Das Gehirn in unserer Haut

Haut kann denken
Die Neuronen in unserer Haut nehmen Reize wie Berührungen nicht nur wahr, sie verarbeiten sie auch © Fotolia

Nervenzellen befinden sich nicht nur in unserem Gehirn: Sie finden sich auch in im Rückenmark, den Augen – und in unserer Haut. Eine Studie zeigt nun, dass die hochsensitiven Neuronen dort nicht für die Tast- und Wärmeempfindungen verantwortlich sind, sondern zu Dingen in der Lage sind, die niemand für ‚denkbar’ gehalten hätte. Praxisvita hat für Sie die Fakten.

Die Aufgaben der sogenannten sensorischen Nervenzellen in unserer Haut waren aus wissenschaftlicher Sicht bisher überschaubar. Jede noch so kleine Einwirkung auf die äußerliche Hautschicht – wie z.B. durch Berührungen, Temperatur, Vibrationen oder Verletzungen – wird von den Neuronen umgehend an das Gehirn weitergeleitet.

 

Die Haut denkt geometrisch

Laut einer kürzlich veröffentlichten Studie der Umeå University in Schweden sind die vielverzweigten Neuronen des Taktilen Systems – der Teil der sogenannten Oberflächensensibilität der Haut – aber nicht nur dafür verantwortlich Informationen an das Gehirn zu senden, sondern sie auch selbst auszuwerten.

Konkret werden Informationen, die durch einen Kontakt mit den hochsensiblen Nerven in der Haut zustande kommen, registriert und in einem weiteren – bisher unbekannten – geometrischen Rechenschritt sofort weiterverarbeitet und verortet.

 

Kleine Gehirne in den Fingerspitzen

Für die Studie wurden vor allem sensitive Nervenzellen in der Haut der Fingerspitzen untersucht. „Unsere Arbeit hat gezeigt, dass die taktilen Nervenzellen gleich zwei Aufgaben übernehmen“, erklärt Studienautor Professor Andrew Pruszynski. Demnach geben sie einerseits dem Gehirn Meldung darüber, „wann und wie intensiv die Haut berührt worden ist.“ Anderseits berechnen und verarbeiten die Nervenzellen in der Haut auch Informationen über die geometrische Form und Beschaffenheit des berührenden Impulsgebers.

Tatsächlich seien die Berechnungsprozesse der Nervenzellen in der Haut komplexer und weitreichender, als in der Wissenschaft vermutet. „Wenn man mit der Fingerspitze über eine Oberfläche fühlt“, sei der Verarbeitungs- oder besser gesagt Denkprozess in den Nervenzellen der Haut „vergleichbar mit den Berechnungsprozessen der Neuronen in unserer Großhirnrinde“, erklärt Professor Pruszynski.

Das bedeutet vereinfacht ausgedrückt, dass Berührungs-Empfindungen auf unserer Haut bereits von den Nervenzellen in der Haut weitestgehend erfasst und ausgewertet werden, bevor sie das Gehirn überhaupt erreichen. Das ist nach Aussagen von Professor Pruszynski nicht weniger als eine wissenschaftliche Sensation.

Hamburg, 3. September 2014

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