Corona: Beatmungsgeräte könnten COVID-19-Patienten schaden

Daphne Sekertzi

Bisher galten sie bei der Behandlung einer schweren Corona-Infektion als Mittel der Wahl, nun jedoch verdichten sich die Hinweise darauf, dass Beatmungsgeräte COVID-19-Patienten schaden könnten. Weltweit ist von einer ungewöhnlich hohen Sterberate die Rede.

Inhalt
  1. Welche Funktion haben Beatmungsgeräte?
  2. Corona-Patienten: Risiko durch Beatmungsgeräte?
  3. Behandlungsalternativen zur künstlichen Beatmung

Im Zusammenhang mit der Corona-Epidemie wurde über ein Thema besonders viel berichtet: die Befürchtung, dass es durch hohe Infektionszahlen zu einem Mangel an Beatmungsgeräten kommen könnte. Schnell konnte man dadurch den Eindruck gewinnen, dass das Beatmungsgerät ein Garant dafür ist, das Leben eines schwer an COVID-19-Erkrankten zu retten.

Doch nun berichten Ärzte weltweit von den schlechten Überlebensprognosen für Corona-Patienten, die an einem Beatmungsgerät angeschlossen sind. Alleine in New York starben nach offiziellen Angaben 80 Prozent der künstlich beatmeten COVID-19-Erkrankten. Dass Beatmungsgeräte ein hohes Sterblichkeitsrisiko bergen, soll allerdings seit Langem bekannt sein.

 

Welche Funktion haben Beatmungsgeräte?

Ein maschinelles Beatmungsgerät übernimmt die Funktion der Lunge, indem es die natürliche Spontanatmung ersetzt: Per Überdruck wird Sauerstoff in die Lunge gepresst und Kohlendioxid nach außen befördert. Außerdem werden blockierte Atemwege geöffnet. Die Beatmung geschieht invasiv („eindringend“), indem über Nase, Mund oder eine Öffnung in der Haut eine Sonde in die Luftröhre geführt wird. Meist werden Patienten über die gesamte Dauer der Beatmung hinweg in ein künstliches Koma versetzt, da die Erfahrung bei vollem Bewusstsein unangenehm oder sogar traumatisch sein kann – der Schlauch macht sowohl das Sprechen als auch die Nahrungsmittelaufnahme unmöglich.

Die invasive Beatmung wird bei chronischen oder akuten Lungenleiden angewandt, bei der die Atemfunktion teilweise oder vollständig aussetzt. Das heißt: Die Lunge ist so schwach, dass der Körper nicht mit genügend Sauerstoff versorgt werden kann. Mediziner sprechen in diesem Fall von einer „respiratorischen Insuffizienz“, die auch COVID-19-Erkrankten mit schwerer Lungenentzündung entwickeln können.

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Corona-Patienten: Risiko durch Beatmungsgeräte?

Es ist bereits länger bekannt, dass Beatmungsgeräte mit hohen Gesundheitsrisiken verbunden sind. So liegt die allgemeine Sterberate der Patienten, die auf eine künstliche Beatmung angewiesen sind, bei 40 bis 50 Prozent.

Die Gründe für die hohe Sterblichkeit im Zusammenhang mit der invasiven Beatmung sind zahlreich. Durch den Schlauch und den Beatmungsdruck kann nicht nur das Lungengewebe Schaden nehmen. Auch die Organe und das Herz-Kreislauf-System können beschädigt werden – etwa wegen eines veränderten Lungenvolumens oder eines zu hohen Sauerstoffgehalts. Es besteht zudem ein erhöhtes Infektionsrisiko für den Patienten, weil über den Schlauch Erreger in die Lungen gelangen können.

Thomas Voshaar, Chefarzt in Moers und Gründer der Arbeitsgruppe Aerosolmedizin der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie, betont gegenüber der FAZ, wie riskant die Behandlung mit Beatmungsgeräten ist: „Für Patienten ist eine invasive Beatmung grundsätzlich schlecht. Selbst wenn das Beatmungsgerät optimal eingestellt und die Pflege perfekt ist, bringt die Behandlung viele Komplikationen mit sich.“

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Daher gilt in der medizinischen Praxis: Beatmungsgeräte sind in der Behandlung von Atemstörungen das letzte Mittel, wenn die verminderte Lungenfunktion des Patienten lebensbedrohlich wird.

Allerdings häufen sich Berichte, dass in der Corona-Epidemie genau das nicht getan wurde. Danach sollen viele COVID-19-Erkrankte nicht erst im Notfall künstlich beatmet worden sein, sondern vorsorglich bei schlechten Werten des Sauerstoffgehalts und bei Atembeschwerden. Experten zufolge kann die künstliche Beatmung bei Corona-Patienten bis zu 14 Tage dauern, was das Risiko für Schäden an der Lunge und anderen Organen steigen lässt.

Experten vermuten darüber hinaus, dass der Gesundheitszustand vor der Corona-Erkrankung eine Rolle dabei spielen könnte, warum so viele künstlich beatmete COVID-19-Patienten sterben. Auch steht die These im Raum, dass Beatmungsgeräte bei der durch SARS-CoV-2 ausgelösten Lungenentzündung nicht zwangsläufig eine Wirkung zeigen, da das Coronavirus der Lunge mehr schade als andere Grippeviren.

 

Behandlungsalternativen zur künstlichen Beatmung

Ob das Beatmungsgerät oder doch andere Begleitumstände die Sterblichkeitsrate unter künstlich beatmeten Corona-Patienten ansteigen lässt, ist noch nicht eindeutig geklärt. Da aber die Zahlen einen Zusammenhang nahelegen, wird nun verstärkt versucht, die invasive Beatmung durch Behandlungsalternativen hinauszuzögern. Denn klar ist: „Von den beatmeten COVID-19-Patienten haben bislang leider nur zwischen 20 und 50 Prozent überlebt“, wie Voshaar gegenüber der FAZ berichtet.

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Bereits vor der Corona-Epidemie galt die nicht-invasive Beatmung (NIV) als wirksamste Alternative zur Intubation. Dabei wird mittels einer dicht verschlossenen Mund-Nase-Maske die natürliche Atmung unterstützt. Gegenüber der invasiven Beatmung hat die NIV den Vorteil, dass sie keine Schäden an der Lunge anrichtet und das Infektionsrisiko erheblich verringert. Es ist nachgewiesen, dass die NIV im Vergleich zur invasiven Beatmung die Überlebenschance der Patienten erhöht. Eine weitere Methode, um die Intubation hinauszuzögern, ist die Veränderung der Liegeposition des Patienten. Auf diese Weise soll der Luftfluss in den verschiedenen Lungenteilen gefördert werden. 

Solche Behandlungsalternativen zeigen jedoch nur bei leichten Atemstörungen eine Wirkung. Auch wenn Hinweise darüber vorliegen, dass Beatmungsgeräte COVID-19-Erkrankte schaden könnten, sind sie bei schweren Lungenentzündungen das einzige Mittel, um das Leben der Patienten zu retten.

Quellen:

Oczenski, Wolfgang (2007): Atmen – Atemhilfen. Atemphysiologie und Atemtechnik, Stuttgart/ New York: Thieme.

Invasive Beatmung (IV), in: ResMed

Was ist nicht-invasive Beatmung, in: ResMed

Optimale Beatmung verringert Infektionskrankheiten, in: Lungenärzte im Netz.

Eine nicht-invasive Beatmung ist der invasiven Beatmung aus mehreren Gründen vorzuziehen, in: Lungenärzte im Netz.

„Es wird zu häufig intubiert und invasiv beatmet.“ Der Lungenfacharzt Thomas Voshaar über die Überlebenschancen von schwer erkrankten Covid-19-Patienten, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung

 

 

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