Das Wissen der Urvölker: Einfach gut schlafen

Stephanie Pingel Medizinredakteurin
Jeder 6. Deutsche leidet unter Schlafstörungen
Die Forscher verglichen in ihrer Studie die Schlafqualität von drei Urvölkern mit der von modernen Gesellschaften – die Ergebnisse überraschten sie selbst. © Fotolia

Stress, das Stand-by-Licht des Fernsehers, zu viel Wärme im Zimmer – die Gründe, weshalb wir schlecht schlafen, können vielfältig sein. Eine Gruppe von Forschern untersuchte daher jetzt das Schlafverhalten von drei Urvölkern – und hat herausgefunden, was die moderne Welt von ihnen lernen kann.

Die Gründe für Schlafstörungen sind zahlreich: Licht kann einen erholsamen Schlaf ebenso stören wie der Stand-By-Modus von Elektrogeräten. Aus diesem Grund reiste eine Gruppe von Forschern um Gandhi Yetish von der University of New Mexico zu drei unterschiedlichen Urvölkern. Ihr Ziel: Herauszufinden, wie hoch die Schlafqualität dieser Völker ist, um sie mit dem Schlafverhalten in der modernen Welt zu vergleichen – und dieses idealerweise verbessern zu können.

 

Keines der Völker kennt den Begriff „Schlafstörung“

Für ihre Studie besuchten die Forscher drei unterschiedliche Urvölker: Zum einen die Hadza in Tansania, die vom Jagen und Sammeln leben. Zum zweiten die San in Namibia, die ebenfalls als Jäger und Sammler tätig sind und zum Dritten die Tsimane in Bolivien, die vor allem jagen und gärtnern. Die Wissenschaftler überwachten von je 94 erwachsenen Personen der drei Völker die Schlafgewohnheiten über einen Zeitraum von 1165 Tagen. Dabei benutzten sie spezielle Armbänder, die dokumentierten, wann die Teilnehmer aufstanden, sich hinlegten und wie viel Licht sie währenddessen ausgesetzt waren. Zusätzlich befragten die Forscher die Teilnehmer dazu, wie müde sie waren und wie erholsam sie selbst ihren Schlaf einschätzten.

Das Volk der San lebt lange – auch dank gutem Schlaf
Durch ihr aktives Leben und ihre hohe Schlafqualität werden Mitglieder der Urvölker wie die San sehr alt.© Fotolia

Das erste Ergebnis überraschte die Forscher: Keines der drei Völker hat ein Wort für Schlafstörungen, vermutlich da diese in den Gruppen sehr selten vorkommt. Nur jeder 20. Teilnehmer berichtete, dass er ab und an Schwierigkeiten beim Einschlafen habe. Und nur jede zehnte Person war schon einmal von Durchschlafstörungen betroffen. Von diesen zehn hatte jedoch lediglich ein Drittel mehrmals im Jahr derlei Beschwerden.

 

Das Schlafverhalten der Urvölker orientiert sich an den Temperaturen

Verglichen mit modernen Gesellschaften schliefen die Teilnehmer der Urvölker während der Studienzeit verhältnismäßig kurz: Durchschnittlich nämlich 6,4 Stunden pro Nacht. Dabei verlängerte sich die Schlafdauer im Winter um eine Stunde, während sie im Sommer eine Stunde kürzer war. Dadurch konnten die Forscher die Vermutung, dass Menschen ohne moderne Technologien länger schlafen, widerlegen. Auffällig war außerdem, dass sich die untersuchten Urvölker ähnlich den modernen Menschen bei den Schlafenszeiten eher an Temperaturen als an Licht orientieren: Sie gingen in der Regel erst rund drei Stunden nach Sonnenuntergang ins Bett und standen dann auf, wenn die Tagestemperatur am niedrigsten war. Bei den San war dieser Zeitpunkt im Winter vor dem Sonnenaufgang und im Sommer danach.

 

Keine gesundheitlichen Folgen

Ihre Schlafgewohnheiten scheinen der Gesundheit der drei untersuchten Völker nicht zu schaden: Die Teilnehmer hatten verglichen mit Menschen aus modernen Gesellschaften einen niedrigeren Blutdruck, seltener verkalkte Arterien und sind vergleichsweise fit. Viele von ihnen werden bis zu 80 Jahre und älter. Allerdings weisen die Forscher daraufhin, dass sich die generell gute Gesundheit der Urvölker auch auf ihre aktive Lebensweise zurückführen lässt.

Da alle drei Völker eine vergleichsweise hohe Schlafqualität haben, konnten die Wissenschaftler Rückschlüsse für moderne Gesellschaften ziehen: „Wenn man die Umgebung zum Teil danach gestalten könnte, wie sie vor der Industrialisierung war, könnte sich das möglicherweise positiv auf Schlaf und Schlafstörungen in der industrialisierten Bevölkerung auswirken“, schreiben die Forscher in ihrem Bericht. Und bis es soweit ist, gelten weiterhin unsere Tipps für einen besseren Schlaf.

Hamburg, 19. Oktober 2015

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