Das Baby, das zweimal geboren wurde

Phyllis Kuhn Medizinredakteurin
Ultraschall-Untersuchung
Bei einer Routine-Untersuchung erhielt Margaret Boemer die schrecklichen Neuigkeiten (Symbolfoto). © Fotolia

In einer spektakulären Operation retten Ärzte das Leben der kleinen LynnLee. Dafür musste sie zweimal geboren werden.

Margaret Boemer aus Texas ist in der 16. Woche schwanger, als die Ärzte bei einer Routineuntersuchung etwas Ungewöhnliches auf dem Ultraschallscan entdecken. Ihr Baby hat einen Tumoren am Steißbein. Ein sogenanntes sakrozygeales Teratom. „Teratom“ kommt aus dem lateinischen und bedeutet „Monster“ – die Situation für das Baby, das den Namen LynLee tragen soll, ist ernst.

Entwickelt sich ein solcher Tumor bei Babys bereits im Mutterleib, beginnt ein Wettrennen zwischen Krebs und Embryo. Da der Tumor, genau wie das Baby, Blut zum Wachsen braucht, kann es passieren, dass das Kind den Kampf verliert und bereits im Mutterleib an schweren Entwicklungsschäden, meist am Herzen, stirbt.

„Einige dieser Tumoren werden gut vertragen und der Fötus wird mit dem Tumor geboren. Nach der Geburt entfernen wir den Tumor dann, erklärt Dr. Darrell Cass, Ko-Direktor des Texas Children's Fetal Center in einem Interview mit dem Fernsehsender CNN. „Aber in etwa der Hälfte der Fälle verursachen sie starke Probleme bei der Blutversorgung des Fötus. Dann gewinnt der Tumor und das Baby stirbt normalerweise an Herzversagen“.

 

„Wir wollten, dass sie lebt“

Auch in Baby LynLees Falls spitzte sich die Situation immer weiter zu. Häufig treffen Ärzte in diesem Fall die traurige Entscheidung, die Schwangerschaft abzubrechen doch LynLee erhielt eine Chance. Dr. Cass und sein Team entschieden sich für eine Operation im Mutterleib. Auch wenn die Erfolgsaussichten eher gering waren. Margaret Boemer berichtet: „Es war keine schwere Entscheidung. Wir wollten, dass sie lebt.“

In der 23. Schwangerschaftswoche ist der Tumor an LynLees Steißbein bereits größer als sie selbst. Dr. Cass und seine Kollegen planen die Operation. Aufgrund der Größe des Tumors kann der Eingriff nicht minimalinvasiv, das heißt durch einen kleinen Schnitt, durchgeführt werden. Die Chirurgen müssen den Uterus öffnen und den Verlust des gesamten Fruchtwassers in Kauf nehmen. Margaret Boemers kleine Tochter wird dabei aus dem Bauch entfernt und erlebt so etwas wie eine kleine Geburt – mit dem Unterschied, dass sie nach der Entfernung des Tumors wieder mitsamt Fruchtwasser in den Uterus eingenäht wird. Die fünfstündige Prozedur ist nicht nur für die Chirurgen eine Strapaze. Auch die kleine LynLee hat zu kämpfen. Während der Operation wird ihr Herzschlag immer schwächer und nur die schnelle Gabe von Medikamenten regen ihren Herzschlag wieder an.

 

Zwei Operationen, zwei Geburten

Die Operation glückt. Das Chirurgenteam kann den Tumoren größtenteils entfernen. „Es ist ein Wunder, dass wir den Uterus einfach so öffnen und dann wieder zuzunähen konnten und es auch noch funktioniert hat“, staunt Cass.

Trotz der bisherigen Komplikationen stehen Mutter und Kind auch noch die verbleibenden Monate der Schwangerschaft durch. Bis die kleine LynLee in der 36. Woche mit einem Kaiserschnitt zum zweiten Mal am 6. Juni 2016 das Licht der Welt erblickt. Zwar wiegt sie gesunde 2500 Gramm, doch noch hat sie es nicht überstanden. Im Alter von acht Tagen muss ihr der inzwischen wieder gewachsenen Tumor in einer erneuten Operation endgültig entfernt werden.

Zwei Operationen, zwei Geburten – die kleine LynLee Hope Boemer hat in ihrem Leben schon viel erlebt. Heute ist sie schon fast fünf Monate alt und wie durch ein Wunder komplett gesund. 

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