Dem Arzt ins Gesicht lügen: Warum Patienten mit Münchhausen-Syndrom Krankheiten erfinden

Redaktion PraxisVITA

Menschen mit Münchhausen-Syndrom wollen die Aufmerksamkeit ihrer Ärzte auf sich lenken. Hierfür sind sie zu vielem bereit – sogar sich selbst zu verletzten. Lesen Sie hier, wie es zu der psychischen Störung kommt und warum eine therapeutische Behandlung so schwer ist.

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In Arztpraxen wird gelogen, so viel steht fest. „Ich benutze jeden Abend Zahnseide.“ Oder: „Ich mache drei Mal in der Woche Sport.“ „Mehr als ein Glas Wein am Abend würde ich niemals trinken.“ Weil Ärzte nicht nur ausgebildete Mediziner sind, sondern auch Psychologen, durchschauen sie in der Regel ihre flunkernden Patienten schnell. Eine Verlegenheitslüge hier und da wird laut Medizinern die Genesung ihrer Patienten nicht ernsthaft gefährden.

Eine Krankenschwester betreut einen Patienten
Endlich Zuwendung: Patienten mit Münchhausen-Syndrom wollen im Mittelpunkt ärztlicher Fürsorge stehen. Dafür sind sie bereit, sich selbst Schaden zuzufügen und sich in ein Krankenhaus einweisen zu lassen© Cecilie_Arcurs/iStock

Menschen mit Münchhausen-Syndrom gehören nicht zu den Verlegenheitslügnern. Sie flunkern nicht, weil sie sich schämen, ihrem Arzt zu beichten, dass sie sich heimlich ihre fünfte Zigarette angezündet haben. Ihnen geht es auch nicht darum, Krankheiten vorzutäuschen, um Leistungen zu erhalten, beispielsweise eine vorzeitige Verrentung.

Menschen mit Münchhausen-Syndrom lügen, weil sie sich Zuwendung von ihrem Arzt wünschen. In der Medizin wird in diesem Fall von der sogenannten „Pseudologia Phantastica“, dem krankhaften Lügen, gesprochen. Die Betroffenen schildern ihrem behandelnden Arzt ganz bewusst erfundene Leidensgeschichten. Von starken Magenkrämpfen zum Beispiel, hämmernden Kopfschmerzen oder Blutungen im Analbereich. Laut Schätzungen sind 0,8 bis 2,5 Prozent der Deutschen, die einen Allgemeinmediziner aufsuchen, an dem Syndrom erkrankt. Vermutet wird, dass die Zahl weit höher liegt, denn nicht jeder Fall wird aufgedeckt.

Um ihre Beschwerden glaubhaft zu vermitteln, helfen die Betroffenen nach. Folgende Verhaltensweisen wurden bereits mehrfach dokumentiert: Damit Hautverletzungen nicht verheilen, beschmieren sie diese mit Kot. Um erfundene Harnwegsinfekte plausibel zu machen, verunreinigen sie ihre Urinproben mit tierischem Blut. Chronische Wasseransammlungen (Lymphödeme) fügen sie sich selbst zu, indem sie ihre Arme und Beine beispielsweise mit einem Kabel strangulieren. Betroffene wünschen sich Mitgefühl, gleichzeitig erleben sie durch ihre teils dramatisch präsentierten Lügengeschichten einen berauschenden Nervenkitzel. Die Gefahr, entlarvt zu werden, verschafft ihnen ein fast schon ekstatisches Glücksgefühl.

 

Lösen traumatische Kindheitserlebnisse das Münchhausen-Syndrom aus?

Ein Teddy liegt auf dem Boden
Die genauen Ursachen für das Münchhausen-Syndrom sind nicht geklärt. Mediziner vermuten, dass viele der Betroffenen als Kinder folgenreiche Erfahrungen gemacht haben© filrom/iStock

Das Münchhausen-Syndrom ist eine Untergruppe der sogenannten „artifiziellen Krankheiten“ bzw. „Artefaktkrankheiten“. Dazu gehören Krankheiten, die von einer Person bewusst sowie heimlich erzeugt werden. Die medizinische Forschung in diesem Bereich ist nicht weit vorangeschritten. Warum Menschen ein Münchhausen-Syndrom entwickeln, ist deswegen nicht eindeutig geklärt. Wissenschaftler vermuten, dass die Betroffenen in ihrer Kindheit traumatische Erfahrungen durchlebt haben. Betroffene sind vielfach nicht in der Lage, sich auf dauerhafte Partner- und Freundschaften einzulassen.

Aufgrund der fehlenden sozialen Bindung ist es für sie ein leichtes Spiel, fremde Identitäten anzunehmen. In vielen Fällen lassen sich Menschen mit Münchhausen-Syndrom unter einem falschen Namen von einem Arzt behandeln oder in eine Klinik einweisen. Üblich ist es auch, hinsichtlich des Berufs fehlerhafte Angaben zu machen. Die Betroffenen reisen unter falschen Namen sogar ins Ausland, um sich dort medizinisch behandeln zu lassen. Mit wechselnden Identitäten ist das Risiko für sie geringer, aufzufliegen. Mediziner sprechen in diesem Zusammenhang von „Behandlungswandern“ oder „Kliniktourismus“.

 

Männer sind häufiger vom Münchhausen-Syndrom betroffen als Frauen

Menschen mit Münchhausen-Syndrom zu entlarven, ist fast schon Detektivarbeit. Hinzu kommt, dass viele Krankheiten, wie etwa Kopfschmerzen, sich nicht durch Blutuntersuchungen oder Ultraschallverfahren belegen lassen, sie sind nicht „messbar“. Vertrauen zwischen Arzt und Patienten spielt demnach eine wichtige Rolle. Genau dieses Vertrauen missbrauchen aber Menschen mit Münchhausen-Syndrom.

Ein Mann sitzt am Fenster
Vom Münchhausen-Syndrom sind vor allem Männer betroffen. Viele von ihnen sind nicht fähig, soziale Bindungen einzugehen© NicolasMcComber/iStock
 

Wie also kann es trotzdem gelingen, Betroffene zu erkennen? Laut Medizinern gibt es folgende Hinweise:

  • Schmerzen stellen für Menschen mit Münchhausen-Syndrom kein großes Problem dar: Mediziner beobachten, dass sie Schmerzen besser aushalten können.
  • Betroffene willigen in medizinische Eingriffe bereitwillig ein, selbst dann, wenn diese mit Schmerzen verbunden sind.
  • Sie verfügen über enormes medizinisches Fachwissen. Dieses haben sie sich angeeignet, damit sie ihre Beschwerden logisch darlegen können.
 

Diagnose-Verfahren verläuft extrem schwer

In den überwiegenden Fällen kommen Mediziner den Täuschungen ihrer Patienten nur deswegen auf die Schliche, weil sie umfangreiche Recherchen machen. Der Schaden, den Patienten mit Münchhausen-Syndrom verursachen, betrifft viele Bereiche: Das Gesundheitswesen macht finanzielle Verluste, weil die Betroffenen unnötig behandelt oder sogar operiert werden. Menschen, die tatsächlich in eine Notlage geraten, können das Nachsehen haben, weil ihnen unter Umständen Behandlungsmöglichkeiten genommen werden. Genaue Zahlen hinsichtlich der finanziellen Schäden, die durch das Münchhausen-Syndrom entstehen, gib es nicht, da laut Psychologen nur ein Bruchteil der Fälle ans Licht kommt.

Ein Arzt überprüft Daten
Ärzte, die Patienten mit Münchhausen-Syndrom behandeln, stehen vor einem Dilemma: Entweder sie lassen den Patienten auffliegen und riskieren damit, dass er die Flucht ergreift oder sie behandeln ihn – mit dem Risiko, unnötige Eingriffe vorzunehmen und juristisch belangt zu werden© tetmc/iStock

Einen besonders gravierenden Schaden erleiden auch die behandelnden Ärzte. Patienten mit Münchhausen-Syndrom schildern ihnen mit voller Absicht Unwahrheiten. Sie bauen Lügengerüste auf und täuschen Schmerzen vor, die auf Außenstehende lebensbedrohlich wirken können. Es gehört zur beruflichen Verpflichtung von Ärzten, Menschen zu versorgen. Im Falle des Münchhausen-Syndroms kommen allerdings unnötige Behandlungen zustande, die den Patienten nicht heilen, sondern ihn sogar weiter schädigen können. Damit kann der Mediziner zum Täter werden, der sich strafbar macht und juristisch zur Verantwortung gezogen werden kann.

 

Menschen mit Münchhausen-Syndrom sollten in einer Klinik psychologisch behandelt werden

Eine Ärztin erläutert Daten am Bildschirm
Zweifel an der Krankheitsgeschichte: Wenn Menschen mit Münchhausen-Syndrom mit ihren Lügen konfrontiert werden, suchen sie sich einen neuen Arzt, dem sie ihre Lügengeschichten darlegen© Cecilie_Arcurs/iStock

Vorsätzliche Täuschung und psychische Erkrankung gehen beim Münchhausen-Syndrom Hand in Hand. Doch wie können Mediziner Betroffenen helfen? Problematisch ist es, wenn Ärzte ihre Patienten direkt konfrontieren und ihnen Beweise für die Lügengeschichten liefern. Erfahrungsgemäß verlassen Betroffene die Praxis fluchtartig, um sich anschließend einen neuen Arzt zu suchen, sodass das Lügenkarussell von Neuem kreist.

Bewährt hat es sich laut Experten, wenn Mediziner behutsam das Vertrauen ihres Patienten für sich gewinnen. Darin liegt jedoch das eigentliche Paradoxe: Trotz des offensichtlichen Vertrauens-Missbrauchs durch den Patienten muss der Arzt einen Zugang zu diesem finden. Erschwerend kommt hinzu, dass es in Deutschland keinen einheitlichen medizinischen Behandlungsweg gibt. Mediziner empfehlen bei artifiziellen Störungen einen stationären Aufenthalt des Betroffenen in einer Klinik. Ein einmaliger Besuch in einer Klinik reicht erfahrungsgemäß nicht aus, um das Krankheitsbild zu heilen. Die Verhaltenstherapie ist in der Regel langwierig. Aussicht auf Erfolg hat sie nicht immer. Die Patienten sind chronisch krank. Sie spüren den Zwang, ihre Ärzte belügen zu müssen und mit dramatischen Geschichten deren Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Chancen auf einen Erfolg hat laut Medizinern eine sogenannte „Intervalltherapie“, bei der der Patient sowohl stationär als auch ambulant behandelt wird.

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