Das hungrige Gehirn – Warum Stress entscheidet, ob wir dick werden oder nicht

Redaktion PraxisVITA
Kapitel
  1. 1. Überblick
  2. 2. Stoffwechsel
  3. 3. Gefühle
  4. 4. Interview
  5. 5. Die wichtigsten Fragen
  6. 6. Rezepte

Haben Sie sich schon immer gefragt, warum Sie trotz besseren Wissens zu Schokoriegel und Co. greifen und es mit dem Abnehmen einfach nicht klappen will? Das Geheimnis liegt in unseren Gefühlen – und einem Gehirn, das uns vor Stress schützen will.

Es ist eine beeindruckende Zahl: Über 75 Prozent des ungesunden, übermäßigen Essens gehen auf das Konto unserer Gefühle. Das ist das Ergebnis einer Internetstudie von Dr. Roger Gould von der University of California, durchgeführt mit 17 000 Teilnehmern. Die Tafel Schokolade, das große Stück Kuchen mit Sahne oder der zweite Teller Nudeln sind also nicht die Folge fehlender Disziplin, eines schwachen Willens, von Bequemlichkeit?

Nein! Unzählige weitere Studien wurden mittlerweile von Forschern ausgewertet. Ihre Erkenntnisse haben die Ernährungsmedizin revolutioniert – und sie werfen alles über den Haufen, was wir bisher über Körpergewicht und Diäten zu wissen glaubten: Wir essen vor allem, um unsere schlechte Stimmung in den Griff zu bekommen – und uns für einen Moment gut und entspannt zu fühlen.

Fettiges und ungesundes Essen
Über 75 Prozent des ungesunden, übermäßigen Essens gehen auf das Konto unserer Gefühle© istock
 

Warum wir machtlos sind gegen die Diktatur von Gehirn und Emotionen

Die Wissenschaft nennt dieses Phänomen Emotionales Essen. Es ist die Nahrung, die wir zu uns nehmen, ohne ein echtes Hungergefühl zu verspüren. Es ist das, was wir naschen, obwohl wir uns gerade an einer üppigen Mahlzeit satt gegessen haben. Es ist das Essverhalten, das zur Gewichtszunahme führt und das wir trotz besseren Wissens an den Tag legen.

Denn die Grundregeln einer gesunden, ausgewogenen Ernährung kennen wir alle: viel Gemüse und Obst, Vollkornprodukte, Fleisch in Maßen, Süßigkeiten nur selten. Unsere stressigen Gefühle aber – und der Wunsch, sie ein wenig abzumildern – sind stark genug, uns gegen dieses Wissen handeln zu lassen. Denn unsere Emotionen haben einen mächtigen Verbündeten, der sich gegen unseren Verstand durchzusetzen weiß: unser Gehirn.

 

Zwei Prozent des Körpers, die alles beherrschen – selbst den Willen zu essen

Auch wenn es nur zwei Prozent unseres Körpers ausmacht: Unser Gehirn benötigt für den reibungslosen Ablauf seiner Funktionen über 50 Prozent des Glucosebedarfs des gesamten Körpers. Glucose, also Zucker, ist der Brennstoff für unsere Zellen, aus dem sie Energie gewinnen. Das Gehirn sichert sich seinen Bedarf in egoistischer Manier unter allen Umständen. Eigentlich kein Wunder – ist das Gehirn doch die Schaltzentrale, die alle Körpervorgänge unter ihrer Kontrolle hat.

Der renommierte Hirnforscher, Internist und Diabetologe Prof. Dr. Achim Peters hat in jahrzehntelanger Forschungsarbeit die zugrundeliegenden Mechanismen des Gehirns erfasst und daraus die Selfish-Brain-Theorie erarbeitet. Stellt das Gehirn fest, dass ihm nur minimal Glucose fehlt, löst es einen Alarm aus, den sogenannten Brain-Pull. Dieser veranlasst, dass dem Gehirn umgehend Glucose zugeführt wird, unter allen Umständen und vor allen anderen Organen.

Dabei bedient es sich unseres Stresssystems – des zwingendsten Alarmsystems unseres Körpers – und schüttet Adrenalin aus. „Wir spüren die typischen Anzeichen wie Herzklopfen, Zittern, Schwitzen, kalte Hände, Aufregung“, sagt Prof. Achim Peters. Wir fühlen uns unwohl. Symptome, die allerdings sofort nachlassen, wenn das Energiedefizit wieder ausgeglichen wird. In diesem Moment fährt das Stresssystem runter – und wir gewinnen auch unsere emotionale Balance zurück. „In diesem Zustand spüren wir, wie sich unsere Spannung löst und sich ein wohliges Gefühl ausbreitet“, so Prof. Achim Peters.

Frau weinend im Bett
Negative Emotionen aktivieren unser Stresssystem. Sie bedienen sich dabei derselben Botenstoffe wie der Essanreiz© istock
 

Deshalb stressen uns Gefühle

Ein wohliges Gefühl: Genau das fehlt, wenn eine schlechte Stimmung von uns Besitz ergreift. Denn egal, ob Ärger, Angst oder Sorge – negative Emotionen aktivieren auch unser Stresssystem. Sie bedienen sich dabei derselben Botenstoffe wie der Essanreiz. Allerdings mit einer anderen Botschaft: „Emotionen wollen uns auf etwas hinweisen – auf ein Problem, einen Konflikt, den es zu lösen gilt“, so Prof. Achim Peters.

Gleichzeitig bereiten sie uns auf eine Handlung vor. Gerade bei negativen Gefühlen wollen wir, dass sich an der Situation etwas ändert; wir wollen uns wieder besser fühlen, um keinen Schaden zu nehmen – und das Stresssystem setzt die notwendigen Kräfte frei, um das zu erreichen. Ärgern wir uns z. B. über etwas, lässt das Gefühl unseren Adrenalinspiegel nach oben schießen. Das Hormon beschleunigt unseren Herzschlag, die Muskeln spannen sich an, die Fäuste ballen sich. Wir sind bereit, dem Ärgernis entgegenzutreten und es mit aller zur Verfügung stehenden Kraft aus dem Weg zu räumen.

Lust auf Essen verspüren wir in diesem Augenblick nicht. Denn gleichzeitig hat unser Körper eine große Menge Cortisol ausgeschüttet: Dieses Hormon ist dafür zuständig, alle Körperfunktionen nach der Anstrengung herunterzuregeln – das Stresssystem also wieder zu beruhigen. Nur: Was passiert, wenn wir das Ärgernis nicht aus dem Weg räumen können; wenn es über Monate anhält; oder auf ein Ärgernis sofort das nächste folgt? Dann bleibt unser Stresssystem in Alarmbereitschaft. Wir fühlen uns permanent angespannt, unwohl, zermürbt. Oder aber: Wir essen!

 

Essen – der Quickfix für eine kleine Dosis Glück

Fakt ist: Sobald das Gehirn einen schnellen Glucoseschub erhält, stellt es all seine Bemühungen um Energie für den Moment ein – und versetzt unser Stresssystem kurzfristig in absolute Ruhe. „Comfort-Eating ist nicht die optimale Lösung, aber die naheliegende: Man fühlt sich dadurch fast augenblicklich besser – ja sogar getröstet“, erklärt Prof. Achim Peters.

Das Problem an der Sache: Comfort-Eating lässt zwar alle Systeme herunterfahren, doch die echte, entscheidende Ursache für unsere aufbrausenden Emotionen wird nicht beseitigt. So spendet Trostessen zwar schnelle Erleichterung, verschleiert aber auf Dauer das eigentliche Problem – welches uns weiter quält. Und wir greifen jedes Mal aufs Neue zum Schokoriegel oder zur Tüte Chips, wenn die negativen Gefühle wieder an die Oberfläche drängen.

 

Warum ungelöste Konflikte dick machen

Für unser Gehirn bedeutet das Folgendes: Die ungelösten, schwelenden Konflikte versetzen unser Stresssystem immer wieder in Alarmbereitschaft und richten damit extremen Schaden an – unser Brain-Pull wird nachhaltig geschwächt. Denn seine ausführende Hilfskraft, das Stresssystem, ist einer permanenten Überlastung ausgesetzt und nutzt sich ab. „Innere Notlagen machen nicht nur unzufrieden und unglücklich, sondern beeinträchtigen auch den Energiehaushalt des Körpers massiv“, sagt Prof. Achim Peters.

Ein geschwächter Brain-Pull bedeutet, dass das Gehirn nicht mehr auf die körpereigenen Energiespeicher zurückgreifen kann – sämtliche benötigte Glucose muss nun direkt aus der Nahrung aufgenommen werden. Außerdem verliert das Gehirn die Fähigkeit, die Körpervorgänge so zu beeinflussen, dass alle Glucose zuerst ihm zur Verfügung steht – Fett- und Muskelgewebe ziehen jetzt gleichberechtigt Energie ab und lagern sie ein. Das bedeutet im Klartext: Um das Gehirn zufriedenzustellen, müssen wir mehr essen – deutlich mehr, als wir eigentlich benötigen. Die unangenehme Folge: Wir nehmen zu.

Es beginnt ein Teufelskreislauf aus emotionaler Überforderung, Stress und Comfort-Eating. Um diesen Kreislauf zu durchbrechen, gibt es nur einen Weg: Da energetisches und emotionales Gleichgewicht untrennbar miteinander verbunden sind, ist ein ausbalanciertes Gefühlsleben ein entscheidender Schritt, um den Brain-Pull wieder zu normalisieren“, erklärt Prof. Achim Peters. Das bedeutet: Um abzunehmen, müssen wir nicht unser Essverhalten in den Griff bekommen, – sondern unsere Gefühle.

3D Gehirn
Stellt das Gehirn fest, dass ihm nur minimal Glucose fehlt, löst es einen Alarm aus, den sogenannten Brain-Pull© istock
 

Wir müssen wieder lernen zu fühlen

Das klingt recht simpel, stellt für viele Menschen aber eine Herausforderung dar. Für einen guten Umgang mit unseren Gefühlen ist es am wichtigsten, dass wir sie klar voneinander unterscheiden können. Das hat eine amerikanische Studie gezeigt. Die Teilnehmer, die ihre Emotionen gut differenzieren konnten, wiesen ein signifikant höheres emotionales Wissen auf: Sie konnten die Bedeutung einer Situation richtig einschätzen und waren dadurch optimal auf eine angemessene Reaktion vorbereitet.

Bei Menschen, die ihre Gefühle als ein Durcheinander wahrnahmen, stellten die Wissenschaftler das Gegenteil fest: Für sie war es extrem schwierig, Gefühle als Informationsträger zu nutzen, d.h. mit ihrer Hilfe eine Situation wahrzunehmen und richtig zu bewerten. Entsprechend schwerer fiel es den Studienteilnehmern, herauszufinden, wie sie handeln können, um das Gefühl zu verändern.

Die Psychologin Dr. Jennifer Taitz, Autorin des Buchs „Wenn Essen nicht satt macht“, veranschaulicht diesen Zusammenhang mit folgendem Vergleich: „Nur zu sagen, dass einem etwas wehtut, hilft nicht weiter. Einen Schnupfen behandelt man anders als Bauchschmerzen. Entsprechend geht man mit Einsamkeit anders um als mit Wut – eben wegen der wichtigen Informationen, die diese Gefühle transportieren. Und die Nachricht ‚Ich fühle mich einsam‘ unterscheidet sich erheblich von der Mitteilung ‚Ich bin müde‘“. In einer Zeit, in der emotionale Konflikte im Beruf und in der Partnerschaft ständig zunehmen, wissen wir häufig gar nicht mehr, was wir eigentlich fühlen. Wir spüren nur: Die Stimmung ist schlecht. Dann bedarf es mitunter einer großen Anstrengung und etwas Übung, unsere Gefühle klar zu benennen.

Trauriges Pärchen
Für einen guten Umgang mit unseren Gefühlen ist es am wichtigsten, dass wir lernen, sie zu verstehen© istock
 

Ganz nebenbei zum Wohlfühlgewicht

Eine Anstrengung, die sich lohnt: Denn ein achtsamer Umgang mit unseren Gefühlen lenkt den Blick zurück auf das Wesentliche, führt uns zum Kern unserer innersten Bedürfnisse – und befreit von einer enormen Stressbelastung. „Bedürfnisorientiertes Handeln verändert nicht nur unser Leben, sondern auch unser Gehirn. Es verfestigt und verstärkt diese Strategien des Denkens und Handelns“, sagt Prof. Achim Peters.

Nicht nur der Brain-Pull wird wieder gestärkt: Das Gehirn speichert die neu gefundenen Strategien zum Umgang mit schwierigen Situationen ab und wird zukünftig bevorzugt darauf zurückgreifen – ohne uns zu einem Stück Kuchen oder einer Tafel Schokolade überreden zu wollen. Ganz nebenbei gelangen wir so zu unserem Wohlfühlgewicht. „Essen ist ein wichtiger Bestandteil des Lebens“, sagt Dr. Jennifer Taitz. „Wenn wir lernen wir, im unmittelbaren Kontakt zum Augenblick zu leben, aus unseren Gefühlen zu lernen, mit Ängsten umzugehen und Selbstachtung zu finden, wird uns das entscheidend helfen, eine genussvolle und gesunde Einstellung zum Essen zu entwickeln.“

Intuetat – Wir essen, was wir wollen

„Intueat“ (www.intueat.de) ist ein Ernährungskonzept, das auf vielen Studien zum sogenannten intuitivem Essen beruht. Warum man dabei sein Wohlfühlgewicht erreicht, obwohl es doch keine Diät ist? Weil man vier Grundsätze einhält, die wir zuletzt als Kinder ganz automatisch umgesetzt haben – die uns dann aber durch Konventionen (feste Essenszeiten, Teller muss leer sein etc.) abhanden gekommen sind:

1. Iss dann, wenn dein Körper wirklich Hunger hat.

2. Iss, worauf du Appetit hast (egal was!).

3. Iss langsam und bewusst – ohne Ablenkungen.

4. Höre auf zu essen, sobald du satt bist.

Ergänzt wird das Programm durch Audiotrainings und Lektionen, die intuitives Essen nicht zu einer kurzen Phase des Anders-Essens, sondern zu einem selbstverständlichen Verhaltensmuster machen sollen.

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