Corona-Impfungen: Gibt es in Deutschland einen Impfstoffmangel?

Daphne Sekertzi

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat die Impfverordnung unterzeichnet, ab dem 27. Dezember soll es mit den Impfungen der Risikogruppen losgehen. Bis zum Sommer könnte mehr als die Hälfte der Bevölkerung geimpft werden, erklärte Spahn. Doch es häufen sich Berichte darüber, dass zu wenige Impfdosen verfügbar seien. Der Spiegel spricht von einem „Planungsdesaster“.

Inhalt
  1. Spahn rechnet mit Herdenimmunität bis Sommer
  2. Corona-Impfstoffmangel in Deutschland
  3. Lieferungen weiterer Impfstoffe ist nicht sicher

Mit dem Impfstart ist die Hoffnung auf ein baldiges Ende der Corona-Pandemie und die Rückkehr zur Normalität verbunden. Zunächst sollen die Risikogruppen geimpft werden, danach der Rest der Bevölkerung, um eine schnelle Durchimmunisierung zu erreichen. Ob diese Zielvorgabe realistisch ist, hängt nicht nur von der Impfbereitschaft der Bevölkerung ab, sondern auch und vor allem von den verfügbaren Impfdosen. Kurz vor dem Impfstart wird klar, dass es in Deutschland davon zu wenige gibt.

Impfstart im Dezember: Diese Gruppen werden als erstes geimpft

Mit der heute in Kraft getretenen Impfverordnung ist die Reihenfolge der Personen festgelegt, die gegen das Coronavirus geimpft werden sollen. Abweichend von den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (Stiko) hat Spahn drei anstatt fünf Gruppen definiert:

  • Über 80-Jährige, Pflegebedürftige und ihre Pfleger
  • Über 70-Jährige, Demenzkranke, Menschen mit Trisomie 21, Transplantationspatienten, Bewohner von Obdachlosen- und Asylbewerbereinrichtungen sowie Personen, die engen Kontakt mit Pflegebedürftigen haben
  • Über 60-Jährige, chronisch Erkrankte, Lehrer, Erzieher, Beschäftigte im Einzelhandel und Personen, die eine hohe Position in staatlichen Einrichtungen haben.

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Spahn rechnet mit Herdenimmunität bis Sommer

Spahn gab sich am Dienstag optimistisch: 60 Prozent der Bevölkerung könnte bis zum Sommer geimpft werden. Damit wäre laut Experten wahrscheinlich eine Herdenimmunität erreicht. Die Immunitätsrate wäre dann in der Bevölkerung so hoch, dass sich SARS-CoV-2 nur noch schwer verbreiten könnte – besonders vor dem nächsten Herbst, wenn die sinkenden Temperaturen es dem Virus wieder leichter machen würden, sich zu vermehren. Experten zufolge sind zur Erreichung der Herdenimmunität in Deutschland mindestens 100 Millionen Impfdosen nötig, da die bisher zugelassenen Vakzine zweimal pro Patient verabreicht werden müssen.

Genau da liegt das Problem, denn es ist fraglich, ob die von der Bundesregierung bisher gesicherten Impfstoffdosen ausreichen, um mehr als die Hälfte der Bevölkerung impfen zu lassen. Bremens Ministerpräsident Andreas Bovenschulte (SPD) warnte am Mittwoch in einer Regierungserklärung vor einem Impfstoffmangel. Der Spiegel attestiert der EU und der Bundesregierung sogar Versagen bei der Beschaffung des Impfstoffs und schreibt: „Nun kommt der Stoff zu spät und reicht nicht für alle.“

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Corona-Impfstoffmangel in Deutschland

Im Vergleich zu anderen Ländern hinkt Deutschland hinsichtlich der Impfstoffdosen und des Impfstarts hinterher. In Großbritannien und den USA wird nach einer Notfallzulassung für das Biontech-Vakzin bereits geimpft. In den Staaten sollen in den nächsten drei Wochen über 20 Millionen Menschen eine Impfung erhalten – bis Ende März sogar fast ein Drittel der Bevölkerung.

Hierzulande werden Berichten zufolge nur drei bis vier Millionen Impfdosen verfügbar sein. Dabei umfasst alleine die Gruppe der 80-Jährigen und Pflegebedürftigen, die als erstes geimpft werden sollen, mehr als 8 Millionen Menschen. Somit können vorerst nicht alle Personen, die zu einer Risikogruppen gehören, eine Impfung erhalten.

 

Lieferungen weiterer Impfstoffe ist nicht sicher

Deutschland hat zwar insgesamt 250 Millionen Impfdosen von sechs verschiedenen Herstellern bestellt. Bisher sind aber ausschließlich die Lieferungen von Biontech und von Moderna sicher, die dem Spiegel zufolge 60 Millionen Dosen umfassen, aber diese sind nicht direkt verfügbar. Die Impfstoffe anderer Pharmaunternehmen – AstraZeneca, Sanofi, Curevac und Johnson&Johnson –  werden zudem erst für Mitte/Ende nächsten Jahres erwartet. Doch ob überhaupt Impfstoffe in den nächsten Monaten zugelassen werden, ist nicht klar. Sanofi und vor allem AstraZeneca haben Rückschläge in der Entwicklung vermeldet. Das schwedische Pharma-Unternehmen musste seine Studie sogar zwischenzeitlich abbrechen.

Wenn die Zulassung weiterer Vakzine länger dauern wird, hätte der bereits jetzt bestehende Impfstoffmangel in Deutschland weitreichende Folgen: Weitere Lockdowns wären möglich und das Ende der Pandemie noch lange nicht in Sicht.

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Quellen:

Das Planungsdesaster, in: Spiegel

Spahn rechtfertigt Impf-Reihenfolge, in: Tagesschau

SARS-CoV-2: Herdenimmunität könnte niedriger sein als angenommen, in: Ärzteblatt

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