RKI-Chef Wieler fordert noch massivere Einschränkungen

Ines Fedder Medizinredakteurin

Die erste Pressekonferenz des Robert Koch-Institut im neuen Jahr ist von einer deutlich angespannten, düsteren Stimmung geprägt. RKI-Chef Wieler drängt angesichts der Corona-Entwicklungen auf noch massivere Einschränkungen – und kommt bei einer Frage heftig ins Straucheln.

Noch härtere und massivere Einschränkungen – darauf stimmt der Chef des Robert Koch-Instituts Lothar H. Wieler bei der ersten Pressekonferenz 2021 schon einmal ein und lässt somit alle Hoffnungen auf ein schnelles Ende des Lockdowns – zumindest aus wissenschaftlicher Sicht – jäh zerplatzen. Zwar erklärte er anfänglich noch sehr optimistisch, dass Deutschland am Ende des Jahres die Pandemie kontrolliert haben werde, aber bis dahin werde eben noch jede Menge Zeit vergehen, die der Bevölkerung viel abverlangt.

 

RKI-Chef Wieler: Corona-Lage könnte sich weiter verschlimmern

„Wir wünschen uns alle Normalität, aber die bestmögliche Versorgung kranker Menschen kann so nicht mehr gewährleistet werden“, erklärt der Präsident des Robert Koch-Instituts. „Wir können nicht abschätzen, wie die neue Corona-Varianten sich in Deutschland auswirken. Es besteht aber die Möglichkeit, dass die Lage sich noch verschlimmert.“

 

20 Fälle von Corona-Mutationen in Deutschland

Ein Grund dafür sei das Auftreten von weiteren Corona-Mutationen auch in Deutschland: Man wisse aktuell von 16 Fällen mit der neuen Corona-Variante aus den Vereinigten Königreich und vier Fällen mit der bisher unbekannten Corona-Variante aus Südafrika. Alle Varianten sind in Deutschland im Zusammenhang mit einem Reise-Aufkommen aufgetreten, weshalb Wieler eindringlich davor warnt, jede nicht notwendige Reise zu unterlassen. 

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Aber wie verlässlich sind die Zahlen im Bezug auf neue Corona-Mutationen überhaupt?

Immer wieder hart kritisiert wird die mangelhafte Untersuchung der Corona-Infektionsfälle in Deutschland durch sogenannte Genom-Sequenzierungen. Die sei in Großbritannien, wo eine der Virus-Mutanten als Erstes festgestellt wurde, deutlich höher als in Deutschland und bringt den RKI-Chef auf Nachfrage sichtlich ins Straucheln. „Sie haben mich erwischt“, so Wieler, der versuchte, die nicht ausreichende Viren-Überwachung zunächst schön zu reden.

 

RKI: Keinen Überblick über Corona-Mutationen in Deutschland

Fest steht: 200 bis 250 Sequenzierungen im Monat in Deutschland stehen im Verhältnis zu 13.000 Genom-Sequenzierungen in Großbritannien am Tag. „Es ist egal, welche Variante wir derzeit haben, wir müssen dafür Sorge tragen, dass sie sich nicht ausbreitet“, erklärt Lothar H. Wieler, der die Frequenz der Genom-Sequenzierungen nun auch in Deutschland erhöhen will und muss im gleichen Zuge zugeben: „Wir haben in Deutschland keinen Überblick über die Corona-Mutationen.“

Aber was kann man weiter tun, damit sich das Virus nicht ausbreitet?

 

Präsident des Robert Koch-Instituts fordert strengeren Lockdown

„Strengere Lockdown-Regeln sind eine Option“, so der Präsident des Robert Koch-Instituts. „Für mich ist das kein vollständiger Lockdown. Es gibt immer noch zu viele Ausnahmen und es wird nicht streng genug durchgeführt.“

Um zu zeigen, dass das auch wirklich so ist, berichtet auch Prof. Dr. Dirk Brockmann in der heutigen Pressekonferenz des RKI. Er untersucht unter anderem die Mobilität in Deutschland.

Er fordert: „Wir müssen die Mobilität einschränken.“ Während noch im ersten Lockdown im März die Mobilität innerhalb einer Woche um bis zu 40 Prozent gesunken ist, in Städten sogar bis zu 70 Prozent, sei die Mobilität derzeit im Vergleich deutlich höher. Lothar H. Wieler unterstreicht diese Annahme: „Dieser Lockdown ist nicht so effektiv wie der, den wir im Frühjahr hatten. Die Maßnahmen werden nicht in dem Maße umgesetzt. Ich weiß nicht, woran das liegt“, so Wieler. 

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Mehr Homeoffice und weitere Radius-Einschränkungen

Er fordert: „Verantwortungsträger, die bestimmte Rahmen bieten, müssen noch einmal nachlegen.“ Gemeint sind damit vor allem die Firmenchefs, die immer noch darauf bestehen, dass Mitarbeiter am Arbeitsplatz erscheinen, obwohl Homeoffice problemlos möglich wäre. Mit mehr Homeoffice würde man dem Virus weniger Chance geben, sich auszubreiten.

Eine weitere Maßnahme, die Erfolg bei der Virusbekämpfung versprechen würde, wäre die Einschränkung der Mobilität über den 15-Kilometer-Radius hinaus, der in Hotspots bereits verhängt wurde. „Wenn man den Radius verringert, ist der Effekt ungleich stärker, erklärte Dr. Dirk Brockmann, Experte für Mobilität in Deutschland während der Pandemie. 

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RKI-Chef fordert massivere Einschränkungen

„Ich schlafe jede Nacht nicht gut mit diesen hohen Todeszahlen“, zeigt sich RKI-Chef Lothar Wieler betroffen. Alle müssen sich jetzt noch massiver und effektiver einschränken – durch mehr Homeoffice, weniger Mobilität und das gewohnte Einhalten der bereits bestehenden AHA-Regeln. So könne man auch die Ausbreitung der neuen Corona-Varianten verlangsamen. Dann, so die hoffnungsvolle Prognose des Präsidenten des Robert Koch-Instituts, hätte man am Ende des Jahres die Pandemie in Deutschland im Griff.

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