"Dank Reittherapie kann ich mich wieder besser bewegen"

Das Pferd überträgt Bewegungsimpulse auf den Reiter
Nach einer Hirnblutung ist die rechte Körperhälfte von Marlene Hiller gelähmt. Dank der sogenannten Hippotherapie ist sie viel beweglicher geworden, denn das Pferd überträgt Bewegungsimpulse auf den Reiter und lockert so die gesamte Muskulatur © Fotolia

Eine Hirnblutung riss die Lehrerin von einer Sekunde zur anderen aus der Bahn. Sie gab nicht auf und kämpfte sich zurück ins Leben – wie Pferde ihr dabei halfen.

Erinnern kann sich die ehemalige Grundschullehrerin nicht mehr an jenen Tag vor acht Jahren, der ihr Leben so völlig veränderte. "Ich wurde einfach ohnmächtig", sagt Marlene Hiller. Mit dem Rettungswagen wurde sie sofort ins Krankenhaus gefahren. Die Ärzte diagnostizierten eine Gehirnblutung. Ein Blutgefäß im Gehirn war geplatzt (Hirnaneurysma). Zwar wurde die Blutung gestoppt. Aber die Folgen waren schlimm: Durch die gestörte Durchblutung fielen wichtige Bereiche im Gehirn aus. Folge: Ihre rechte Körperhälfte ist seitdem gelähmt. Und auch das Sprachzentrum wurde beschädigt, sodass sie bis heute schlechter sprechen kann.

Hirnaneurysma

Normalerweise sind die Wände eines Blutgefäßes sehr widerstandsfähig. Doch manchmal dehnen sie sich aus, werden dünner und schwächer. Es entsteht ein Aneurysma, eine kleine Aussackung, in der sich Blut staut.
Bei einem Hirnaneurysma ist ein hirnversorgendes Blutgefäß erweitert. Oft bleibt das unbemerkt.
Wächst das Aneurysma aber weiter, kann es platzen. Es kommt zu einer lebensgefährlichen Gehirnblutung. Das Blut drückt auf empfindliche Hirnregionen. Das ist immer ein Notfall und man sollte so schnell wie möglich ins Krankenhaus.

Für Marlene Hiller änderte sich damit von einem auf den anderen Tag alles. Als Grundschullehrerin mit den Fächern Sport und Musik war sie immer besonders aktiv gewesen. Vor allem Singen zählte zu ihren Leidenschaften. In ihrer Freizeit hatte sie einen großen Chor geleitet. Zusätzlich arbeitete sie ehrenamtlich im Weltladen mit. Nun konnte sie weder Kinder unterrichten noch den Chor leiten. Auch die Arbeit im Weltladen musste die damals 57-Jährige aufgeben. Plötzlich saß sie im Rollstuhl, war ständig auf fremde Hilfe angewiesen. "Sehr schwer" sei das gewesen, erinnert sich Marlene Hiller mit dunkler Miene.

 

Zurück ins eigene Leben finden

Krankengymnastik und Logopädie verbesserten ihren Zustand so, dass sie vor fünf Jahren vom Pflegeheim in eine eigene Wohnung ziehen konnte. Das Essen wird der heute 64-Jährigen geliefert, den Alltag bestreitet sie allein. Zweimal pro Woche besucht sie die Gerontopsychiatrische Tagesstätte in Preetz. Die Einrichtung unterstützt schwerkranke Menschen bei der Wiedereingliederung in die Gesellschaft.

Dort wurde Marlene Hiller auf eine besondere Therapie im nahe gelegenen Gut Wittmoldt aufmerksam gemacht: die Hippotherapie. Diese spezielle Krankengymnastik wird auf dem Pferd praktiziert. Physio- und Hippotherapeutin Amelie von Bülow-Sartory erklärt, warum: "Das Pferd überträgt Bewegungsimpulse auf den Reiter und lockert so die gesamte Muskulatur. Auch der Gleichgewichtssinn und die Koordination werden dabei geschult."

 

Beim Reiten lockern sich die Muskeln

Bei Marlene Hiller hat das gut geklappt. Sie strahlt beim Reiten und noch lange danach. Die Entspannung, die ihr die Therapie schenkt, ist ihr anzusehen. "Mir geht es besser", bestätigt sie. Nach den Übungen kann sie sogar allein ins Auto einsteigen. Ihr gelähmter rechter Arm ist nicht mehr ganz so verkrampft angewinkelt.

Schon zehn Mal war Marlene Hiller bei der Hippotherapie, ist dadurch beweglicher und aktiver geworden. Heute spielt sie wieder Klavier, besucht Konzerte. Manchmal fährt sie mit ihrem Rollstuhl in die Stadt, auch einfach mal zum Eis essen. In ihrer Wohnung kann die 64-Jährige sogar einige Schritte allein gehen – und jedes Stück wiedergewonnener Unabhängigkeit macht sie stolz.

 

4 Fragen an die Hippotherapeutin Amelie von Bülow-Sartory

Wie wird die Hippotherapie durchgeführt?

A. v. Bülow-Sartory: Der Patient wird 20 bis 30 Minuten auf dem Pferd geführt und macht unter Anleitung verschiedene Übungen. Etwa sich nach vorne beugen, den Arm heben oder den Oberkörper zu einer Seite drehen. Der Patient sitzt dabei nicht aktiv auf dem Pferd wie beim normalen Reiten, sondern reagiert auf die Bewegungsreize des Pferdes.

Hippotherapeutin Amelie v. Bülow-Sartory, Gut Wittmoldt
Hippotherapeutin Amelie v. Bülow-Sartory, Gut Wittmoldt© privat

Wie wirkt die Hippotherapie?

A. v. Bülow-Sartory: Das Pferd überträgt auf den Patienten etwa 100 dreidimensionale Schwingungsimpulse pro Minute, die dem Bewegungsablauf eines Menschen beim Gehen gleichen. Im Gehirn werden so unbewusst ablaufende, aber gerade nicht funktionierende Bewegungsmuster wie zum Beispiel das Gehen wieder erlernt. Und der Patient wird ausgeglichener und fröhlicher.

Bezahlt das die Krankenkasse?

A. v. Bülow-Sartory: Privaten Krankenkasse bezahlen die Behandlung, die gesetzlichen in der Regel nicht. Dann muss man die Kosten in Höhe von 35 Euro pro 30 Minuten selbst zahlen.

Bei welchen Krankheiten eignet sich die Hippotherapie?

A. v. Bülow-Sartory: Neben Patienten mit Hirnblutungen oder einem Schlaganfall profitieren auch Multiple-Sklerose-Kranke und Patienten mit anderen neurologischen Bewegungsstörungen wie frühkindlichen Hirnschädigungen oder Schädel-Hirn-Verletzungen von der Hippotherapie. Das Reiten und der Kontakt mit Pferden hilft ferner entwicklungsverzögerten und verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen. Ihre geistigen und sozialen Fähigkeiten werden gefördert.

Gut Wittmoldt, Am Lütten Diek 2, 24306 Wittmoldt (bei Plön), Tel.: 0 45 22/12 63, www.gut-wittmoldt.de

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