Corona im Gehirn: Was das Virus mit dem Kopf macht

Gaby Scheib

Nicht nur die Lunge oder das Herz sind betroffen: Eine COVID-19-Erkrankung kann auch neurologische Auswirkungen haben. In mehreren Studien wurde Corona im Gehirn untersucht. Was kann das Virus dort anrichten – und wie gelangt es dorthin?

Inhalt
  1. Die neurologischen Auswirkungen von Corona
  2. Wie gelangt das Coronavirus ins Gehirn?
  3. Macht Corona im Gehirn dumm?
  4. Wie gefährlich ist das Coronavirus wirklich für das Gehirn?
  5. Long Covid: Gibt es keine bleibenden Schäden? 

SARS-CoV-2 hält die Welt in Atem – und langsam erfahren wir immer mehr über das Virus. Es befällt nicht nur die Lunge, sondern auch viele andere Organe wie Nieren, Leber und Herz. Mitte des Jahres wurde Corona sogar im Gehirn entdeckt. Doch auf welchen Wegen das Virus in den Kopf gelangt und wie genau es sich auf das zentrale Nervensystem auswirkt, wird erst nach und nach klar. Verschiedenen Studien haben sich in den letzten Monaten damit befasst. 

 

Die neurologischen Auswirkungen von Corona

Viele COVID-19-Patienten klagen über den Verlust vom Geruchs- und Geschmackssinn. Aber auch das Gedächtnis ist betroffen: So berichten manche Erkrankte von Erinnerungslücken. Weitere Symptome sind Schwindel, Kopfschmerzen, Konzentrationsstörungen oder extreme Müdigkeit – in der Fachsprache Fatigue genannt – und das auch noch lange Zeit, nachdem die akute Krankheitsphase längst vorbei war. 

Bei Patienten mit schwerem Verlauf kam es sogar zu Schlaganfällen, Nervenschäden und Entzündungen des Hirns. Wissenschaftler auf der ganzen Welt beschäftigen sich daher mit der Frage, wie es zu diesen Symptomen kommen kann.

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Wie gelangt das Coronavirus ins Gehirn?

Dazu haben Wissenschaftler der Berliner Charité Antworten gefunden: Sie entdeckten, dass SARS-CoV-2 möglichweise über das so genannte Riechepithel – die Riechschleimhaut mit den Geruchs-Sinneszellen – ins Gehirn gelangt. Dazu untersuchte das Team an Corona Verstorbene gezielt in diesem Bereich. Es konnte Kontaktstellen zu Nervenfasern identifizieren und Viren im Inneren von Nervenzellen nachweisen.

Gleichzeitig stellten die Forscher aber fest, dass das Virus sich auch in anderen Hirnregionen befand, die nicht mit der Riechbahn in direkter Verbindung stehen. Ihre Vermutung: SARS-CoV-2 gelangt auch über die Blutbahn ins Gehirn. Auch hier gelang den Spezialisten der Nachweis bei einem Patienten, bei dem sich ein Mikrothrombus gebildet hatte. Diese kleinen Blutgerinnsel können in Lunge, Herz oder Gehirn wandern und dort zu Lungenembolie, Herzinfarkt oder einem Schlaganfall führen.

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Macht Corona im Gehirn dumm?

In einer Langzeit-Studie des Imperial College London wurden die kognitiven Fähigkeiten der Probanden untersucht. Nach Ausbruch der Pandemie haben auch an COVID-19-Erkrankte daran teilgenommen: 3.466 der 84.285 Testpersonen gaben an, eine Corona-Infektion durchgemacht zu haben – von leichten Fällen bis zu Patienten, die beatmet werden mussten.

Das Ergebnis: Die Gruppe hat in den Tests schlechter abgeschnitten – je schwerer die Erkrankung war, desto größer die Defizite. Bei den mechanisch beatmeten Patienten entspräche das sogar einem geistigen Verfall von zehn Lebensjahren, so die Verfasser der Studie. Die Schwächen betrafen vor allem die Semantik, beispielsweise bei Wortdefinitionen, aber auch visuelle Fähigkeiten. Bei den schwer Erkrankten waren die Probleme sogar größer als bei Teilnehmern, die zuvor einen Schlaganfall erlitten oder bereits Lernschwächen hatten.

Experten sehen an den Ergebnissen jedoch einige Schwächen, da nicht klar ist, ob die Betroffenen nicht schon vorher kognitive Störungen hatten. Außerdem müssen die Defizite nicht zwangsweise mit der COVID-Erkrankung in Zusammenhang stehen: Wenn Menschen künstlich beatmet werden, brauchen sie oft länger, um sich mental zu erholen – das gilt auch für andere Krankheiten. Zudem wird nicht deutlich, wie lange die Probleme überhaupt anhalten. Dennoch gibt die britische Studie Hinweise auf die möglichen Folgen von Corona.

 

Wie gefährlich ist das Coronavirus wirklich für das Gehirn?

Das ist die große Frage, der die Forscher auf der Spur sind. Amerikanische Wissenschaftler der Yale School of Medicine haben im September eine Studie veröffentlicht, in der sie erste Beleg dafür präsentierten, dass die neurologischen Symptome mit COVID-19 zusammenhängen und das Virus Neuronen im Gehirn infizieren kann. Ihren Erkenntnissen zufolge ist SARS-CoV-2 im Gehirn sehr aggressiv.

Deutsche Wissenschaftler sind inzwischen zu weiteren Ergebnissen gelangt. In einer Gemeinschaftsstudie unter Leitung von Prof. Dr. Markus Glatzel, Direktor des Instituts für Neuropathologie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE), fanden sie heraus, dass nicht das Virus selbst für die Veränderungen im Gehirn verantwortlich ist: Es ist eine Immunantwort des Körpers. Dazu wurden Verstorbene untersucht. Bei rund der Hälfte konnten SARS-CoV-2-Erreger im Gehirn nachgewiesen werden. Allerdings fanden sich nur geringe Virusmengen. Im Vergleich zu den Patienten mit nicht befallenen Gehirnen stellten die Forscher auch nicht mehr Veränderungen fest, selbst bei den höchsten Virusmengen.

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Long Covid: Gibt es keine bleibenden Schäden? 

Was sie jedoch fanden, war eine Immunreaktion in den Gehirnen der Verstorbenen – was bisher vor allem im Blut beobachtet wurde. „Bislang war noch unklar, ob und wie der Erreger ins Gehirn gelangt und sich dort auch vermehren kann. Wir konnten nun zeigen, dass nicht das neuartige Corona-Virus selbst das Gehirn schädigt, sondern die neurologischen Symptome vermutlich eine indirekte Folge der Virusinfektion sind“, so Prof. Dr. Glatzel. Darauf wiesen klare Entzündungsreaktionen hin. Massive Entzündungen, in deren Folge das Gehirn abstirbt, wurden jedoch nicht entdeckt. Das macht Hoffnung, dass SARS-CoV-2 im Gehirn keine bleibenden Schäden hinterlässt. Doch für eine belastbare Aussage sind viele weitere Untersuchungen notwendig.
Warum erleiden Patienten aber zum Beispiel Schlaganfälle? Die Antwort: Schlaganfälle bei COVID-19-Patienten werden durch Blutgerinnsel ausgelöst, die nicht im Gehirn entstehen. Sie bilden sich – wie oben beschrieben – zum Beispiel in der Lunge oder den Beinen und wandern dann ins Gehirn. Hier verstopfen sie die Gefäße und lösen so einen Schlaganfall aus.

Alle diese Forschungsergebnisse zu Corona im Gehirn zeigen, dass es noch ein weiter Weg ist, bis wir SARS-CoV-2 wirklich verstehen, aber auch, dass dieser Virus eine erhebliche Auswirkung auf das Gehirn hat. 

Quellen:

Long COVID: Hinterlässt die Erkrankung langfristige kognitive Störungen? in: aerzteblatt.de
Neuroinvasion of SARS-CoV-2 in human and mouse brain in: biorvix.org
Veränderungen im Gehirn bei COVID-19-Infektion in: uke.de
Wie SARS-CoV-2 das Gehirn infiziert in: aerzteblatt.de

 

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