Corona: Urintest als Marker für schwere COVID-19-Verläufe zugelassen

Susanne Petersen Medizinredakteurin

Ob eine Erkrankung mit dem Corona-Virus leicht oder schwerer verlaufen wird, lässt sich jetzt vorhersagen: Ein Urintest zur Verlaufsprognose bei COVID-19 ist nun befristet zugelassen worden. Die Details!

Inhalt
  1. Corona-Verlauf: Urintest sehr aussagekräftig 
  2. Corona greift die Nieren an
  3. Urintest liefert Hinweise auf schweren Corona-Verlauf
  4. Corona-Frühwarnzeichen: 3 Marker im Urin sind relevant 
  5. Auswirkungen auf COVID-19-Behandlung bei schweren Verlauf
  6. Urintest für COVID in diesen Städten erhältlich

Einem Urintest als Frühwarnsystem für schwere Corona-Verläufe wurde jetzt vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) grünes Licht erteilt. Seit Frühjahr 2020 hatten Wissenschaftler der Universität Göttingen in einer Studie getestet, ob sich anhand des Urins feststellen lässt, wie schwer eine COVID-19 Infektion verläuft. Gerade in einer Frühphase einer Corona-Erkrankung ist es schwer zu beurteilen, ob die Erkrankung einen leichten oder schweren Verlauf nehmen wird. Der bis Ende Februar befristet zugelassene Urintest bietet jetzt eine schnelle und unkomplizierte Möglichkeit der Vorhersage.

 

Corona-Verlauf: Urintest sehr aussagekräftig 

Der Urintest soll sogar mit einer Sicherheit von 90 Prozent aussagen können, wie die Erkrankung mit dem Corona-Virus verlaufen wird. Der Test kann Komplikationen vorhersagen und damit Patienten eine frühzeitige und gezielte medizinische Therapie ermöglichen. Der Urintest mit dem Namen "DiaPat-CoV-50" basiert auf dem Verfahren der sogenannten "Proteom-Analyse", das bereits seit Jahren bei anderen schweren Erkrankungen wie chronische Nieren- und Herzerkrankungen, bei Adipositas und bestimmten Krebserkrankungen eingesetzt wird. Dieses Verfahren konnte nun auf COVID-19 übertragen werden. Ein spezielles Gerät untersucht pro Urinprobe bis zu 14.000 Proteine und erkennt Veränderungen. Diese liefern Informationen, wie die Erkrankung verlaufen kann. Entwickelt wurde der Test gemeinsam vom Biontech-Unternehmen Mosambique und der der DiaPat GmbH. 

Die seit dem vergangenen Jahr laufende Studie wies darauf hin, dass eine Entzündung der Nieren auf einen möglichen schweren COVID-19-Krankheitsverlauf hinweisen kann. Die Wissenschaftler der Universitätsmedizin Göttingen waren auf den Zusammenhang aufmerksam geworden, der mithilfe eines Urintests offengelegt werden kann. Bestimmte veränderte Marker im Urin gelten als Frühwarnzeichen. 

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Corona greift die Nieren an

Längst ist bekannt, dass die durch SARS-CoV-2 ausgelöste Krankheit COVID-19 vor allem in der Lunge und im Herz zu schweren Schäden führt. Ärzten der Universitätsmedizin Göttingen fiel während der stationären Behandlung von COVID-19-Patienten zudem auf, dass gerade bei späteren Schwerstkranken die Nieren frühzeitig betroffen waren. Dies schien bisher nicht so stark in den Fokus der weltweiten Untersuchungen gerückt zu sein, weil andere Organe bei COVID-19 wesentlich stärker beschädigt sind. Dennoch, der Zusammenhang schien klar erkennbar: Liegt eine Entzündung der Nieren (Nephritis) vor, ist der Verlauf von COVID-19 meist schwer. 
In der Folge tauschten sich die Wissenschaftler in Göttingen mit Kollegen des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf und anderen deutschen Universitätskliniken, sowie Fachleuten aus Italien, China, England und den USA aus.

 

Urintest liefert Hinweise auf schweren Corona-Verlauf

Tage bevor Lunge oder Herz unter einer COVID-19-Infektion zusammenbrechen und ein schwerer Krankheitsverlauf nicht mehr aufzuhalten ist, kann eine Entzündung der Nieren ein erster Warnhinweis sein. 
Der durchgeführte Urintest ermittelt dabei nicht, ob ein Mensch mit dem Coronavirus infiziert ist, sondern ob einem bereits Erkrankten, dem es möglicherweise noch nicht wirklich schlecht geht, ein schwerer COVID-19-Verlauf droht.

 

Corona-Frühwarnzeichen: 3 Marker im Urin sind relevant 

Bei ihrer Untersuchung, die im renommierten Fachjournal "The Lancet" veröffentlicht wurde, machten die Göttinger Wissenschaftler drei Marker im Urin eines Menschen aus, die mit Blick auf COVID-19 analysiert werden müssen. Sie zeigen an, dass die Nieren infolge der Virusinfektion entzündet sind und Schlimmeres droht: 

  • Albumin im Blut
  • Albumin im Urin 
  • Antithrombin III

Die drei Marker werden im Allgemeinen dazu genutzt, um das sogenannte "Capillary Leak Syndrom" zu diagnostizieren. Dabei löst ein Virus Lecks der kleinen Blutgefäße aus, wodurch es zu lebensbedrohlichen Blutungen im Organgewebe kommt. 
"Ist auch nur einer von drei Parametern schwer verändert, besteht ein hohes Risiko, dass sich die Erkrankten auf Normalstation zeitnah verschlechtern, auf die Intensivstation verlegt werden müssen oder sich der Verlauf auf Intensivstation noch verschlechtert", erklärt Prof. Dr. Oliver Gross, Oberarzt für Nephrologie und Rheumatologie der UMG und Erstautor der Studie.

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Auswirkungen auf COVID-19-Behandlung bei schweren Verlauf

Anhand ihrer Erkenntnisse entwickelten die Forscher einen "Handlungspfad zur Früherkennung und Behandlung von schweren Verläufen bei COVID-19 Infektionen". Dieser weist unterschiedliche Behandlungsmöglichkeiten auf.
Zeigt der Urintest beispielsweise einen schweren Mangel von Albumin im Blut, droht dem Patienten ein interstitielles Lungenödem. Bei der sogenannten Wasserlunge schwillt das Lungengewebe an, wodurch das Atmen und der Austausch von Sauerstoff erschwert werden. Dem entgegenwirken kann Fachpersonal mit Entwässerungstabletten, die noch vor einer eventuellen Verschlechterung der Atmung ihre Wirkung entfalten. 
Ergibt der Urintest indes einen schweren Mangel von Antithrombin III im Blut, drohen dem COVID-19-Erkrankten Thrombosen (Gerinnsel in den Blutgefäßen) und Thrombembolien (Gerinnsel lösen sich und verstopfen die Lungengefäße). Hier kann eine Behandlung mit Blutverdünnungsmitteln wie Heparin vorbeugen.

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Urintest für COVID in diesen Städten erhältlich

Ob der in Göttingen entwickelte Handlungspfad den alltäglichen Kampf gegen COVID-19 verändern kann, wurde seit dem 24. April 2020 untersucht. Die großangelegte, nicht-interventionelle Beobachtungsstudie "COVID-19 assoziierte Nephritis als Prädiktor für die Erkrankungsschwere und Komplikationen" unter Beteiligung mehrerer Universitätskliniken in Deutschland sollte weiteren Aufschluss geben. Dies ist nun gelungen.

Beim Hausarzt um die Ecke ist dieser neue Urintest allerdings nicht erhältlich. Es handelt sich um ein hochspezialisiertes Verfahren, das nicht von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt wird. Der Test kann derzeit nur in sieben deutschen Städten gemacht werden, in einem STAKOB-Zentrum.

In diesen Städten ist der Urintest möglich:

  • Hamburg: Bernhard-Nocht-Klinik für Tropenmedizin
  • Berlin: Klinik für Infektiologie und Pneumologie (Charité)
  • Leipzig: Klinikum St. Georg gGmbH
  • Frankfurt am Main: Klinik der Goethe Universität
  • Düsseldorf: Klinik für Gastroenterologie
  • Stuttgart: Robert-Bosch-Krankenhaus
  • München: Klinik Schwabing

Der frühe Einsatz des jetzt zugelassenen Urintests zur Vorhersage eines schweren Corona-Verlaufs könnte gerade für vulnerable Gruppen ein entscheidender Faktor im Kampf gegen das Virus sein.
Quellen:
Entzündete Nieren als Frühwarnzeichen für schwere Verläufe bei COVID-19, in: www.umg.eu
COVID-19-associated nephritis: early warning for disease severity and complications?, in: thelancet.com
Urintest zur Verlaufsprognose bei COVID-19 zugelassen, in: aerzteblatt.de
Urin-Test sagt schweren COVID-19-Verlauf voraus, in: mdr.de

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