Dauerschlaf: Das steckt hinter dem Dornröschen-Syndrom

Joana Schmidt

Viele Menschen klagen über Schlafmangel. Eine junge Britin hat damit keine Schwierigkeiten. Sie verbringt etwa drei Viertel ihres Lebens schlafend – schuld ist das sogenannte „Dornröschen-Syndrom“.

Die 22-jährige Beth Goddier schläft nicht freiwillig so viel. Sie leidet am Kleine-Levin-Syndrom, das umgangssprachlich auch als Dornröschen-Syndrom bezeichnet wird. Doch mit dem romantischen Märchen hat ihr Leiden wenig zu tun. Denn es schränkt sie massiv ein.

Eigentlich würde sie gerne eine Ausbildung zur Kinderpsychologin machen – doch das ist momentan nicht denkbar. Denn kurz vor ihrem 17. Geburtstag fiel das Mädchen in einen tiefen Schlaf, der sechs Monate dauerte. „Sie schlief 22 Stunden am Tag, stand nur kurz auf, wie in Trance, um etwas zu essen und zu trinken oder die Toilette aufzusuchen“, sagt ihre Mutter. Rund 75 Prozent der letzten fünf Jahre habe die heute 22-Jährige schlafend verbracht.

Dornröschen-Krankheit
Das individuelle Schlafbedürfnis kann von den empfohlenen sieben bis acht Stunden abweichen – selten jedoch so sehr wie bei der Britin Beth Goddier© iStock
 

Ursachen noch weitgehend ungeklärt

Die Dornröschenkrankheit ist extrem selten. Sie bricht bei etwa ein bis zwei Fällen pro einer Million Einwohner aus, 68 Prozent der Betroffenen sind Männer. In 81 Prozent der Fälle erkranken junge Menschen im Alter von elf bis zwanzig Jahren. Über die Ursachen ist bisher noch wenig bekannt, es wird jedoch ein genetischer Ursprung für das Dornröschen-Syndrom vermutet.

Bei Beth Goddier zeigte sich die Krankheit erstmals, indem sie eines Abends sehr plötzlich einschlief. Als ihre Mutter sie wieder aufwecken wollte, brabbelte das Mädchen wie ein Kleinkind unverständlich vor sich hin. Ihre Mutter vermutete deshalb zuerst einen Tumoren oder Blutungen im Gehirn, aber nichts dergleichen wurde bei Untersuchungen festgestellt.

 

Dornröschen-Syndrom: Infektionen als Auslöser?

Zu diesem Zeitpunkt erholte sich Beth gerade von einer Mandelentzündung. Die Ärzte vermuteten deshalb, dass diese Erkrankung, gemeinsam mit der genetischen Veranlagung, der Auslöser für das Dornröschen-Syndrom gewesen sein könnte. Bei einer Studie wurden weitere Zusammenhänge festgestellt: In 38,2 Prozent der untersuchten Fälle ging der Krankheit eine Infektion voraus, bei neun Prozent ein Schädel-Hirn-Trauma, in 5,4 Prozent der Fälle wurde zuvor viel Alkohol konsumiert.

 

Krankheit verschwindet von alleine wieder

Typischerweise werden die immer wiederkehrenden Phasen mit deutlich verstärktem Schlafbedürfnis zwischendurch von längeren Wachzeiten unterbrochen. Es lässt sich jedoch nicht vorhersehen, wie lange diese andauern. Während der Schlafphasen wachen die Patienten nur kurz auf und sind in dieser Zeit meist geistig verwirrt. Oft geht das mit Essstörungen, depressiver Verstimmung oder sexueller Hyperaktivität einher.

Stimulantien wie Amphetamine konnten das Schlafbedürfnis bei Versuchspersonen mit dem Dornröschen-Syndrom senken. Auch die Behandlung mit Lithium konnte bei 41 Prozent zu einer Unterdrückung der Episoden beitragen. Laut Experten sei es typisch für das Kleine-Levin-Syndrom, dass es irgendwann nach und nach verschwinde. In der Regel sei dies nach zehn bis fünfzehn Jahren der Fall.

Für Beth Goddier eine lange Zeit. „Es bricht mir das Herz, wenn ich sehe, wie die besten Jahre ihres Lebens an ihr vorüberziehen“, sagt ihre Mutter. Die junge Frau selbst würde wie viele Gleichaltrige gerne von zu Hause ausziehen. „Aber das geht nicht. Wenn die Krankheit aktiv wird, brauche ich die Aufsicht meiner Mutter“, so Goddier. In solch einer Tiefschlafphase kann sie nichts aufwecken, weder Lärm noch Medikamente oder gutes Zureden. Doch es ist möglich, sogar wahrscheinlich, dass sie eines Tages vom Dornröschen-Syndrom erlöst wird.

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