Das bewegte die Welt der Medizin 2017 – Teil 1

Verena Elson
Zellen
Unsere Zellen wissen genau, ob Tag oder Nacht ist – woher sie das wissen, haben US-Forscher herausgefunden © iStock/BlackJack3D

Ein Mann erwacht nach 15 Jahren aus dem Koma, ein Mädchen kämpft für die Zulassung eines Medikaments und Forscher entschlüsseln das Geheimnis unserer inneren Uhr: Die Welt der Medizin war 2017 geprägt von Innovationen, spektakulären Entdeckungen und bewegenden Schicksalen. Teil eins des Jahresrückblicks.

 

Nobelpreis Medizin: Geheimnis der inneren Uhr entschlüsselt

Wissenschaftler wissen seit vielen Jahren, das Menschen und andere lebende Organismen eine „innere Uhr“ haben, die ihnen die Anpassung an den Tag-Nacht-Rhythmus erleichtert. Unklar war bislang, wie genau diese biologische Uhr funktioniert. Jeffrey C. Hall, Michael Rosbash und Michael W. Young haben dieses Geheimnis gelüftet – und dafür den Medizin-Nobelpreis 2017 erhalten.

Die drei US-Forscher konnten den „Taktgeber“ unserer inneren Uhr auf zellulärer Ebene in Versuchen mit Fruchtfliegen identifizieren. Dabei handelt es sich um ein Gen, das ein bestimmtes Protein verschlüsselt. Dieses Protein reichert sich nachts in den Zellen an und wird tagsüber wieder abgebaut. Nach diesem Taktgeber richten sich Schlafrhythmus, Hormonhaushalt, Stoffwechsel und Körpertemperatur.

Blutdruck messen
Bisher gilt ein Blutdruck über 140/90 als Bluthochdruck – mit den neuen Richtlinien könnte sich das im nächsten Jahr ändern© iStock/bluecinema
 

Blutdruckdebatte: Ist 130 das neue 140?

Die USA haben ihre Richtlinien geändert: Bluthochdruck haben ab sofort nicht mehr nur Patienten, deren Werte über 140/90 liegen – schon bei Werten ab 130/80 sprechen die Ärzte jetzt von zu hohen Werten und behandeln entsprechend.

Der Hintergrund: Die sogenannte SPRINT-Studie aus den USA stellte 2015 die lange geltenden Grenzwerte von 140 (systolischer Wert, gemessen beim Zusammenziehen des Herzmuskels) und 90 (diastolischer Wert, gemessen beim Erschlaffen des Herzmuskels) in Frage. Demnach sollte bei Patienten in bestimmten Risikogruppen (chronische Nierenerkrankungen, Herzerkrankungen oder ein erhöhtes Risiko für Herzerkrankungen) ein systolischer Wert von 120 angestrebt werden.

Die Studie war nicht unumstritten – Gründe dafür waren die bei der Untersuchung angewandten aus Expertensicht nicht praxistauglichen Messmethoden und die Konzentration auf wenige Risikogruppen. Dennoch werden die Richtlinien vermutlich auch in Deutschland angepasst – möglicherweise aber in moderaterer Form als in den USA, also beispielsweise auf 135/85 anstatt auf 130/80. Im Sommer 2018 sollen die neuen Europäischen Leitlinien für Bluthochdruck veröffentlicht werden.

 

Medizin-Persönlichkeit des Jahres

2011 bekam die damals sechsjährige Emily Whitehead die Diagnose Leukämie. Zahlreiche Therapieversuche zeigten keinen Erfolg. 2012 wurde sie in ein Kinderkrankenhaus in Philadelphia eingeliefert – ihre Chancen standen schlecht. Um das Mädchen zu retten, beschlossen ihre Ärzte, eine bis dahin nicht zugelassene Therapie anzuwenden. Das „CAR-T“ genannte Verfahren zielt auf die weißen Blutkörperchen. Diese arbeiten für das Immunsystem und haben die Aufgabe, Krankheitserreger unschädlich zu machen.

Bei CAR-T werden die weißen Blutkörperchen des Patienten so umprogrammiert, dass sie den Kampf gegen den Krebs aufnehmen. Bei Emily funktionierte die Therapie nach anfänglichen Komplikationen – das Mädchen gilt inzwischen als geheilt. Im August dieses Jahres setzte sich Emiliys Vater bei der US-Zulassungsbehörde FDA für die Zulassung der neuen Methode ein – und Emily unterstützte ihn dabei. Für ihren Einsatz wurde dem Mädchen eine ganz besondere Ehre zuteil: Das renommierte Fachmagazin „Nature“ kürte die heute Zwölfjährige zu einer der „Nature’s 10“ – also einer von zehn Persönlichkeiten, die 2017 eine entscheidende Rolle für die Wissenschaft gespielt haben. Lesen Sie hier Emilys Geschichte.

 

Medizinische Sensation: Nach 15 Jahren aus Koma erwacht

Ein Franzose lag 15 Jahre lang im Wachkoma – dann gelang seinen Ärzten ein Erfolg, mit dem niemand mehr gerechnet hätte. Obwohl Mediziner bei Wachkoma-Patienten in der Regel nach zwölf Monaten die Hoffnung auf Genesung aufgeben, beschlossen französische Forscher, bei dem Patienten einen Versuch mit einem sogenannten Vagusnervstimulator zu wagen. Das Implantat kommt normalerweise bei Patienten mit Depressionen oder Epilepsie zum Einsatz. Es stimuliert den Vagusnerv, der unter anderem für die Steuerung von Schlaf, Herzrhythmus und Verdauung zuständig ist.

Bei Wachkoma-Patienten sind wichtige Verbindungen zwischen Hirnregionen verloren gegangen. Die Hoffnung der französischen Forscher: diese Verbindungen durch Stimulation des Vagusnervs wiederherzustellen. Und es funktionierte: Nach einem Monat mit dem Implantat zeigte der Patient zum ersten Mal seit 15 Jahren Reaktionen auf äußere Reize. Er konnte seinen Kopf drehen und Objekten mit den Augen folgen und blieb länger wach, wenn sein Therapeut ihm vorlas. Doch der bewegendste Moment für die Familie des Patienten war wohl, als seine Lieblingsmusik gespielt wurde: Er lächelte mit einer Gesichtshälfte und seine Augen füllten sich mit Tränen.

 

Wie ein Wunder: Jüngstes Frühchen wird drei

21 Wochen und vier Tage nach der errechneten Empfängnis kam das kleine Mädchen 2014 zur Welt – mit einem Geburtsgewicht von 410 Gramm. Der behandelnde Arzt riet den Eltern von lebenserhaltenden Maßnahmen ab, denn seiner Erfahrung nach hatte das Mädchen keine Chance. Bisher war noch von keinem Frühchen berichtet worden, das in diesem Schwangerschaftsalter zur Welt gekommen war und überlebt hatte. Das liegt vorrangig an der noch unreifen Lunge, denn diese bildet sich erst relativ spät vollständig aus. Aber auch andere Organe wie Niere und Darm sind zu einem so frühen Zeitpunkt noch nicht vollständig „einsatzbereit“ und das Risiko für Komplikationen ist hoch. Dazu kommt das noch unreife Immunsystem, das das Baby anfällig für Infektionen macht.

Doch die Eltern des Mädchens bestanden auf eine Therapie. Die Kleine wurde beatmet und warmgehalten – und erholte sich prächtig. Inzwischen ist sie drei Jahre alt und liebt Geschichten, Babypuppen und ihren großen Bruder. Ihre Mutter beschloss jetzt, mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen, um anderen betroffenen Eltern Mut zu machen.

Teil zwei des Jahresrückblicks

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