Das Oldenburger Baby - Der Junge, der nicht sterben wollte

Vivien Rumstieg

„Ihr Kind ist schwerbehindert.“ Ein Satz, der für jede werdende Mutter ein Schock ist. Auch Tim, der als ‚Oldenburger Baby‘ bekannt wurde, war eines dieser schwerbehinderten Kinder. Die Reaktion seiner Mutter, die medizinischen Folgen einer früh eingeleiteten Geburt und wie ein Junge nicht sterben wollte – alles Wissenswerte dazu.

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Foto:  iStock/ PeopleImages

„Wir haben gemeinsam für ein Leben mit dir gekämpft. Du hast uns unendlich viel gegeben. Du bist immer bei uns.“ Mit diesen berührenden Worten verabschieden sich Familie und Freunde im Januar 2019 von Tim, dem Jungen, der nicht sterben wollte; dem Jungen, der als Oldenburger Baby Geschichte schrieb und nach 21 geschenkten Lebensjahren einer Lungeninfektion erlag. Der junge Mann hinterlässt Freunde und einen liebevollen Familienkreis.

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Ein Leben, dass er eigentlich nie hatte führen sollen. Ein Leben, welches ihm seine biologische Mutter nicht gewähren wollte. Denn Tim war schwerbehindert. Eine Diagnose, die bereits vor seiner Geburt gestellt wurde und die eine schwere Entscheidung seiner Mutter zur Folge hatte. Sie wollte kein Kind mit Behinderung zur Welt bringen und entschied sich für eine Abtreibung. In der 26. Schwangerschaftswoche sollte Tims Leben beendet werden, bevor es überhaupt richtig begonnen hatte.

 

Schwangerschaftsabbruch nach dem 1. Trimester – ist das erlaubt?

Eine Abtreibung nach dem 1. Trimester, eine sogenannte Spätabtreibung, ist im Falle besonderer Umstände erlaubt. Um den Abbruch der Schwangerschaft rechtlich zu ermöglichen, muss das physische oder psychische Wohl der Mutter bedroht sein. Diese Umstände waren erfüllt, als Tims leibliche Mutter mit einem Suizid drohte, sollte ihrem Wunsch nach einer Abtreibung nicht nachgekommen werden. Der zuständige Arzt genehmigte daher den Schwangerschaftsabbruch in der 26. Woche und noch am selben Tag wurde die Geburt eingeleitet.

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Rechtlicher Rahmen für eine Spätabtreibung

Die Rechtslage in Deutschland ermöglicht einen Schwangerschaftsabbruch weitgehend strafbefreit. Dies gilt sowohl für einen frühzeitigen, wie auch für einen spätzeitigen Schwangerschaftsabbruch. Von einer Spätabtreibung wird gesprochen, sobald ein Kind außerhalb des Mutterleibes mit medizinischer Unterstützung eine reale Überlebenschance hätte (überwiegend ab der 22. vollendeten Schwangerschaftswoche). Es muss jedoch für eine Spätabtreibung die Voraussetzung des § 218 a Abs. 2 StGB erfüllt sein, damit diese nicht rechtswidrig und somit straffrei ist. Dieser Paragraph setzt voraus, dass nach ärztlicher Erkenntnis „eine Gefahr für das Leben oder die Gefahr einer schwerwiegenden Beeinträchtigung des körperlichen oder seelischen Gesundheitszustand der Schwangeren“ besteht und „die Gefahr nicht auf eine andere für sie zumutbare Weise abgewendet werden kann.“

 

Was passiert bei einer Spätabtreibung?

Bei einer Abtreibung in einem derart fortgeschrittenen Stadium der Schwangerschaft, wie es bei Tim der Fall war, wird verfrüht die Geburt eingeleitet. Die Anstrengungen der Geburt sowie die toxischen Medikamente, mit denen der Geburtsvorgang eingeleitet wird, führen im Normallfall zum Kindstod. Nicht jedoch bei Tim. Er wurde im Juli 1997 mit einem Gewicht von 690 Gramm und einer Größe von 32 cm geboren – und lebte noch. Es war nun, unabhängig von der Überlebenschance des Kindes, die gängige Vorgehensweise, das Frühchen in warme Tücher zu wickeln, die Atemwege frei zu saugen und auf den sicher eintretenden Tod zu warten. Dies ordnete der Arzt vorschriftsmäßig an und legte das Kind anschließend zum Sterben beiseite.

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Tim überlebt die Geburt – und hat damit einen Anspruch und das Recht auf Leben

Doch Tim erlag nicht den Anstrengungen der Geburt. Der Säugling lag stundenlang da, ohne dass sein Zustand sich drastisch verschlechterte. Dabei kühlte sich sein Körper, trotz der warmen Tücher, immer weiter ab. Nach 5 Stunden verbesserten sich seine Vitalwerte spontan. Zu diesem Zeitpunkt hätte der zuständige Arzt handeln müssen, da nun eine reale Chance bestand, dass das Kind trotz der fatalen Umstände überlebt. Doch er ergriff keine lebensrettenden Maßnahmen und nahm somit „den möglicherweise abzuwendenden Tod des Frühchens zumindest billigend in Kauf“. Erst vier Stunden später, als sich die Körpertemperatür des Neugeborenen bereits auf 28 Grad abgekühlt hatte (die Mindestkörpertemperatur liegt bei Frühchen bei 37 Grad), entschied der Arzt, den Jungen der neonatologischen Intensivstation zuzuführen. Durch die Strapazen des vorzeitigen Schwangerschaftsabbruches und die anfänglich fehlende medizinische Versorgung hat Tim zusätzlich zu seiner Behinderung Schädigungen an Augen, Lungen und Gehirn erlitten. Der zuständige Arzt machte sich durch sein verspätetes Handeln schuldig und wurde sieben Jahre später wegen „Körperverletzung mittels einer das Leben gefährdenden Behandlung gemäß §§ 223, 223a StGB“ verurteilt. Dieses rechtskräftige Urteil ist ein wichtiges Signal. Denn überlebt ein Kind die Abtreibung, hat es einen vollen Anspruch auf Hilfe, medizinische Unterstützung und ein Recht auf Leben, auch wenn eben dieses eigentlich beendet werden sollte.

 

Ab wann ist das Leben eines Menschen schützenswert?

Experten und Rechtswissenschaftler sind sich uneinig, ab wann ein Mensch ein Grundrecht auf Leben (gem. Art. 2 Abs. 2 S. 1 GG) wie auch Menschenwürde (gem. Art. 1 Abs. 1 GG) besitzt. Die meistvertretene Meinung besagt, dass bereits der entwicklungsfähige Embryo, ab dem 14. Tag nach der Empfängnis, als schützenswert angesehen werden muss. Diese Haltung wird durch das Grundgesetzt gestärkt, welches feststellt, dass auch das „sich im Mutterleib entwickelnde Leben als selbstständiges Rechtsgut“ geschützt ist (gem. Art. 2 Abs. 2 S. 1 GG). Einige Experten sehen jedoch das Leben des Menschen erst ab dem Zeitpunkt der Geburt als schützenswert. Diese Einstellung findet sich auch in dem Gesetz der Spätabtreibung wieder. Hier stellt sich eine weitere Frage: Muss die Würde des Menschen einem Embryo, Frühchen oder Neugeborenen erst zugesprochen werden, oder hat jeder Mensch diese Würde unabhängig seines Entwicklungsstadiums inne?

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Wie sieht eine Spätabtreibung heute aus?

Damit solche Fälle, bei denen das ungewollte Kind nicht stirbt, verhindert werden, greifen Abtreibungsärzte heutzutage immer häufiger zur direkten Tötung des Fötus. Dabei wird das Kind bereits im Mutterleib getötet und anschließend eine Totgeburt herbeigeführt. Der Herzstillstand des Kindes wird dabei durch eine Kalium-Chlorid-Mischung herbeigeführt, die dem Kind durch die Nabelschnur injiziert wird. Dies ist bis zum Einsetzen der Geburtswehen und unter den Voraussetzungen des § 218 a Abs. 2 StGB straffrei möglich.

 

Ein normales Leben für das Oldenburger Baby

Das Leben des mittlerweile als Oldenburger Baby bekannten Jungen hat sich nach seinen ersten schweren Stunden zum Guten gewandt. Tim wurde nach einem achtmonatigen Aufenthalt in der Oldenburger Kinderklinik einer Pflegefamilie übergeben. Eigentlich wollten seine neuen Eltern ein gesundes Mädchen bei sich aufnehmen. Doch während ihrer Suche bekamen sie einen Anruf, dass ein behindertes Baby zur Adoption freigegeben wurde. Daraufhin änderte sich alles. Als sie in die Augen des Jungen schauten, wussten sie, dass er in ihre Familie gehört. Tim hatte mit seinen Eltern und Geschwistern ein erfülltes und so weit es möglich war erfülltes Familienleben.

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