Das Drama in Duisburg: Wie Telefonseelsorge bei psychischem Schock hilft

Schock nach Loveparade 2010 in Duisburg
Das Drama der Loveparade 2010 in Duisburg führte bei tausenden Menschen zu einer akute Belastungsreaktion – so nennt man den Schockzustand nach einem traumatischen Erlebnis © Corbis

Seit über 30 Jahren arbeitet Sigrid Schwarz als Telefonseelsorgerin. 2010 stand sie den Betroffenen der Katastrophe bei der Loveparade bei. Hier erzählt sie, wie ihre Arbeit Menschen mit einem seelischen Schock hilft.

Ständig klingelte das Telefon. Kaum hatten wir aufgelegt, erreichte uns schon der nächste Anruf. Tränen, verzweifeltes Schluchzen oder Wut schäumten aus dem Hörer. Und immer wieder die Frage: Warum? Die dramatischen Ereignisse der Loveparade wühlten die Menschen in unserer Region auf. Fast jeder kannte jemanden, der bei dem Drama dabei gewesen und betroffen war.

Schon ab den ersten Minuten der Katastrophe gingen bei uns die Anrufe von besorgten Menschen ein, die jemanden vermissten. Es gab ja kaum Handyempfang vor Ort. Diese Unsicherheit kann für die Angehörigen unglaublich quälend sein. Was ist mit meinem Sohn, meiner Tochter, der Enkelin, dem Klassenkamerad oder der Freundin? Sind sie auch betroffen?

 

Verzweifelte Angehörige warteten auf Nachricht

Was wir hörten, war auch für uns schwer zu verarbeiten. Opfer, die außer sich waren, das Erlebte kaum einordnen können. Beim Erzählen wurden sie immer wieder von Weinkrämpfen geschüttelt. Ich versuchte zu beruhigen. Mit positiven Gedanken, Atemübungen, meinem Zuhören. Irgendwann ging es. Zum Beispiel, als eine Mutter von den schlimmsten Stunden ihres Lebens berichtete: Als sie von dem Drama hörte, liefen bereits auf den meisten TV-Sendern die schrecklichen Bilder. Vergeblich versuchte sie, die Tochter zu erreichen. Ihr Handy war aus, hatte keinen Empfang. War ihr was passiert?

Innerlich wurde gebetet: Bitte, lieber Gott, lass sie nicht unter den Opfer sein. Fahren wir hin, suchen wir sie? Irgendwelche Informationen musste es doch geben. Im Internet suchte die ganze Familie. Bei YouTube hatten Gäste der Loveparade in Duisburg kleine Filme aus ihrer Handykamera eingestellt. Minütlich wurden es mehr. In einem sah sie die Tochter, wie sie verzweifelt versuchte, sich mithilfe von Ravern an einem Container hochzuziehen. Sie schaffte es nicht, stürzte ab. Und verschwand aus dem Bild.

 

Verstörte Betroffene stehen unter Schock

Selbst beim Katastrophentelefon wusste man nicht, ob das Mädchen unter den Verletzten oder sogar Toten war. Erst im Morgengrauen der Anruf der verstörten Tochter, dass ihr bis auf ein paar Schrammen nichts passiert sei. Sie stotterte, weinte, kreischte und legte dann einfach auf. So ein Erlebnis schüttelt niemand einfach ab. Tage nach dem Ereignis stand die Familie – Vater, Mutter und zwei jüngere Geschwister – noch immer unter Schock.

 

Akute Belastungsreaktion

Wir nennen das „akute Belastungsreaktion“ auf ein traumatisches Erlebnis. Diese Opfer erzählen uns, dass sie Angst vor sich selbst haben, fragen, was mit ihnen passiert. Sie leiden unter Symptomen wie Desorientiertheit, Herzrasen, Zittern, starkem Schwitzen oder Hyperaktivität und manchmal Erinnerungslücken.

Seele und Körper sind in solchen Situationen im Ausnahmezustand. Nachdem ich die Anruferin beruhigt hatte, erklärte ich, dass es sich um eine ganz normale und natürliche Reaktion des Körpers auf eine Überforderung handelt. Auch wenn man es kaum glauben mag, die Symptome klingen langsam ab. Spätestens nach einem Monat beruhigt sich alles wieder. Früher haben die Ärzte Beruhigungsmittel verschrieben, davon ist man heute ab. Es nutzt nichts, das Erlebte zu unterdrücken. Es taucht immer wieder auf. In den Träumen oder erst Wochen, Monate, ja sogar Jahre nach dem schrecklichen Ereignis. Es sollte verarbeitet werden. Im Jetzt.

 

Langsames Atmen entspannt bei Schock

Oft tröstet dieses Bild: Das Nervenkostüm war vorher ein ruhiger See. In die Mitte des Sees wurde ein riesiger Stein hineingeworfen. Alles gerät in Wallung, am Ufer schlagen die Wellen am höchsten. Doch irgendwann ist der See wieder ruhig. Ist die Anspannung zu groß, gebe ich den Atemrhythmus neu vor. Ich atme laut vor, lade ein, mitzuatmen und vor allem die verlängerte Ausatmung zu genießen. Das entspannt physisch und psychisch.

Hat mich ein Anruf aufgewühlt, hilft es, wenn ein Kollege mir zuhört – das wirkt wie Balsam. Während des Erzählens spüre ich schon eine Entlastung. Geteiltes Leid ist eben tatsächlich besser zu ertragen. So geht es uns allen. Deshalb treffen wir uns in solchen Krisenzeiten viel öfter zur Nachbesprechung als normal. Wir sind es zwar gewohnt, mit Menschen zu telefonieren, die am Boden zerstört sind, die verzweifelt sind und nicht mehr weiterwissen. Aber in dieser Fülle können derartige Telefonate auch für uns zur Belastung werden. Es gab in den ersten Tagen nach dem Unglück ja kaum Zeit, mal durchzuatmen. Kaum hatte man aufgelegt, klingelte das Telefon schon wieder. Und es ist ja auch wichtig, den Kopf für jeden neuen Anrufer frei zu haben.

 

Telefonseelsorge: Anonymität hilft

Den Anrufern hilft vielleicht schon die Anonymität am Telefon. Sie wissen nicht genau, wer ich bin, und sie müssen keine Angst haben, dass ich herausfinde, wer sie sind. Das schafft für viele Menschen eine Vertrauensbasis, auf der sie sich schnell öffnen können. Wie zum Beispiel der junge Mann, der in Panik ein Absperrgitter umwarf. Er hatte Angst in der Menschentraube, der schlimme Druck von allen Seiten. Die Luft zum Atmen blieb ihm förmlich weg, er konnte nur noch japsen. Dazu diese entsetzlichen Schreie. Todesschreie. In ihm hämmerte nur der eine Wunsch: Endlich hier raus! Zusammen mit anderen warf er die Absperrung um. Doch nach der Freude, dem Drama entkommen zu sein, nagen in ihm Schuldgefühle: Das Absperrgitter ist auf die Menschen gefallen. Hat er womöglich jemanden getroffen? Vielleicht sogar mehrere? Sind sie verletzt? Gestorben?

 

Das Trauma verarbeiten

Oder eine Schülerin, die nicht damit fertigwird, dass sie an einem Mann vorbeilief, der rücklings auf dem Boden lag und nur noch flach atmete. In ihr machte sich in diesem Augenblick eine unglaubliche Angst breit. Sie weiß nicht, wie man wiederbelebt. Was tun? Rasch huschte sie vorbei. Alles hinter sich lassen. Doch fertig wurde sie mit dieser Handlung nicht. Diese Anrufer versuche ich zu trösten. Ich nehme sie bildlich gesehen mit Worten in den Arm, gebe ihnen das Gefühl, nicht allein zu sein. Wenn sie weinen müssen, lasse ich sie weinen. Mehr kann ich nicht tun.

Jeder Anrufer wird von uns ernst genommen, niemand wird abgewiesen. Es gibt auch Menschen, die im ersten Moment frech sind oder in den Hörer kichern, sich einen Spaß machen. Auch zu ihnen sind wir freundlich. Denn es sind oft Übersprungshandlungen von Menschen, die unter Schock stehen. Sie rufen meist ein zweites Mal an. Und dann bricht es aus ihnen heraus...

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