Impfungen in Arztpraxen: Trotz vieler Probleme eine „Heldengeschichte“

Seit auch Haus- und bestimmte Fachärzte in die Corona-Impfkampagne einbezogen worden sind, häufen sich die Klagen. Fakt ist: Bei den Impfungen in den Arztpraxen gibt es viele Probleme. Trotzdem sollte man auch das Positive sehen, ist unser Experte überzeugt.

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Die ersten schmeißen sogar schon hin: Von Impfchaos in den Praxen ist die Rede, mancher Arzt kann und will dem enormen Druck nicht mehr länger standhalten – vor allem seit Jens Spahn verkündet hat, dass die Impfpriorisierung am 7. Juni aufgehoben werden soll. Dabei war die Hoffnung groß, dass das Tempo durch die Impfungen in Arztpraxen richtig Fahrt aufnehmen könnte. Wieso läuft es derzeit also so schief? Dafür gibt es gleich mehrere Gründe, wie unser Experte, Dr. Thomas Weiss, erklärt. Warum der Allgemeinmediziner aus Mannheim diesen Teil der Impfkampagne aber dennoch positiv bewertet.

Praxen sind beim Impfen alte Hasen

Wenn es ums Impfen geht, sind Hausärzte sehr routiniert. Seit Jahrzehnten wird hier regelmäßig geimpft, ob gegen Röteln, Masern, Pocken und natürlich jährlich wiederkehrend gegen Influenza. Die Impfstoffe gegen Grippe sind in den Praxen vorrätig und können unproblematisch gelagert werden. „Jeder, der sie braucht, bekommt die Impfung einfach nebenbei“, erläutert Dr. Weiss. Das sieht bei den Corona-Vakzinen völlig anders aus.

Viele Probleme bei Impfungen in den Arztpraxen

Jeden Tag hat der Mannheimer Arzt mit den Tücken der Corona-Impfungen in seiner Praxis zu kämpfen. Für PraxisVita erklärt er sie anschaulich. 

1. Riesige Nachfrage Seit auch die Praxen dabei sind, stehen die Telefone nicht mehr still und die E-Mail-Postfächer quellen über. Deshalb werden de Patienten sogar über die Medien gebeten, nicht mehr anzurufen oder nachzufragen – das Personal ist völlig überfordert. „Wir bei uns in der Praxis – und auch die Kollegen – haben die Dimensionen und deren Organisation vollständig unterschätzt“, so Dr. Weiss. 

2. Viel zu wenig Impfstoff Zwar werden die Praxen mittlerweile mit mehr Dosen beliefert als am Anfang, doch sie reichen längst nicht für alle Patienten aus. Dazu kommt die Unkalkulierbarkeit, wie der Hausarzt schildert: „Bestellen können wir immer erst am Dienstag für die Folgewoche. Ob wir den Impfstoff auch bekommen, erfahren wir donnerstags und bestellen dann für die Folgewoche die Patienten ein. Aber die verfügbaren Dosen ändern sich von Woche zu Woche, so dass eine langfristige Planung nicht möglich ist.“

3. Sehr lange Wartelisten Schien es anfangs noch so, als könnten die Patienten nach und nach geimpft werden, haben sich durch den großen Andrang und die geringen Impfstoffmengen lange Wartelisten gebildet. Diese müssen immer an neue Impfberechtigungen angepasst und daher ständig neu geordnet und werden.

4. Genügend Dosen für die Zweitimpfung? Um noch mehr Menschen impfen zu können, möchten die Ärzte die zur Verfügung stehenden Dosen voll ausnutzen – bei Biontech lassen sich aus einer Ampulle zum Beispiel sieben statt sechs Portionen ziehen. Allerdings müssen dann vier bis sechs Wochen später auch die entsprechenden Mengen für die Zweitimpfung vorhanden sein, was nicht wirklich kalkulierbar ist. Außerdem ist rechtlich noch nicht klar, ob eine siebte Dosis überhaupt verimpft werden darf. Sie wegzuschmeißen, ist jedoch auch keine Lösung.

5. Termine abgesagt, verschoben, verpasst Wie jüngst im Hamburger Impfzentrum kommt es auch in den Arztpraxen zu einem hanebüchenen Umgang mit den Impfterminen, sowohl bei der Erst- als auch bei der Zweitimpfung. Die Leute kommen mit Argumenten wie „Omas Geburtstag, ‚Ich kann da nicht’, ‚Bin in Urlaub’ oder ‚Muss arbeiten’ – und das alles bei einem Impfstoff, der nur wenige Stunden angebrochen haltbar ist“, zeigt sich auch Dr. Weiss verständnislos.

6. Zu viel Bürokratie In der Mannheimer Praxis musste Personal eingestellt werden, um die Impfungen überhaupt organisieren zu können. Diverse Formulare müssen ausgeteilt, erläutert und von den Patienten verstanden werden. Auch die Aufklärung durch den Arzt, das Ausfüllen der Formulare und des Impfbuchs sowie das gesamte Praxisverwaltungssystem kosten viel Zeit und Energie. Diese fehlen unter Umständen an anderer Stelle oder bei Patienten, bei denen es nicht um Corona oder die Impfung geht.

7. Zu geringe Bezahlung Für jede Impfung erhält eine Praxis 20 Euro. Dr. Weiss erläutert die unzureichende Entlohnung am Beispiel einer Kollegin: „Sie impft 36 Dosen – und damit sie ordentlich arbeiten kann, bestellt sie alle 15 Minuten einen Patienten ein. Dafür sagt die Ärztin alle anderen Termine ab. Sie arbeitet dann ohne Pause neun Stunden durch und kann pro Stunde 80 Euro abrechnen. Damit müssen dann Helferinnen, Miete, Nebenkosten und der Ausfall der sonstigen Verdienste ausgeglichen werden.“ In der Praxis in Mannheim werden zwar mehr Patienten pro Stunde geimpft, dennoch ist es eine Rechnung, die hinten und vorne nicht aufgeht. Zumal im Vergleich mit der Arbeit in einem Impfzentrum: Die Kollegen dort erhalten 140 Euro pro Stunde und haben keine zusätzlichen Kosten. 

Mitarbeiter sind trotzdem hochmotiviert

Allen Problemen zum Trotz: Das Personal in den Arztpraxen freut sich darüber, im Kampf gegen die Pandemie einen so wertvollen Beitrag leisten zu dürfen. Es mangelt nicht an Einsatzbereitschaft – und auch nicht an guter Laune, wie Dr. Weiss bestätigt: „An den Impftagen ist die Stimmung großartig. Die Patienten freuen sich und die Mitarbeiterinnen sind sehr motiviert. Es wird viel gescherzt und gelacht.“

Impfungen in Arztpraxen „eine kleine Heldengeschichte“

Und obwohl auch seine Praxis täglich vor diesen Herausforderungen steht, stellt der Allgemeinmediziner klar: „Es läuft nicht rund, aber es geht überhaupt nicht darum, irgendjemand die Schuld zu geben - auch nicht ‚der Politik’.“ Andere Ärzte sind dagegen von den Politikern enttäuscht, insbesondere nach der Aufhebung der Priorisierung, die in einigen Ländern ja schon gilt. Sie sind der Meinung, dass die Politik die Probleme auf die Praxen abgewälzt hat und dass es vielleicht sogar schon um Wahlkampf geht. Dr. Weiss hingegen ist überzeugt: „Das hat alles niemand vorausgesehen. Wir stehen vor einer Aufgabe, die es in diesem Land so noch nicht gab. Aber es ist zumindest eine kleine Heldengeschichte.“ So wie er denken viele seiner Kollegen, die trotz der Probleme hochmotiviert mit den Impfungen in den Arztpraxen weitermachen.

Unser Experte:

Dr. Thomas Weiss ist Facharzt für Allgemeinmedizin in Mannheim. Der Mediziner und sein Team arbeiten an einem neuen Verständnis von Beschwerden und nicht-medikamentösen Therapieverfahren, die die Fähigkeit zur Selbsthilfe stärken sollen. Auch in der Pandemie möchte er Patienten helfen und stellt dazu auf der Praxis-Website viele Informationen und Videos rund um Corona bereit.

Quellen:
Interview mit Dr. Thomas Weiss
Als Arzt von der Politik „mehr als enttäuscht“ in: Deutschlandfunk Kultur