Das Leben ändern in 100 Tagen – wie genau das geht

Regelmäßig nehmen wir uns vor unser zu Leben ändern, um das dauerhaft zu schaffen, müssen wir 100 Tage durchhalten
Regelmäßig nehmen wir uns vor unser zu Leben ändern, um das dauerhaft zu schaffen, müssen wir 100 Tage durchhalten © iStock kieferpix

Gesund zu bleiben, bedeutet manchmal, sein Leben ändern zu müssen. Davor schrecken wir oft zurück, weil wir befürchten zu scheitern. Und überhaupt: Wie lange dauert es eigentlich, neue Gewohnheiten zu verinnerlichen? Aktuelle Forschungen zeigen, dass unser Gehirn 100 Tage braucht, um sich positiv zu verändern. Wie das gelingt, erklärt der Meditationslehrer Mark Teijgeler

Das Leben ändern – dieses Bedürfnis entsteht aus den verschiedensten Gründen. Der eine wünscht sich eine schlankere Figur, ein anderer bessere Cholesterinwerte oder eine harmonischere Beziehung zu dem Menschen, den er liebt. Ganz gleich, was wir verändern wollen: Der Weg dahin führt über neues Terrain. Das kann erst einmal zu Verunsicherung führen. Schaffe ich das überhaupt? Lohnt sich der Aufwand? Und: Ist der eingeschlagene Weg wirklich der richtige? Dementsprechend sind die Abbrecherquoten höher als bei so manchem Studiengang an der Uni. Ratschläge, wie man es dennoch packen kann, sein Leben umzukrempeln, gibt es wie Sand am Meer.

 

Das Leben ändern – woran wir scheitern

Den Vorsatz, dass wir ab Tag X etwas an unserem Leben ändern werden, treffen wir regelmäßig.  Mark Teijgeler, Meditationslehrer und Persönlichkeits-Coach, wollte genau wissen, woran wir scheitern, wenn wir scheitern. Seine Analyse fällt so knapp wie präzise aus: Bei dem Wunsch, sich nachhaltig zu verändern, steht uns immer eine zutiefst menschliche Schwäche im Weg – dass wir dazu neigen, zu früh aufzugeben. „Um diese Hürde zu überwinden, gibt es nur eine Strategie, die wirklich funktioniert: Wiederholungen“, erklärt Teijgeler. Wiederholungen sind die beste Methode, sich auf neuen Pfaden nicht zu verirren oder gar ins alte Gleis zurückzukehren. Denn aus bewussten Gedanken wird unbewusstes Denken. Vorausgesetzt, wir wiederholen sie eine bestimmte Zeitspanne lang. Gedanken und Handlungen werden dann automatisiert – ob eine Ernährungsumstellung oder neue sportliche Aktivitäten. Jede Veränderung macht es erforderlich, bestimmte Denkmuster und Gewohnheiten zu durchbrechen. Schritt für Schritt wird gelernt, alte Programme umzuschreiben und neue Verbindungen von Nervenzellen im Gehirn zu knüpfen. Die größten Erfolgsaussichten bestehen dann, wenn wir bestimmte Handlungen 100 Tage lang immer zu einer bestimmten Uhrzeit wiederholen.

Aus Angst zu scheitern, fangen viele Menschen die ihr Leben ändern wollen, gar nicht erst an
Aus Angst zu scheitern, fangen viele Menschen die ihr Leben ändern wollen, gar nicht erst an© iStock martin-dm
 

Der Schlüssel zum Erfolg beim Leben ändern: 100 Wiederholungen

Wenn wir unser Leben ändern, indem wir uns sportlich betätigen, unsere Ernährung umstellen, Yoga machen oder meditieren, braucht unser Körper die ersten 30 Tage zur Umprogrammierung der Zellen. In 100 Tagen erneuern sich nämlich die meisten der 100 Billionen Zellen, aus denen unser Organismus besteht.

Die Informationen werden im Zellkern gespeichert und an die nächste Generation der Körperzellen weitergegeben. Muskeln, Organe und Knochen werden auf ihre neue Aufgabe vorbereitet.

Führen wir es das Leben-ändern weiter, folgt ab dem 31. bis zum 60. Tag die emotionale Umprogrammierung – in dieser Phase fällt es besonders schwer, durchzuhalten. Jetzt treten die größten Widerstände auf. Körperlich geht es uns eigentlich schon viel besser, aber wir fühlen uns oft kraftlos. Ein Paradoxon, für das unser Ego verantwortlich ist, das Veränderungen in der Regel äußerst kritisch gegenübersteht. Gleichzeitig beginnen sich die Zellen zu regenerieren. Das Nervensystem profitiert in dieser Phase am meisten. Ab dem 60. bis zum 90. Tag fühlen wir uns sowohl körperlich als auch geistig regeneriert und fit. Zu diesem Zeitpunkt bemerkt meist auch unsere Umwelt, dass wir etwas in unserem Leben verändert haben.

 

Das schöne Gefühl, wenn das Leben-ändern funktioniert

Konnten wir 90 Tage erfolgreich unser Leben ändern, erleben wir in den letzten zehn Tagen die Belohnung für unseren Durchhaltewillen am intensivsten: Die positive Veränderung steckt noch in unserem Bewusstsein, aber wir leben bereits in aller Selbstverständlichkeit mit ihr. Die neuen Gewohnheiten wurden konsequent festgehalten und sollen nun auch beibehalten werden und als Routine in unser Leben übergehen.

Wenn wir unser Leben ändern, verändern wir auch die Verschaltungen in unserem Gehirn
Wenn wir unser Leben ändern, verändern wir auch die Verschaltungen in unserem Gehirn© iStock Polina Shuvaeva


Der 100-Tage-Plan verschafft uns aber auch die Motivation, beim Leben-ändern in kritischen Momenten durchzuhalten. Neue Gewohnheiten anzunehmen, stößt oft auf Widerstand. Doch der macht einen wichtigen Teil des Lernprozesses aus. Denn bei jeder Veränderung, ob groß oder klein, geht es vor allem darum, sich eingefahrener Denkmuster bewusst zu werden. Bequeme Gewohnheiten werden verabschiedet. Gleichzeitig stimulieren die Übungen das Gehirn, stärken die mentale Kraft und verändern dauerhaft die Art, wie unser Geist und Gehirn arbeiten.

 

Warum wir rein neurologisch unser Leben ändern können

Unser Leben ändern – diese Vorstellung scheint immer schwieriger, je älter wir werden. Kein Wunder, denn wir sind ja bereits ein vollständiger Organismus. Mit etwa 21 sind im Durchschnitt alle Hirnareale entwickelt, der Mensch also fertig. Aber ist dem wirklich so? Lange Zeit hielt man das Gehirn des erwachsenen Menschen für unveränderlich, eben ausgewachsen. Doch tatsächlich knüpft es ständig neue Verbindungen und Netzwerke, baut sich permanent um.

Wenn wir unser Leben ändern, ändern wir damit also zeitgleich unser Verschaltungs-Strukturen. Ganze Gehirnregionen können expandieren oder mit anderen verschmelzen. Mit dieser sogenannten Neuroplastizität reagiert unser Gehirn auf neue Anforderungen und Erfahrungen. Je öfter die Zellen angesprochen werden, desto mehr Kommunikationswege, sogenannte Synapsen, bilden sie. Das Konzept dahinter ist einfach. Schon 1949 führte der Psychologe Donald O. Hebb den bis heute aktuellen Satz ein: „Nerves that fire together, wire together.“ (Nervenzellen, die gemeinsam feuern, verschalten sich.) Das wiederholte Feuern der Neuronen bildet in einem bestimmten Teil des Gehirns eine Neuronengruppe, die das bewusst gewählte Muster unterstützt. Die damit verbundenen Gedanken werden dem Gehirn willentlich eingeprägt. Das bedeutet konkret: Unser Gehirn ist das einzige Organ, dessen Aufbau wir mithilfe unserer Persönlichkeit selbst verändern können. Und somit können wir auch unsere Lebensgewohnheiten jederzeit verändern. Der Schlüssel zum Erfolg sind Wiederholungen, Willenskraft und Selbstdisziplin. Dann werden wir zu Meistern unserer selbst, verändern unsere neuronalen Prägungen und befreien uns aus alten Denk-, Handlungs- und Reaktionsmustern.

Der Tag an dem wir mit dem  Leben-ändern anfangen, sollte ein Besonderer sein
Der Tag an dem wir mit dem Leben-ändern anfangen, sollte ein Besonderer sein© iStock toeytoey2530
 

Regeln des Plans zum Leben-ändern

Bei der Umsetzung des 100-Tage-Plans zum Leben-ändern betätigen wir uns täglich sportlich, ernähren uns nach einem neuen Speiseplan, führen täglich eine 15- bis 20-minütige Meditationsübung durch oder was auch immer sonst gewünscht wird.  Ziel ist das Absolvieren des 100-Tage-Pensums ohne Unterbrechung. Zweimal besteht die Möglichkeit, einen Joker einzusetzen, falls es tatsächlich mal nicht klappen sollte. So bleibt die Kette intakt – vorausgesetzt, am folgenden Tag wird die Meditation oder Bewegungsübung nachgeholt.

 

Die Vorbereitung zum Leben-ändern

Wenn wir unser Leben ändern, also wenn wir eine Fremdsprache lernen, intensiv bestimmte Bewegungsabläufe trainieren oder meditieren, lässt sich das im Gehirn nachweisen. Das zuständige Areal vergrößert sich. Untätige Zellen werden für neue Aufgaben eingespannt. Junge Zellen wachsen heran, und Synapsen werden neu verknüpft. Unterbrechen wir unseren 100-Tage-Zyklus mehrfach, bleiben die stimulierenden Außenreize aus, und ein großer Teil der Zellen stirbt wieder ab.

Am besten starten wir mit dem 100-Tage-Plan zum Leben-ändern an einem prägnanten Datum: dem Ersten eines Monats, am Geburtstag, dem ersten Tag nach dem Urlaub. Sinnvoll ist auch ein fester Tageszeitpunkt, zum Beispiel direkt nach dem Wachwerden oder früh am Abend. Wenn wir stets zur gleichen Zeit meditieren oder sportlich aktiv sind, wird dies so selbstverständlich wie Zähneputzen.

Je entspannter wir die Sache betrachten, die wir im Leben ändern möchten, desto leichter fällt es uns, sie tatsächlich regelmäßig anzugehen
Je entspannter wir die Sache betrachten, die wir im Leben ändern möchten, desto leichter fällt es uns, sie tatsächlich regelmäßig anzugehen© iStock KarinaUvarova



Wird die Handlung mit der wir unser Leben ändern wollen als Belastung empfunden, sind wir meist zu verbissen. Mit anderen Worten: Wir tun zu viel. Das Geheimnis besteht im Loslassen. Je entspannter der Geist wird, je lockerer wir bei den Aktivitäten sind, desto einfacher und besser wird alles. Sehr schnell beginnt dann eine positive Spirale. Jeder Meditations- oder Sporttag, jeder Tag mit einer gesunden Ernährung wird weniger zu einer Verpflichtung – und mehr zu einem täglichen Moment des Gut-Fühlens. Aber Veränderungsprozesse sind unbequem. „Veränderung bewirkt, dass das Selbst und der Körper ins Chaos stürzen, weil das Selbst keine Gefühle mehr besitzt“, erklärt Joe Dispenza. „Auf der biologischen Ebene wird unser inneres chemisches Gleichgewicht durch das bestimmt, was gemäß unserer Veranlagung als normal gilt. Unsere Gedanken und Reaktionen leisten ebenfalls ihren Beitrag dazu, unsere Chemie zu kontrollieren, um sicherzustellen, dass wir physisch und kognitiv im Wesentlichen derselbe Mensch bleiben.“

 

Wenn wir erfolgreich unser Leben ändern

Wenn wir unser Leben ändern, verändern wir unsere innere Ordnung. Indem wir täglich Sport treiben, uns bewusster ernähren oder meditieren, verändert sich auch unsere Persönlichkeit.
Wir beginnen, anders zu denken und zu fühlen. Unser Ego wird dadurch irritiert, denn es wünscht sich die alten, ihm bekannten Gefühle zurück. Auch der Körper zeigt sich zunächst wenig begeistert und versucht, das Gehirn dazu zu bringen, zu den gewohnten Gedankenmustern zurückzukehren. Wenn er die Oberhand gewinnt, stellen wir unsere Bemühungen ein, verabschieden die guten Vorsätze und sind wieder dort, wo wir angefangen haben. Der Prozess ist wohl vielen vertraut, wir trösten uns dann gern mit der Feststellung, dass wir es schließlich versucht haben.
„Wir könnten auch sagen: Unsere an ihre vertraute Rückkopplungsschleife zwischen Körper und Gehirn gewöhnte Identität geriet in chemischen Stress, und wir fühlten uns daraufhin ziemlich unbehaglich. Das ist uns lästig“, sagt Joe Dispenza. Trotz aller Hindernisse sollten wir das 100-Tage-Programm durchhalten. Unser Körper wird es uns danken, wenn wir uns bewusst damit auseinandersetzen, schlechte Gewohnheiten ablegen und durch neue, bessere ersetzen. Denn am Ende ist die Rechnung einfach: 100 Tage sind nichts im Vergleich zu einem langen, gesunden Leben.

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