Cortison: Wirkung hängt von Darreichungsform ab

Redaktion PraxisVITA
Frau trägt Cortison-Salbe auf
Cortison auf der Haut aufgetragen führt zu wesentlich weniger Nebenwirkungen als wenn der Wirkstoff injiziert oder oral eingenommen wird © Alamy

Es ist eines der stärksten Hormone und ein mächtiges Medikament. Im Körper löst die beeindruckende Cortison-Wirkung eine Kaskade von Ereignissen aus – im Guten wie im Schlechten. Wissenschaftler kommen mittlerweile einem Cortison-Präparat ohne Nebenwirkungen immer näher.

 

Cortison: Wirkung überzeugt Mediziner

Patienten, die zur Behandlung Cortison einnehmen müssen, erfahren zwar schnell Linderung, aber gerade wenn sie das Medikament über mehrere Monate einnehmen müssen, lernen sie auch die negative Wirkung von Cortison kennen: Das Gesicht ist plötzlich aufgedunsen, Knochen werden brüchig, Muskeln schmerzen.

Cortison hat sehr viel Macht – im Guten wie im Schlechten: Was hochwirksam ist, hat auch das Potenzial zu starken Nebenwirkungen. Diese müssen Patienten in Kauf nehmen – zu wertvoll ist die entzündungshemmende Wirkung des Cortisons, die vor allem die akute Situation vieler Erkrankungen extrem verbessert. „Auch wenn Cortison keine Krankheiten heilen kann, so ist die Liste seiner wichtigen Anwendungsgebiete beeindruckend.

In erster Linie wird es erfolgreich gegen Über- und Fehlreaktionen des Immunsystems sowie gegen Entzündungen und Schwellungen eingesetzt“, sagt Prof. Dr. Jan Peter Tuckermann, Leiter des Instituts für Molekulare Endokrinologie der Universität Ulm. Hierzu zählen z. B. Rheuma, Allergien, Multiple Sklerose, Asthma, chronischer Polyarthritis, Krebs, entzündliche Hauterkrankungen, Lungen,-Nieren,- und Lebererkrankungen und chronische Darmentzündungen wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa. „Es wird sehr häufig dann eingesetzt, wenn die eigentliche Ursache der Entzündung (noch) nicht gefunden wurde oder kein anderes Arzneimittel hilft“, erklärt der Experte.

 

Cortison: Wirkung im Körper

Woher kommt die starke Wirkung von Cortison? Das chemische Präparat ist einem Hormon nachempfunden, das vom Körper selbst produziert wird. „Und dieses Hormon ist einer der einflussreichsten Botenstoffe unseres Körpers“, sagt Tuckermann, „einst erfunden, um kurzfristig Energie bereitzustellen, damit der Organismus Gefahren abwehren und sein Stresslevel regulieren kann.“ Deshalb kann es in den Stoffwechsel fast jeder Körperzelle eingreifen. So lässt es etwa den Blutzuckerspiegel steigen, Eiweiße aus Muskeln und Haut vermehrt abbauen und Fette umverteilen. „Vor allem aber beeinflusst es die Entzündungszellen: Es hemmt ihre Vermehrung und Weiterentwicklung im Knochenmark und ihr Einwandern von Blut in die Organe. Zusätzlich verhindert Cortison, dass die weißen Blutkörperchen (Leukozyten) entzündungsfördernde Faktoren freisetzen“, erklärt Tuckermann. Damit ist Cortison das wichtigste Stresshormon unseres Körpers.

Cortison
Die Ausschüttung des Hormons Cortison wird über das Gehirn gesteuert© iStock

Die Ausschüttung des Hormons wird über das Gehirn gesteuert: Der Hypothalamus misst den „Stress-Pegel“ und gibt ein Signal an die Nebennierenrinden. Normalerweise bilden diese in einem tageszeitabhängigen Rhythmus etwa 8 bis 25 Milligramm Cortison pro Tag. Die größte Menge davon wird in den frühen Morgenstunden freigesetzt. Aber bei starkem Stress, wie bei Krankheiten, Verletzungen oder psychischen Belastungen, benötigt der Körper mehr Cortison. Dann können die Nebennierenrinden bis zu 200 bis 300 Milligramm pro Tag bilden. Danach ist Schluss; die Produktion wird vom Körper zum eigenen Schutz eingestellt. „Denn auch wenn die Strategie des Hormons in Krisensituationen kurzfristig sehr sinnvoll ist, führt ein Zuviel und ein Zulange davon zum Raubbau am Körper“, sagt Tuckermann.

 

Wirkung von Cortison nicht immer positiv

„Mit der Gabe der Cortison-Medikamente muss man leider oft jene Grenze überschreiten, die ursprünglich vom Körper vorgesehen war“, sagt der Experte. „Ganz einfach, weil man die entzündungshemmende Wirkung benötigt.“ Dann aber beginnt der Körper Schaden zu nehmen, weil Cortison den Stoffwechsel beeinflusst. Wird eine bestimmte Cortison-Schwelle überschritten, erhöht sich der Blutzuckerspiegel, was langfristig zu Diabetes führt. Der Abbau von Eiweiß aus Muskeln und Haut bringt Gewebeschwund, Muskelschwäche und Pergamenthaut mit sich. Und durch den Einfluss auf den Mineralhaushalt kann es zu Osteoporose und Bluthochdruck kommen. Und die Liste der Nebenwirkungen ist noch weitaus länger: Fetteinlagerungen am Bauch und Nacken, Vollmondgesicht, schlechte Wundheilung, Grauer und Grüner Star, Schlaflosigkeit, Psychosen, Infektanfälligkeit...

 

Cortison-Wirkung lässt sich beeinflussen

Eine Frau hat einen Asthmaanfall
Die negative Cortison-Wirkung ist bei Inhalationsgeräten, wie man sie bei Asthmaanfällen benötigt, gering© skynesher/iStock

„Dabei lassen sich die negativen Folgen von Cortison deutlich reduzieren“, sagt Prof. Tuckermann. „Dosierung, Dauer der Behandlung, Darreichungsform und Anwendungsstelle sollten peinlich genau auf den einzelnen Patienten abgestimmt sein und bei Eigenanwendung exakt befolgt werden.“

Wird das Präparat auf die Haut aufgetragen oder inhaliert, wie etwa bei Asthma, kommt es deutlich seltener zu Nebenwirkungen. Aufgrund dieser Erkenntnis wurden in den letzten Jahren verstärkt „topische“ Cortisonpräparate entwickelt, also Medikamente mit lokaler Wirkung am Ort der Entzündung. In Form von Tabletten oder Injektionen wirkt das Cortison im gesamten Körper – dann sind besonders Dosis und Dauer entscheidend für das Auftreten von Nebenwirkungen. Bei einer kurzfristigen Cortisongabe treten keine oder nur geringe Nebenwirkungen auf. Als niedrige Dosis gilt eine orale Tagesmenge von weniger als 5 mg, eine höhere Dosis ab 7,5 mg.

 

Langsames Absetzen von Cortison-Präparaten

Das Problem der negativen Cortison-Wirkung liegt weit eher in der Anwendungsdauer, also bei Therapien von mehr als drei Wochen. Jenseits dieser Grenze treten bei nahezu jeder Dosis Nebenwirkungen auf. Genau das aber ist vielen Anwendern unbekannt. Sie wissen häufig um die Wirkstärke von Cortison, kaufen deshalb etwa bei Hautproblemen in der Apotheke eine eher niedrig dosierte Creme und reiben wochenlang immer mal wieder großzügig die betroffene Stelle ein. Ein fataler Fehler. Weit sinnvoller – weil wirksamer und zugleich schonender – wäre es, ein hochdosiertes Präparat wenige Tage exakt an der betroffenen Stelle anzuwenden. Denn wer über Wochen oder gar Monate Cortison einsetzt, ist gezwungen, das Präparat langsam abzusetzen. Tuckermann erklärt: „Durch die Einnahme des synthetischen Wirkstoffs wird die körpereigene Cortison-Produktion unterdrückt. Das kann zu einer Schrumpfung der Nebennieren führen. Die Dosis muss daher langsam verringert werden. Nur so hat die Nebennierenrinde genügend Zeit zum Wiederaufbau, um dann selbst wieder Cortison freisetzen zu können. So wird verhindert, dass die Symptome nach dem Ende der Therapie umso stärker zurückkehren. Weiterhin sollten Sie bei einer Langzeittherapie regelmäßig Ihre Augen, Ihren Blutzucker und Ihr Gewicht kontrollieren lassen. Achten Sie auf eine ausgewogene Ernährung.“

Cortison
Um die Behandlung mit Cortison zu unterstützen, sollten Sie auf eine gesunde Ernährung mit viel Obst und Gemüse, Vollkornprodukten sowie Fisch achten© iStock / a_namenko
 

Cortison-Wirkung ohne Schattenseiten?

Die lange Liste der möglichen Nebenwirkungen und Probleme einer Cortison-Therapie macht deutlich, wie wichtig es ist, neue, nebenwirkungsärmere Cortisonpräparate zu entwickeln. „Bisher wurde vergeblich versucht, den Wirkstoff so zu manipulieren, dass er nur noch entzündungshemmend wirkt, aber nicht mehr den Stoffwechsel beeinflusst“, erklärt Jan Peter Tuckermann, „Wir hingegen verfolgen jetzt den umgekehrten Ansatz: Wir suchen Möglichkeiten, die Gewebezellen so zu präparieren, dass die nachteilige Wirkung des Cortisons nicht mehr greift bzw. neutralisiert wird, während es die Entzündung bekämpft. Das kann etwa mit speziellen „Weggefährten“ in Form zusätzlicher Medikamente erreicht werden“, erklärt Tuckermann.

 

Die verschiedenen Darreichungsformen von Cortison

  • Werden im Blut hohe Entzündungswerte festgestellt, wie etwa bei einem akuten Schub von Multipler Sklerose, wird Cortison als Spritze oder Infusion verabreicht.
  • Salben und Cremes mit Cortison lindern Entzündungen und Juckreiz bei Hauterkrankungen. Wichtig ist, dass nur die betroffenen Stellen behandelt werden.
  • Bei Inhalations-Sprays wird der Organismus kaum belastet: Die Dosierung ist sehr gering, und die Stoffe zerfallen rasch nach der lokalen Wirkung.
  • In Tablettenform wirkt Cortison auf den gesamten Organismus. Je länger die Therapiedauer ist, desto größer ist die Gefahr unerwünschter Nebenwirkungen.
 

Cortison richtig anwenden

Ob Heuschnupfen, Ekzem oder Rheuma – jeder wird mindestens einmal im Leben mit der Einnahme von Cortison konfrontiert. Je nach Darreichungsform können Sie selbst dazu beitragen, dass die Behandlung mit möglichst wenigen Nebenwirkungen verläuft.

Auge: Bindehautentzündung, nach Augen-OPs

Bei einer Behandlung mit cortisonhaltigen Augentropfen kann es zu einem erhöhten Augeninnendruck und zu einer Linsentrübung kommen. Die immunhemmende Wirkung des Cortisons führt häufig zu Zweitinfektionen mit Bakterien. Daher werden bei längerer Behandlung oft zusätzlich antibiotische Augentropfen verabreicht.

Bronchien: Heuschnupfen, Asthma, COPD

Mithilfe des Cortison-Sprays werden Entzündungsreaktion und Schleimproduktion in den Bronchien unterbunden. Allerdings können durch die Sprays Pilzinfektionen im Mund (Soor) ausgelöst werden: Cortisonpartikel unterdrücken die Immunabwehr der Mundschleimhaut. Um das zu vermeiden, sollten Sie nach der Inhalation den Mund mit Wasser ausspülen und ein Stück Obst essen. Die Fruchtsäure reduziert die Keimlast.

Darm: Multiple Sklerose, allergischer Schock, Arthritis

Bei der intravenösen Therapie werden die höchsten Dosen verabreicht – oft in Form einer „Stoßtherapie“: Kurzzeitig wird eine hohe Dosis gegeben, die wieder reduziert wird, sobald die Besserung der Symptome eintritt. Bei Arthritis etwa im Knie (auch in der Schulter oder im Wirbel) wird Cortison direkt in das Gelenk gespritzt, sodass die Entzündung abklingt.

Haut: Neurodermitis, Psoriasis, Ekzeme, Hämorrhoiden

Erfolgt die äußerliche Anwendung zu lange oder zu oft, kann die Haut dünner und zudem anfälliger für Infektionen werden. Sie sollten ausschließlich die betroffenen Hautpartien behandeln: Im akuten Fall so oft wie nötig, sobald die Symptome aber abgeklungen sind, nur noch so wenig und selten wie möglich.

Haut: Morbus Crohn, Colitis Ulzerosa

Ist bei chronischen Darmentzündungen nur der Enddarm betroffen, bieten sich zur lokalen Behandlung Zäpfchen oder Rektalschaum an.

Gelenke: Rheuma, schwere Allergien

Am besten sollten Sie das Medikament morgens zwischen 6 und 8 Uhr einnehmen. In dieser Zeitspanne ist die körpereigene Hormonproduktion am höchsten, und Sie ahmen mit der Einnahme den natürlichen Tagesrhythmus nach. Ihr Körper wird weniger irritiert.

 

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