COVID-19: Ist die Störung der Darmflora Indiz für einen schweren Verlauf?

Gaby Scheib

Dass eine Corona-Infektion aus Auswirkungen auf den Magen-Darm-Trakt hat, ist bereits bekannt. Jetzt haben Wissenschaftler aus Hongkong entdeckt, dass bei COVID-19 eine Störung der Darmflora ursächlich für einen schweren Verlauf der Erkrankung sein könnte. Was bedeutet das?

Ärztin mit Maske und Schutzhandschuhen untersucht eine Frau mit Bauchschmerzen, die ebenfalls Maske trägt
Tritt bei COVID-19 eine Störung der Darmflora auf, könnte dies mit einem schweren Verlauf der Erkrankung in Zusammenhang stehen Foto:  iStock-ID 1248393962 Phynart Studio
Inhalt
  1. COVID-19: Störung der Darmflora in einer Studie entdeckt 
  2. Eine veränderte Zusammensetzung der Darmbakterien
  3. Veränderte Darmflora – Indiz für einen schweren Verlauf und Long-COVID?
  4. Ernährung und Krankheit als Faktor

Obwohl Corona hauptsächlich die Atemwege betrifft, kann die Infektion auch viele andere Organe angreifen. Forscher der Chinesischen Universität in Hongkong haben nun in einer Studie neueste Erkenntnisse präsentiert: Demnach kann bei COVID-19 auch eine Störung der Darmflora auftreten –  und die könnte einen schweren Verlauf begünstigen.

Männlicher Patient liegt im Krankenhausbett
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COVID-19: Störung der Darmflora in einer Studie entdeckt 

Wie das Deutsche Ärzteblatt in seiner Online-Ausgabe berichtet, sind die chinesischen Forscher unter Leitung von Siew Ng jetzt auf einen neuen Zusammenhang zwischen einer Corona-Infektion und dem Darm gestoßen. Ausgangspunkt war die Annahme, dass eine Verbindung wahrscheinlich sein könnte, da der Darm das größte immunologische Organ des Körpers ist und SARS-CoV-2 auch Zellen der Darmschleimhaut infizieren kann. 

Für die Studie haben die Wissenschaftler eine genetische Untersuchung der Stuhlproben von 100 Patienten vorgenommen, die im Frühjahr an Corona erkrankt waren. Durch eine Sequenzierung der DNA (die Bestimmung der Abfolge einzelner Bausteine) konnten sie Rückschlüsse auf das Vorhandensein verschiedener Darmbakterien ziehen. Diese wurden dann mit den Mikrobiomen von Probanden aus der Vor-Corona-Zeit verglichen. Das Ergebnis: Die Proben waren sehr unterschiedlich.

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Eine veränderte Zusammensetzung der Darmbakterien

Die Forscher fanden heraus, dass sich bei Corona-Infizierten die Bakterienarten anders zusammensetzten: Bestimmte Mikroben traten deutlich häufiger auf, während sich andere Bakterien in viel geringerer Anzahl in den Stuhlproben befanden. Vor allem letzteres ging mit einem schweren Verlauf der Erkrankung einher. Bei einem Teil der Probanden konnte ein Zusammenhang mit der Gabe von Antibiotika hergestellt werden – anfangs wurde die Infektion noch damit behandelt. Aber auch Patienten, die keine Antibiotika erhalten haben, wiesen eine deutlich veränderte Darmflora auf. Darüber hinaus konnten die Forscher eine Verbindung dieser abweichenden Bakterienanzahl mit bestimmten Entzündungs-, Labor- und Leberwerten herstellen, die ebenfalls auf einen schweren COVID-19-Verlauf hinwiesen.

 

Veränderte Darmflora – Indiz für einen schweren Verlauf und Long-COVID?

Zwar sind diese Ergebnisse kein Nachweis, aber sie deuten darauf hin, dass die Darmflora an einer schweren Corona-Erkrankung beteiligt sein könnte. Bei diesen Verläufen kommt es zu einer Überreaktion des Immunsystems – und es scheint sehr plausibel, dass der Darm als Immunzentrale unseres Körpers darauf Einfluss haben könnte. Doch das ist noch nicht alles: Da das Ungleichgewicht auch in Stuhlproben vorhanden war, die nach der akuten Infektion entnommen wurden, könnte die veränderte Darmflora zudem für die „Long-COVID“ genannten Nachwirkungen sorgen: Viele Patienten leiden auch Wochen oder Monate nach einer Erkrankung an Folgeerscheinungen.

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Ernährung und Krankheit als Faktor

Möglicherweise hängen diese Abweichungen jedoch auch mit einer ohnehin schlechten Darmgesundheit oder Vorerkrankungen wie Diabetes oder Adipositas zusammen, bei denen die Darmflora oftmals sowieso schon gestört ist. Zu diesem Schluss kommt auch Heenam Stanley Kim, Mikrobiologe am Laboratory for Human-Microbial Interactions an der Universität Korea in Seoul. Er weist darauf hin, dass deshalb Länder wie die USA oder europäische Staaten von der Pandemie besonders betroffen sein könnten, denn die ballaststoffarme Ernährung hier sei schlecht für das Darmmikrobiom. Kim und andere Experten ziehen daher Stuhltransplantationen in Betracht, um der bei COVID-19 auftretenden Störung der Darmflora und ihren Langzeitfolgen entgegenzuwirken. 

 

Quellen:
COVID-19: Patienten haben häufig Störung der Darmflora in: aerzteblatt.de
COVID-19: Störungen der Darmflora als Ursache schwerer Verläufe? in: heilpraxisnet.de

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