren Tagen andauern. Manchmal bleiben sie aber auch für Wochen, Monate oder Jahre bestehen. Die Dauer hängt auch von der Form der Depersonalisation ab.

Eine Depersonalisierung muss nicht immer einen Krankheitswert haben. Denn extremer Stress, starke Müdigkeit und Alkoholkonsum können dieselben Symptome auslösen. Sie verschwinden, sobald der Körper sich wieder im Normalzustand befindet.

 

Was sind die Ursachen einer Depersonalisation?

Man unterscheidet zwischen der primären und sekundären Depersonalisation. Die primäre Depersonalisation ist die direkte Folge eines Stressauslösers oder einer lebensbedrohlichen Situation. Diese Form kann auch länger andauern. Die Depersonalisierung dient dem Körper und der Psyche als Schutzmechanismus, um das Empfinden bei Schmerzen oder bei traumatischen Ereignissen vorübergehend auszuschalten.  

Beispiele für Auslöser der primären Depersonalisation sind:

  • emotionaler Missbrauch oder Vernachlässigung in der Kindheit
  • körperliche Misshandlung
  • (plötzlicher) Tod eines geliebten Menschen
  • eine Kindheit mit einem psychisch erkrankten Elternteil
  • langfristiges Erleben häuslicher Gewalt

Die sekundäre Depersonalisation ist ein Symptom einer Erkrankung und besteht häufiger aus kürzeren Episoden. Krankheiten, die mit einer Depersonalisation als Symptom einhergehen, können sowohl psychisch oder physisch bedingt sein. Bei Patienten mit einer solchen Depersonalisation ist oft eine Depression die Ursache für die Symptome.

Weitere Erkrankungen, die mit einer Depersonalisation als Symptom einhergehen können, sind:

  • Angststörungen
  • Borderline-Störung
  • Schizophrenie
  • posttraumatische Belastungsstörung
  • Missbrauch von Cannabisprodukten (Marihuana, Haschisch)
  • dissoziative Identitätsstörung
  • Migräne
  • Epilepsie
  • Schädel-Hirn-Trauma
  • ADHS
  • Burnout

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Behandlung: Wie kann man eine Depersonalisation loswerden?

Kurzfristige Episoden der Depersonalisation sind eher heilbar als die chronische Form. Die kurzen Episoden, die als sekundäre Begleiterscheinung anderer Krankheiten auftreten, bilden sich meist selbst zurück – spätestens aber dann, wenn die Grunderkrankung erfolgreich behandelt wird.

Die primäre Form der Depersonalisation gilt jedoch als schwierig behandelbar. Aktuell gibt es bei einer Depersonalisation keine Medikamente, die immer und zuverlässig wirken. Eingesetzt werden jedoch meist sogenannte Glutamat-Modulatoren, Opioid-Antagonisten, Neuroleptika oder trizyklische Antidepressiva. Ob und inwieweit die Betroffenen auf diese Medikamente ansprechen, ist individuell verschieden.

Eine weitere Behandlungsmethode ist die Psychotherapie. Dabei gilt das Gleiche wie beim Einsatz von Medikamenten: Die Therapien können erfolgreich sein, eine Garantie gibt es nicht. Jedoch haben sich die kognitive Verhaltenstherapie und die psychodynamische Psychotherapie als wirksam erwiesen, um eine Depersonalisation zu behandeln.

 

Was kann bei einer Depersonalisation noch tun, um die Symptome zu mildern?

  • Stressmanagement: Stress kann die Depersonalisierung verstärken. Daher besteht ein wichtiger Teil der Behandlung darin, Stress zu reduzieren. Entspannungsmethoden wie Yoga oder Meditation sind dafür jedoch nicht empfehlenswert, da bei fehlender Ablenkung die Symptome und vor allem Angstgefühle zunehmen können. Besser sind aktive Freizeitbeschäftigungen. Vor allem Sport kann einen extrem positiven Effekt auf die Psyche ausüben. Denn dadurch werden Stresshormone im Körper abgebaut und Glückshormone freigesetzt.
  • Tagebuch führen: Zu wissen, welche Situationen die Symptome auslösen oder verschlimmern, kann dabei helfen, die Ursachen für die Depersonalisation zu ergründen und Muster zu durchschauen.
  • Gesunder Lebensstil: Eine nährstoffreiche Ernährung, regelmäßige Essens- und Schlafenszeiten und regelmäßige Bewegung an der frischen Luft fördern das Wohlbefinden und unterstützen die psychische Gesundheit.  
  • Sofort-Hilfe: In die Hände klatschen, ein Biss in eine Zitrone oder eine kalte Dusche – mit einem intensiven äußeren Reiz kann man eine akute Depersonalisation schnell loszuwerden.

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Quellen:

Leitlinie Diagnostik und Behandlung des Depersonalisations-Derealisationssyndroms, in: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften

Depersonalisations-/Derealisationsstörung , in: MSD Manual Ausgabe für medizinische Fachkreise

Michal, Matthias (2018): Depersonalisation und Derealisation: Die Entfremdung überwinden, Stuttgart: Kohlhammer Verlag

Kessler, Henrik (2015): Kurzlehrbuch Medizinische Psychologie und Soziologie, Stuttgart: Thieme Verlag

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