Corona: Deshalb erkranken Männer schwerer an COVID-19 als Frauen

Obwohl sich weltweit etwa gleich viele Männer wie Frauen mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 infizieren, ist die Sterberate bei Männern erheblich höher. Neben dem Rauchen haben deutsche Forscher einen anderen Einflussfaktor auf Zellebene ausgemacht, der erklären könnte, warum Männer häufiger an COVID-19 sterben als Frauen.

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Eine Untersuchung von Wissenschaftlern der Charité Berlin und der Thoraxklinik des Universitätsklinikums Heidelberg gibt eine Antwort darauf, warum signifikant mehr Männer als Frauen am Coronavirus sterben. Bestimmte Zellen in der Lunge und in den Bronchien spielen dabei eine wichtige Rolle.

Corona und Männer: Risikozahlen im Überblick

Circa 50 Prozent der Corona-Erkrankungen fallen auf Männer. Das zeigen aktuelle Zahlen. Und ein weiterer deutlicher Unterschied zwischen den Geschlechtern zeigt sich auch in der Sterberate: Laut RKI sterben deutlich mehr Männer als Frauen an dem Coronavirus. Diese Daten bestätigte auch der Seuchenbericht des Chinese Center for Disease Control and Prevention, der Anfang Februar 2020 veröffentlicht wurde. Danach war die Infiziertenrate zwischen Männern und Frauen gleich verteilt. Die Sterberate der Männer übertraf mit 2,8 Prozent allerdings die der Frauen mit 1,7 Prozent.

Vorläuferzellen erleichtern Eindringen des Coronavirus

Zu Zeiten des SARS-Ausbruchs 2002/2003 fanden Wissenschaftler heraus, dass das Virus im menschlichen Körper an die so genannten ACE2-Proteine (Angiotensin-Converting-Enzym 2) andockt, so in Zellen eindringt und sich dort vermehrt. 
Prof. Dr. Josef Penninger von der University of British Columbia im kanadischen Vancouver forscht schon seit Jahren an SARS-Viren und erklärte dazu in einem Interview, ACE2 sei ein Enzym, das in vielen Zellen vorkomme, beispielsweise in Herzmuskelzellen, Gefäßzellen des Herzens, in den Nieren, im Darm und in der Lunge. "Unsere Forschungen rund um das für den SARS-Ausbruch 2002/2003 verantwortliche Coronavirus SARS-CoV haben gezeigt, dass diese Viren durch Bindung an ACE2 in die Zellen der Lunge gelangen und dort den Prozess des akuten Lungenversagens in Gang setzen."
Das derzeit grassierende Coronavirus SARS-CoV-2 folgt demselben Mechanismus. 

In der aktuellen Untersuchung konnte das Team um Professor Roland Eils nachweisen, dass so genannte Vorläuferzellen die ACE2-Rezeptoren für das Coronavirus herstellen – und ihnen damit das Eindringen und Vermehren erleichtern. Diese Zellen werden Vorläuferzellen genannt, weil sie sich normalerweise zu den Zellen im Atemtrakt entwickeln, die Mithilfe ihren Flimmerhärchen Schleim und Bakterien aus der Lunge transportieren.

Coronavirus hat bei Männern leichteres Spiel

Ein weiterer Befund der Untersuchung war, dass Männer eine höhere ACE2-Rezeptordichte aufweisen als Frauen. Das bedeutet, dass SARS-CoV-2 in der Lunge und in den Bronchien eines Mannes mehr Möglichkeiten findet, an Zellen anzudocken, in sie einzudringen und sich zu vermehren.

Professor Roland Eils betont aber auch, dass es sich lediglich um vorläufige Ergebnisse handelt: "Für eine belegbare Aussage hierzu sind unsere Fallzahlen noch viel zu gering. Diese Untersuchung müssen wir an größeren Patientenkohorten wiederholen."In einem nächsten Schritt werden die Wissenschaftler COVID-19-Patienten untersuchen, um zu überprüfen, ob tatsächlich mehrheitlich Vorläuferzellen von dem Virus befallen sind.

Ergebnisse ermöglichen Entwicklung von Corona-Gegenstrategien

Die ursprüngliche Forschungsarbeit der Wissenschaftler hatte nichts mit dem neuen Coronavirus zu tun: Die Experten hatten herausfinden wollen, warum Menschen, die ihr Leben lang Nichtraucher gewesen sind, an Lungenkrebs erkranken können. Man hatte also Lungengewebe von Nichtrauchern mit und ohne Krebs untersucht. 

Mit Blick auf die aktuelle Corona-Pandemie wurden die bislang nicht veröffentlichten Daten neu ausgewertet. "Wir haben insgesamt fast 60.000 Zellen darauf hin untersucht, ob sie die Gene für den Rezeptor und eventuelle Kofaktoren angeschaltet haben – somit also prinzipiell vom Coronavirus infiziert werden können", erklärt Studienerstautor Soeren Lukassen zur aktuellen Untersuchung. Hierbei wurden die Vorläuferzellen als ideale Andockstelle für SARS-CoV-2 ausgemacht. 

"Mit dem Wissen, welche Zellen angegriffen werden, können wir nun zielgerichtete Therapien entwickeln", sagt Professor Michael Kreuter von der Thoraxklinik des Heidelberger Universitätsklinikums. Roland Eils ergänzt dazu: "Diese Ergebnisse zeigen uns, dass das Virus sehr gezielt vorgeht, und auf bestimmte Zellen im Körper angewiesen ist, um sich ausbreiten und vermehren zu können. Je besser wir die Wechselwirkungen zwischen dem Virus und seinem Wirt verstehen, desto eher kann es uns gelingen, Gegenstrategien zu entwickeln."