Darf ein Richter Eltern dazu zwingen, ihr Baby sterben zu lassen?

Carolin Banser Medizinredakteurin
Gerichtshof
Charlie Gard leidet an einer seltenen Erbkrankheit. Der Europäische Gerichtshof hat gegen den Willen der Eltern entschieden, dass die lebenserhaltenden Maßnahmen eingestellt werden © istock

Charlie Gard ist noch kein Jahr alt. Trotzdem hat ein britischer Gerichtshof entschieden, dass der schwerkranke Säugling nicht mehr leben darf. Die Maschinen werden abgestellt – gegen den Willen der Eltern. Wäre das auch in Deutschland möglich?

+++Update+++ Charlie Gards Eltern haben den Kampf um ihren Sohn aufgegeben. Mit Verweis auf aktuelle Gehirnscans gab ein Anwalt des Paares bekannt, dass sich der Zustand des Jungen inzwischen so sehr verschlechtert habe, dass eine Weiterbehandlung nicht mehr „zum Besten“ des Jungen sei. Seine Eltern wollen nun die verbleibende Zeit mit ihrem Sohn verbringen. Seinen ersten Geburtstag in zwei Wochen werde er leider nicht mehr erleben, so sein Vater. +++Update+++

97 Prozent aller Kinder kommen gesund auf die Welt. Zwei Prozent erkranken während der Schwangerschaft oder im Verlauf der Geburt und ein Prozent der Neugeborenen weisen genetisch bedingte Behinderungen auf. Dieses Schicksal ereilte den kleinen Charlie Gard aus Großbritannien. Ein schwerer Gendefekt hat enorme Schäden in seinem Gehirn hervorgerufen. Der Säugling kann sich nicht bewegen, weder sehen, noch hören.

Der zehn Monate alte Junge leidet am sogenannten mitochondrialen DNA-Depletionssyndrom (MDS) – auch mitochondriale Myopathie genannt. Das bedeutet: Am ganzen Körper sterben die Zellen des Muskelgewebes ab, neue werden nicht nachgebildet. Das führt zu schlimmen Schmerzen, ruft Atemnot, Panikattacken, Schreikrämpfe und epileptische Anfällen hervor. Die Ärzte können nur versuchen, die Symptome zu lindern. Aber die Ursache der Krankheit bekämpfen oder sie stoppen, können sie nicht. Kinder mit MDS versterben meist in den ersten Lebensjahren.

Dass der Kleine überlebt, halten die zuständigen Ärzte für ausgeschlossen – und haben deshalb gegen den Willen der Eltern beschlossen, die lebenserhaltenden Maßnahmen einzustellen. Charlie soll auf eine Palliativstation kommen und dann „in Würde sterben“ dürfen. 

 

Europäischer Gerichtshof ordnet Behandlungsstopp an

Wochenlang hatten Connie Yates und Chris Gard um das Leben ihres zehn Monate alten Sohns gekämpft und sich gegen die Meinung der Ärzte gewehrt. Für eine Spezialtherapie in Amerika hatten die Eltern bereits zu einer Spendenaktion im Internet aufgerufen. Mehr als eine Million Euro sind auf diesem Weg zusammengekommen. Doch das oberste Gericht Großbritanniens  sowie der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) in Straßburg haben den Wunsch der Eltern abgewiesen.

Das Urteil war endgültig. Ob die Behandlung dem schwerkranken Baby hätte helfen können, sei unklar. Vielmehr hätte sie zu Schmerzen geführt und der Zustand des Kleinen wäre gleich geblieben, befürchteten die Ärzte. Zudem sei der Fall „akkurat und sorgfältig geprüft worden“. So die Begründung des Europäischen Gerichtshofs.

 

Londoner Klinik erlaubt Verlegung nach Rom nicht

Das Schicksal des kleinen Charlie bewegt die Welt. Nachdem Donald Trump via Twitter seine Hilfe anbot, hat auch das „Krankenhaus des Papstes“ in Rom sich bereit erklärt, das Baby aufzunehmen. Doch in London werden rechtliche Einwände laut. Der Vatikan betont aber, alles zu tun, um rechtliche Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Italiens Außenminister Angelino Alfano möchte außerdem das Gespräch mit seinem britischen Kollegen Boris Johnson suchen.

 

Eltern bekommen mehr Zeit, sich zu verabschieden

Ursprünglich sollten die lebenserhaltenden Maßnahmen nach Angaben der Eltern bereits am Freitag eingestellt werden. Nun wurde Connie Yates und Chris Gard jedoch mehr Zeit eingeräumt, um sich in Ruhe von ihrem Baby zu verabschieden.

 

Kann das auch in Deutschland so passieren?

In Großbritannien treten die staatlichen Gerichte als oberste Erziehungsberechtigte auf, erklärt Rechtsprofessor Bijan Fateh-Moghadam im Stern. Das würde auch gleichzeitig den Ärzten mehr Entscheidungsmacht verleihen. In Deutschland wäre der Fall allerdings nicht so ausgegangen. Denn anders als in Großbritannien wird dem Staat hier nicht zugesagt, in das Eltern-Kind-Verhältnis einzugreifen. In Deutschland ist entscheidend, was die Eltern sagen.

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