Corona-Pandemie: 5 Gründe, warum Herdenimmunität unmöglich ist

Susanne Petersen Medizinredakteurin

Neben der Impfung ist die Herdenimmunität eine der Hoffnungen, die Corona-Pandemie in naher Zukunft zu beenden. Können wir diese überhaupt erreichen? Diese 5 Gründe erklären, warum Herdenimmunität unmöglich ist.

Zu Beginn der Corona-Pandemie im Frühjahr 2020 war die Hoffnung groß, dass die Bevölkerung eines Tages ausreichend „durchseucht“ sein würde und diese Herdenimmunität neben den nun zur Verfügung stehenden Impfstoffen bei der Bekämpfung des Virus wirksam sein könnten. Die Bedingungen haben sich aber geändert.

Wie Erfahrungen aus Wuhan, dem ersten Corona-Hotspot, zeigen haben dort nur 7% der Bevölkerung Antikörper gegen das Virus gebildet. Trotz des massiven Infektionsgeschehens gelang es nicht, in Wuhan eine Herdenimmunität zu erreichen. Und auch in Deutschland sind die Prognosen eher schlecht. Neuen Erkenntnissen nach gibt es 5 Gründe, warum Herdenimmunität zu erreichen unmöglich ist. 

 

Herdenimmunität Erklärung: Was ist das eigentlich und wie wird sie erreicht?

Eine Herdenimmunität wird als Stadium definiert, in dem eine ausreichende Anzahl an Menschen immun gegen einen Erreger sind. Ziel ist es, dass der Erreger wie Sars-CoV-2 nicht mehr einfach von Wirt zu Wirt springen kann. Ob für diese Immunität nun 60, 70, 80% oder mehr der Bevölkerung immun sein sollte, hängt vom Erreger ab.

Außerdem gibt es seitens der Wissenschaft keine einheitlich definierte Zahl. Es wird noch diskutiert, wann die Herdenimmunität gegen das Coronavirus erreicht werden könnte. Klar zu sein scheint hingegen, dass diese Herdenimmunität durch eine hohe Anzahl an Menschen, die die Erkrankung durchgemacht haben, allein nicht erreicht werden kann. Impfungen sind deswegen ein wichtiger Bestandteil, um sich vor einer Infektion zu schützen. 

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Die Hoffnung, dass wir die Herdenimmunität erreichen, wird immer unrealistischer. Im Februar änderte der unabhängige Datenwissenschaftler Youyang Gu die Bezeichnung seines COVID-19-Prognosemodells von „Path to Herd Immunity“ in „Path to Normality“.

Wegen der verbreiteten Impfzurückhaltung, dem Auftauchen neuer Mutanten und der für Kinder noch nicht zur Verfügung stehenden Impfung wird die Herdenimmunität womöglich nie erreicht werden. Viele Wissenschaftler teilen diese Meinung und sehen die Corona-Pandemie auf dem Weg zu einer Endemie, die uns als Krankheit ähnlich wie die Grippe immer begleiten wird.

 

Diese 5 Gründe sprechen gegen die Erreichung der Herdenimmunität in der Corona-Pandemie

 

1. Die Corona-Mutationen verändern alles

Längst kämpfen wir nicht mehr gegen das eine Coronavirus an. Es tauchen ständig neue Varianten von Sars-CoV-2 auf, die ihre Eigenschaften verändern. Sie werden zunehmend ansteckender und resistenter gegen Impfstoffe. Denn die bestehenden Impfstoffe wirken womöglich nicht gegen alle Varianten.

So liefert Brasilien in diesem Frühjahr laut der Zeitschrift Science ein trauriges Beispiel dafür: In der Stadt Manaus soll der Rückgang von COVID-19 zwischen Mai und Oktober 2020 auf Herdenimmunitätseffekte zurückzuführen sein. Bis Juni 2020 sollen mehr als 60 Prozent der Bevölkerung infiziert worden sein. Eigentlich hätte das zum Schutz der Bevölkerung ausreichen müssen. Im Januar jedoch kehrte Corona als Mutante P1 in die Stadt zurück und führte zu massiven Neuinfektionen, die allein durch diese Variante des Virus ausgelöst wurden.

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2. Impfungen gegen SARS-CoV-2 blockieren womöglich nicht die Übertragung

Gerade die Corona-Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna sollen besonders wirksam bei der Verhinderung von Symptomen und einem schweren Krankheitsverlauf sein. Ob sie die geimpften Menschen schützen, sich trotzdem zu infizieren und das Virus auf andere zu übertragen, ist noch nicht ausreichend erforscht.

Wenn geimpfte Personen weiterhin ansteckend sein könnten, hätte das Konsequenzen für die Herdenimmunität. Nur wenn der Impfstoff die Übertragung blockiert, kann diese Immunität erreicht werden, oder, indem die gesamte Bevölkerung geimpft wird. 

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3. Die Corona-Impfstoffe sind global ungleich verteilt

Während in Israel im Frühjahr 2021 weltweit führend bei der Impfung seiner Bevölkerung ist, hinken verschiedene Staaten in Europa, darunter auch Deutschland, deutlich hinterher. Ganz zu schweigen von der Versorgung von Ländern der Dritten Welt mit Impfstoffen gegen SARS-CoV-2. Da eine perfekte weltweite Verteilung der Impfstoffe unwahrscheinlich ist, verlieren wir den Wettlauf gegen die Mutationen des Virus.

Zudem wähnen sich Menschen in einer trügerischen Sicherheit, wenn eine hohe Prozentzahl der Bevölkerung bereits geimpft ist. Bestes Beispiel ist Israel. Mitte März war schon rund 50 Prozent der Bevölkerung im Land vollständig mit zwei Dosen geimpft. Nun wollen sich zunehmend weniger junge Menschen dort impfen lassen und müssen mit „Gratis-Bier“ und ähnlichen Aktionen zum Impfen geworben werden.

Doch auch wenn diese Maßnahmen fruchten sollten, haben die Nachbarländer Israels wie Syrien, Libanon oder Ägypten nicht einmal ein Prozent ihrer jeweiligen Bevölkerung geimpft. Gefahr droht also auch jenseits der Landesgrenzen.

 

4. COVID-19: Immunität hält nur begrenzt

Am Beispiel Wuhan ist zu sehen, dass eine durchgemachte Infektion mit dem Virus keine Garantie für die Entwicklung von ausreichenden Antikörpern bietet. Impfstoffe könnten einen höheren Schutz bieten. Die Datenlage ist hierzu noch nicht ausreichend. Immer wieder werden Fälle bekannt, in denen sich geimpfte Personen dennoch erneut mit Sars-CoV-2 infizieren.

Auch die Frage, wie lange die Immunität durch eine Impfung anhält, ist noch nicht sicher. Sie scheint mit der Zeit schwächer zu werden. Noch liegen keine Langzeitstudien vor. Erste Hinweise lassen sich jedoch aus Untersuchungen mit genesenen Corona-Patienten entnehmen. Eine kürzlich veröffentliche Studie des kalifornischen La-Jolla-Instituts für Immunologie hat festgestellt, dass zumindest fünf Monate nach dem Einsetzen der Symptome noch Antikörper und T-Zellen nachweisbar waren. 

Für eine verlässliche Prognose wären jedoch weitere Modellierungen notwendig. Zudem muss berücksichtigt werden, dass die Impfstoffproduktion weiter unter Zeitdruck ist und dass die Impfstoffe nicht zu 100 Prozent wirksam sind. 

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5. Geimpfte Personen verhalten sich nicht mehr vorsichtig

Die Einschränkung sozialer Kontakte und das Tragen von Masken sowie die Einhaltung von Hygienemaßnahmen tragen in dieser Phase der Pandemie dazu bei, dass die Ausbreitung des Virus und seiner Mutationen eingedämmt werden, während die Impfung zunehmend mehr Menschen schützt. Solange jedoch nur 10 oder 20 Prozent der Bevölkerung geimpft sind, müssen sich alle Personengruppen weiterhin vorsichtig verhalten.

Am Beispiel Israels ist zu beobachten, dass bereits eine Impfung von 50 Prozent der Bevölkerung dazu führt, dass das vor der Pandemie gewohnte Leben wieder aufgenommen und die Schutzmaßnahmen zum Teil aufgehoben werden. Gerade Menschen, die noch nicht geimpft sind oder Personen, die aufgrund bestimmter Krankheiten nicht geimpft werden können, werden durch dieses Verhalten besonders gefährdet.

Da nicht klar ist, ob Geimpfte das Virus oder noch ansteckendere Varianten verbreiten, sind die Schutzmaßnahmen weiterhin elementar, um die Verbreitung des Virus zu drosseln.

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Selbst in Ländern, in denen das Impfen noch nicht weit fortgeschritten ist wie in Deutschland, ist zu beobachten, dass sich viele Menschen nicht ausreichend an die Regeln der sozialen Distanz halten. Immer wieder gibt es Nachrichten, dass Partys mit vielen Personen von der Polizei aufgelöst werden müssen. Das sorgt für weitere Ansteckungen und die Gefährdung der vielen nicht geimpften, schutzbedürftigen Menschen. 

Auch wenn wir die Herdenimmunität bei COVID-19 wahrscheinlich nie erreichen werden, scheinen Impfungen und Social Distancing dazu beizutragen, dass schwere Verläufe und Todesfälle abnehmen. Corona wird uns wohl noch eine Weile beschäftigen. Die Gründe, warum eine Herdenimmunität in der Corona-Pandemie unmöglich ist, verdeutlichen, dass wir mit einer neuen Realität zu tun haben, in der wir uns auf eine länger andauernde Endemie einstellen sollten.

Quellen:

Fünf Gründe, warum Herdenimmunität wahrscheinlich unmöglich ist, in: spektrum.de

Wuhan zeigt: Herdenimmunität nicht durch Infektionnen erreichbar, in: mdr.de

Wie lange hält der Impfschutz?, in: pharmazeutische-zeitung.de

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