Corona und Thrombose: Lösen Antikörper Blutverklumpungen aus?

Mona Eichler Health-Redakteurin

Immer wieder stoßen Mediziner bei Autopsien verstorbener COVID-19-Patienten auf Thrombosen, Blutgerinnsel und Lungenembolien. Wissenschaftler könnten nun einen Auslöser für das verklumpte Blut gefunden haben.

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Inhalt
  1. Corona und Thrombose: Wie hängt das zusammen?
  2. Spezielle Antikörper Schuld an Thrombosen?
  3. Häufige Autoimmunerkrankung liefert nötige Hinweise
  4. Weiße Blutkörperchen werden zum Problem
  5. Auswirkung auf COVID-19-Behandlung
 

Corona und Thrombose: Wie hängt das zusammen?

Zu Beginn der Corona-Pandemie war COVID-19 noch als Lungenkrankheit bekannt. Inzwischen weiß man, dass das Virus den gesamten Körper angreift. Neben Atemwegen und Lungen ruft SARS-CoV-2 Entzündungen in nahezu allen Organen hervor. Ein weiteres Phänomen, das Wissenschaftler schon seit Monaten beobachten: Thrombosen und Lungenembolien als häufige Todesursache bei COVID-19. Bisher war nicht bekannt, was die krankhafte Verklumpung des Blutes auslöst. 

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Spezielle Antikörper Schuld an Thrombosen?

Nun könnte eine neue Studie Licht ins Dunkel bringen. Yogendra Kanthi von der University of Michigan hat gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern das Blut von 172 im Krankenhaus behandelten Corona-Patienten mit schwerem Krankheitsverlauf analysiert und dabei auf acht ganz spezielle Antikörper hin untersucht. 

Die Ergebnisse sind aussagekräftig: „Gut die Hälfte der COVID-19-Patienten war für mindestens einen dieser Auto-Antikörper positiv“, erklärt Jason Knight, ein Kollege Kanthis. Zwei oder mehr der untersuchten Antikörper wies ein Viertel der Patienten auf. Zusätzlich kristallisierte sich ein Zusammenhang heraus: Je mehr dieser Antikörper die Wissenschaftler im Blut der Patienten fanden, desto schwerer war der Krankheitsverlauf.

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Häufige Autoimmunerkrankung liefert nötige Hinweise

Selbstverständlich haben die Wissenschaftler um Kanthi, Knight und Erstautor Yu Zuo die acht untersuchten Antikörper nicht zufällig ausgewählt. Vielmehr hatten sie im Vorfeld ihrer Studie, die im „Science“-Magazin veröffentlicht wurde, eine wegweisende Beobachtung gemacht: Die übersteigerte Gerinnungsneigung des Blutes von COVID-19-Patienten wies eine starke Ähnlichkeit zu den Symptomen des so genannten Antiphospholipid-Syndroms auf. Bei dieser Autoimmunerkrankung bildet der Körper irrtümlich Antikörper gegen einige molekulare Blutbestandteile. In der Folge verklumpt das Blut, wodurch es zu vermehrten Thrombosen kommt. 

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Weiße Blutkörperchen werden zum Problem

Ihre Ergebnisse prüften die Experten in einer Tierversuchsreihe an Mäusen. „Die Antikörper der Patienten mit einer akuten COVID-19-Erkrankung erzeugten ein erstaunliches Ausmaß an Thrombosen bei den Tieren – einige litten unter der schwersten Blutverklumpung, die wie je gesehen haben“, fasste Kanthi die Ergebnisse zusammen.

Ein weiteres Phänomen, das die Wissenschaftler bei den Mäusen feststellen konnten: Als Reaktion auf die Antikörper-Injektionen spielten die Immunsysteme der Tiere verrückt und es kam zu einer Überaktivierung der weißen Blutkörperchen. Diese bilden im Normalfall Netze (sogenannte Neutrophil Extracellular Traps, kurz NETs) in den Blutgefäßen, die bei einer Entzündung im Körper Bakterien einfangen und in sich aufnehmen, damit diese gezielt unschädlich gemacht werden können. Bei einer Überproduktion kommt es allerdings schnell zu Gefäßverstopfungen. Dieses Problem hatten Wissenschaftler der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) bereits im August 2020 bei COVID-19-Patienten beobachtet.

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Auswirkung auf COVID-19-Behandlung

Dass sich die Auto-Antikörper bei COVID-19-Patienten und jenen mit Antiphospholipid-Syndrom gleichen, ist eine wertvolle Beobachtung. „Das legt nahe, dass diese Auto-Antikörper der Schuldige in diesem Teufelskreis aus Blutverklumpung und Entzündungen sein könnte, der viele COVID-Patienten so krank macht“, betont Kanthi. 

Aus den neuen Erkenntnissen ergeben sich Schlussfolgerungen für die Behandlung von COVID-19-Patienten. Denn das Antiphospholipid-Syndrom wird unter anderem mit dem Wirkstoff Dipyridamol behandelt, dessen gerinnungshemmende Wirkung nun auch Corona-Patienten zugute kommen könnte. Die Wissenschaftler um Yu Zuo haben bereits eine klinische Studie mit dem Medikament eingeleitet. 

Quellen:
Prothrombotic autoantibodies in serum from patients hospitalized with COVID-19, in: stm.sciencemag.org
Warum bei Covid-19 das Blut verklumpt, in: n-tv.de
Sind Antikörper schuld an den Thrombosen?, in: wissenschaft.de
Antiphospholipid-Syndrom, in: amboss.com

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