Das bewegte die Welt der Medizin 2015

Junge Frau mit Kopfhörern
Mithilfe der App "Tinnitracks" werden Ohrgeräusche durch Lieblingsmusik vertrieben © Fotolia

Ein Kind mit halbem Kopf feiert Geburtstag, erstmals mehr Tote durch Selfies als durch Hai-Attacken, zum ersten Mal wird eine Frau mit einer gespendeten Gebärmutter schwanger – für die Medizin war 2015 ein Jahr voller aufregender Entdeckungen, revolutionärer Durchbrüche und bewegender Schicksale.

 

Durchbruch des Jahres: Gen-Schere CRISPR

Das Fachmagazin „Science“ kürte im Dezember wie jedes Jahr den wissenschaftlichen Durchbruch des Jahres. 2015 gewann eine Entwicklung aus dem Bereich der Medizin – die „Gen-Schere“ CRISPR. Diese Methode ermöglicht es Forschern erstmals, einfach, präzise und kostengünstig Gene im Erbgut eines Organismus zu verändern. Das Verfahren eröffnet der Medizin viele Möglichkeiten in der Bekämpfung von Krankheiten. Doch es hat auch viele Kritiker – denn die Veränderung menschlichen Erbguts ist ethisch hoch umstritten.

 

Blut-Hirn-Schranke erstmals geöffnet

Bisher ist die Behandlung von Hirntumoren per Chemotherapie nur bedingt möglich. Der Grund: Die sogenannte Blut-Hirn-Schranke wirkt gewissermaßen als „Türsteher“ vor dem Übergang zwischen Gehirn und restlichem Blutkreislauf und schützt das Gehirn so vor Giftstoffen. Nur wenige Medikamente schaffen es, diese Schranke zu passieren. Doch 2015 gelang es Medizinern erstmals, die Blut-Hirn-Schranke auch für andere Wirkstoffe zu öffnen: Dazu injizierten sie einer Patientin winzige Luftbläschen in den Blutstrom und brachten sie zum Vibrieren – durch diese Vibrationen entstanden kleine Löcher in der Blut-Hirn-Schranke, die sich nach Passieren des Medikaments wieder verschlossen.

 

Gelüftet: das Anti-Krebs-Geheimnis der Elefanten

Elefanten haben ein Geheimnis, dass Mediziner schon seit Jahren beschäftigt: Obwohl die Dickhäuter rund 100 mal so viele Zellen haben wie Menschen, erkranken sie äußert selten an Krebs. Doch warum ist das so? 2015 gelang es Forschern, das Geheimnis zu lüften: Die Dickhäuter haben 20 Exemplare des Gens TP53, das bei Menschen nur einmal vorhanden ist – und dieses Gen schützt den Körper vor Krebs, indem es entartete Zellen schnell absterben lässt, bevor sich die Mutation im Körper verbreiten kann. Die Wissenschaftler wollen diese Erkenntnisse für die Entwicklung neuer Medikamente nutzen, die die Wirkung von TP53 nachahmen und so in der Krebstherapie eingesetzt werden könnten.

 

Schock-Beichte: Charlie Sheen outet sich als HIV-positiv

„Ich bin hier, um zuzugeben, dass ich HIV-positiv bin.“ Dieses erschütternde Geständnis legt Hollywood-Star Charlie Sheen am 17. November in der „Today Show“ des US-Senders NBC ab. Seit vier Jahren weiß der 50-Jährige, dass er das HI-Virus in sich trägt. Ein Wendepunkt in seinem Leben, gesteht der ehemalige „Two and a half Man“-Star, der täglich vier Pillen schluckt, damit die Krankheit AIDS nicht ausbricht. Auf Geschlechtsverkehr verzichtet habe er seither trotzdem nicht – und das wurde ihm schließlich zum Verhängnis. Eine Prostituierte, die er mit nach Hause genommen hat, machte ein Foto seines Medikamentenschranks und erpresste ihn anschließend damit. Sheen zahlte für ihr Schweigen.

Die HIV-Diagnose ist heutzutage kein Todesurteil mehr. Richtig behandelt haben Infizierte nahezu eine normale Lebenserwartung und müssen ihr Leben nur geringfügig einschränken. Das gilt nicht für Charlie Sheen: Bislang führte der Hollywood-Star ein ausschweifendes Leben mit Partys, Alkohol und anderen Drogen – in Zukunft wird er darauf wohl verzichten müssen.

 

Mehr Tote durch Selfies als durch Haiattacken

In diesem Jahr kamen mehr Menschen durch Selfies als bei Hai-Attacken ums Leben. Laut aktueller Statistiken sind insgesamt zwölf Menschen dabei gestorben, als sie den Auslöser für ein besonderes Handy-Selbstportrait drückten. Der Erhebung zufolge verleiten Selbstportraits vor allem junge Leute zu waghalsigem Verhalten. Die häufigste Todesursache sind Stürze. Aber auch Selfie-Unfälle an Bahngleisen oder kletternd auf Zügen werden immer häufiger. Leider hat sich aus wenigen Einzelfällen ein dramatischer Trend entwickelt: Überall in Deutschland posieren vor allem junge Mädchen auf Bahngleisen. Doch warum begeben sich so viele für ein Foto in Lebensgefahr? "Bahngleise werden als Symbol für Freundschaft angesehen: Die Schienen verlaufen nebeneinander, nichts kann sie trennen, und am Horizont verschmelzen sie zu einer Einheit. Das ist natürlich Unsinn. Die Jugendlichen begeben sich in ein unnötiges Risiko", warnt Polizeihauptkommissar Thomas Borowik von der Bundespolizeidirektion München.

 

Tinnitracks – Die App auf Rezept

Lange Sitzungen, belastende Gespräche, Medikamente: Dass eine Therapie auch anders ablaufen kann, beweisen die Mitarbeiter eines Start-Up-Unternehmens. Ihre Idee der „Tinnitracks“ fand so großen Zuspruch, dass die Techniker Krankenkasse Hamburger Patienten seit Oktober die monatlichen Kosten von 19,90 Euro für die App bezahlt – vorausgesetzt, sie wurde von einem Hals-Nasen-Ohrenarzt verschrieben. Tinnitracks soll die Beschwerden von Patienten mit Ohrgeräuschen lindern. Dazu wählen die Betroffenen ihre Lieblingslieder aus und schicken diese an das Start-Up-Unternehmen Sonormed. Ein spezielles Programm filtert die persönliche Tinnitus-Frequenz der Patienten aus der Musik heraus und bearbeitet die Songs so, dass sie perfekt auf den Tinnitus angepasst sind. Abschließend können sich die Betroffenen die Therapiemusik herunterladen. Bereits 90 Minuten am Tag lindern die Beschwerden – das Pfeifen und Fiepen im Ohr wird spürbar weniger.

 

Endlich schwanger nach Gebärmuttertransplantation

2015 brachte eine Frau erstmals ein Kind zur Welt, das in einer zuvor transplantierten Gebärmutter herangewachsen war. Nachdem in früheren Versuchen bereits einige Gebärmuttertransplantationen vorgenommen wurden, bei denen die Spenderinnen jedoch verstorben waren, wurden nun in einem Forschungsprojekt der Universität von Göteborg, erstmals die Gebärmütter von lebenden Spenderinnen transplantiert. Der Grund für diese Vorgehensweise lag darin, dass die Gebärmütter der verstorbenen Spenderinnen häufig abgestoßen wurden. Dieser neue Weg war von Erfolg gekrönt, denn die Gebärmutter wurde vom Körper der Empfängerin angenommen und bereits der erste Versuch einer künstlichen Befruchtung gelang. Die Patientin wurde schwanger und brachte schließlich einen gesunden Sohn zur Welt. Um eine dauerhafte Einnahme von Medikamenten, die das Abstoßen des Organs verhindern sollen, zu vermeiden, wurde einige Monate nach der Geburt die gespendete Gebärmutter wieder entfernt. Nach Angaben der Ärzte kommt dieses Verfahren für Frauen in Frage, die durch eine Krankheit ihre Gebärmutter verloren haben oder diese so schwer beschädigt wurde, dass ein Kind darin nicht wachsen kann. Auch für Frauen, die aufgrund von Fehlbildungen von Geburt an keine Gebärmutter haben, stellt die Gebärmuttertransplantation eine Möglichkeit da, den Traum vom Mutterglück wahrwerden zu lassen.

 

Ebola: Ende der Epidemie und neuer Impfstoff

Der bisher größte Ebola-Ausbruch, der die Welt seit Anfang des Jahres 2014 in Atem hielt, beschäftigte Mediziner auch 2015 noch. Die Neuerkrankungen gingen im Laufe des Jahres in allen betroffenen westafrikanischen Ländern zurück. In Guinea, wo die Epidemie Ende Dezember 2013 begonnen hatte, wurde laut Robert-Koch-Institut im Oktober 2015 der vorerst letzte Krankheitsfall gemeldet. Am 7. November wurde Sierra Leone als frei von Ebola erklärt. Liberia galt bereits als ebolafrei, am 20. November wurden allerdings drei neue Fälle registriert.

Als großer Durchbruch gilt der Erfolg eines Impfstoffs gegen Ebola, der 2015 erstmals an Menschen getestet wurde. Der Wirkstoff namens rVSV-ZEBOV schützte Geimpfte in Guinea zu 100 Prozent vor einer Infektion. Noch muss sich herausstellen, wie lange der Impfstoff anhält – doch Mediziner sind optimistisch, dass er die Menschheit vor weiteren verheerenden Ebola-Ausbrüchen schützen wird.

 

Durchbruch im Kampf gegen Leukämie

Dass die kleine Layla noch lebt, ist dem Drängen ihrer Eltern und einem mutigen Schritt der Ärzte zu verdanken: Als das Mädchen mit nur drei Monaten an akuter lymphatischer Leukämie erkrankte, schlugen weder eine Chemotherapie noch eine Knochenmarkspende an. Da Laylas Eltern sich weigerten, ihr Kind aufzugeben, verabreichten die Ärzte ihr ein Medikament, das bis dahin noch nie an Menschen getestet worden war. In dem Wirkstoff wurden bestimmte Immunzellen eines Spenders so verändert, dass sie gezielt Leukämie-Zellen angreifen und zerstören. Bei Layla bewirkte das Mittel ein kleines Wunder: Heute ist ihr Körper frei von Leukämie.

 

Erste Schwangerschaft dank erfolgreicher Penistransplantation

Durch eine missglückte Beschneidung verlor ein 18-jähriger Südafrikaner seinen Penis. Mit 21 wurde ihm ein neuer Penis transplantiert – es war der weltweit erste Eingriff dieser Art. Bereits nach zwei Monaten war der neue Penis funktionstüchtig, obwohl die Mediziner davon ausgegangen waren, dass es gut zwei Jahre dauern könnte, ehe der Mann wieder Geschlechtsverkehr haben und urinieren könnte. Im Juni 2015, knapp sechs Monate nach dem Eingriff, war die Partnerin des Mannes bereits im vierten Monat schwanger.

 

Dieser Geburtstag grenzt an ein Wunder

Im September 2015 feierte der kleine Jaxon seinen ersten Geburtstag – für seine Familie und Freunde ist das ein kleines Wunder. Denn der Junge kam mit einer sogenannten Anenzephalie zur Welt. Dabei handelt es sich um eine Fehlbildung, bei der Teile des Gehirns, des Schädeldaches, der Kopfhaut und der Hirnhäute fehlen. Wenn betroffene Kinder überhaupt lebend geboren werden, sterben sie meist nach nur wenigen Tagen. Jaxon dagegen hat alle Erwartungen, die die Ärzte für sein Leben hatten, längst übertroffen und macht großartige Fortschritte. Obwohl ihm ein großer Teil des Kopfes fehlt, kann der Junge inzwischen brabbeln, kommuniziert mit seinen Eltern und spricht sogar ein paar Worte. Um seine medizinische Versorgung finanzieren zu können, haben Jaxons Eltern eine Spendenkampagne gestartet und lassen durch das Internet die ganze Welt am Leben des kleinen Kämpfers teilhaben.

 

Impfen oder nicht? – Die Impfdebatte

Zum Jahresbeginn 2015 rollte eine Masern-Welle über Deutschland. Berlin war besonders stark von der ansteckenden Erkrankung betroffen. Bis März 2015 wurden mit 850 Fällen fast sechsmal so viele Masernerkrankte verzeichnet, wie im gesamten Jahr 2014. Ein einjähriger Junge starb an Masern.

Mit dem rasanten Anstieg der Masernerkrankten wurde auch die Impf-Frage wieder heftig diskutiert. Während sich zwei Drittel der Deutschen und auch Bundesgesundheitsminister Gröhe für eine Impfpflicht aussprachen, gibt es noch immer Impfgegner, die die Nebenwirkungen der Masernimpfung fürchten.

Aktuell sorgt vor allem unter den Impfgegnern die Meldung für Aufregung, dass die CDU die Impfpflicht beschlossen hat.

Auch wenn Masern zu den sogenannten Kinderkrankheiten zählt, treten sie immer häufiger auch im Erwachsenenalter auf und können dort einen schweren Krankheitsverlauf mit einer erhöhten Komplikationsrate hervorrufen. Nur eine flächendeckende Impfung bietet einen wirksamen und sicheren Schutz gegen Masern.

Hamburg, 26. Dezember 2015

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