Colchicin: Hilfe bei schweren Verläufen von Corona?

Susanne Petersen Medizinredakteurin

Das aus einer Pflanze gewonnene Arzneimittel Colchicin soll laut einer neuen Studie das Risiko für schwere Komplikationen einer COVID-19 Infektion deutlich senken. Wie wirkt es und wie kann es im Kampf gegen die Pandemie helfen?

Inhalt
  1. Colchicin: Todesfälle um 44 Prozent reduziert
  2. Colchicin als Gichtmittel seit 150 Jahren bekannt
  3. Wirksamkeit von Colchicin gegen Corona-Komplikationen vielversprechend
  4. Colchicin gegen COVID-19 bald im Einsatz?

Eine Tablette zuhause eingenommen und schon ist man gegen Komplikationen bei einer COVID-19 Infektion geschützt? Zu schön, um wahr zu sein. Doch tatsächlich scheint es einen Wirkstoff zu geben, der genau das erreichen könnte.

 

Colchicin: Todesfälle um 44 Prozent reduziert

Wie das Montreal Heart Institute (MHI) in einer Presseinformation berichtet, ist Colchicin das einzige wirksame Medikament, um Komplikationen bei einer Infektion mit COVID-19 zu verhindern. Es ließe sich oral zuhause einnehmen und könne die Notwendigkeit der Beatmung um 50 Prozent und die Todesfälle um 44 Prozent reduzieren.

Entsprechend euphorisch äußert sich Dr. Jean-Claude Tarif, Studienleiter der sogenannten COLCORONA-Studie und Direktor des kanadischen MHI Research Center: „Wir freuen uns, das erste orale Medikament in der Welt anbieten zu können, dessen Gebrauch eine signifikante Bedeutung für die öffentliche Gesundheit haben und möglicherweise COVID-19-Komplikationen für Millionen von Patienten vorbeugen könnte.“ 

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Laut der Studie, die bei mehr als 4.500 Menschen durchgeführt wurde, konnte die Gabe von Colchicin Klinikeinweisungen um 25 Prozent senken. Die Studie wurde seit März 2020 bei Menschen in den USA, in Europa, Südamerika und Südafrika durchgeführt, die nachweislich mit dem SARS-CoV-2-Virus infiziert waren. Die Probanden waren zu Beginn der Teilnahme an der Studie nicht stationär eingeliefert, wiesen aber mindestens einen der Risikofaktoren für mögliche Komplikationen der Erkrankung auf. Es handelt sich bis dato um die weltweit größte Studie dieser Art.

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Colchicin als Gichtmittel seit 150 Jahren bekannt

Colchicin ist bekannt für seine stark entzündungshemmende Wirkung und wird bereits seit dem 19. Jahrhundert in der Medizin eingesetzt. Es wird aus dem Samen der Herbstzeitlosen (Colchicum autumnale) gewonnen, einer eigentlich hochgiftigen Pflanze. Früher war die Herbstzeitlose als Arzneidroge bekannt und kam bei Gicht zum Einsatz. Heute wird Colchicin nur bei akuten Gichtanfällen oder Unverträglichkeit alternativer Arzneien angewendet. Außerdem kommt es bei einer akuten Perikarditis (Herzbeutelentzündung) gemeinsam mit anderen Medikamenten zum Einsatz. Auch in der Homöopathie wird es bei Gelenkbeschwerden vielfach verwendet. Dass Colchicin bisher nicht weiterverbreitet ist, liegt an seiner Toxizität. 

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Wirksamkeit von Colchicin gegen Corona-Komplikationen vielversprechend

Die Studienergebnisse der kanadischen Universität zeigen, dass Colchicin das Risiko, an Corona zu sterben oder in ein Krankenhaus eingewiesen werden zu müssen, sich gegenüber Placebo um 21 Prozent verringerte.

Colchicin soll in der Lage sein, die Wahrscheinlichkeit für den sogenannten Zytokin-Sturm deutlich zu verringern. Diese Überreaktion des Immunsystems sorgt für lebensbedrohliche Komplikationen wie Thrombosen oder Lungenentzündungen wie sie häufiger bei schweren COVID-19-Verläufen auftreten. Zytokine sind Proteine, die bei der Abwehr von Krankheiten eine Rolle spielen. Bei überschießenden Reaktionen sorgt die unkontrollierte Freisetzung dieser Zytokine für schwere Entzündungen im Organismus. Diese führen zu den gefürchteten Komplikationen wie Lungenversagen. 

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Colchicin gegen COVID-19 bald im Einsatz?

Die COLCORONA-Studie befindet sich kurz vor der Veröffentlichung in einer wissenschaftlichen Zeitschrift. Eine Überprüfung durch die Europäische Zulassungsbehörde (EMA), die kanadische und die US-Behörde dürfte ebenfalls bald bevorstehen.

Eine Einführung als Medikament im Kampf gegen COVID-19 könnte schnell erfolgen, denn es liegt als Präparat in Apotheken bereits vor und ist kostengünstig.

Eine Eigenbehandlung mit Colchicin wäre aufgrund seiner Toxizität jedoch gefährlich. Die Einnahme müsste auf jeden Fall unter ärztlicher Aufsicht erfolgen, da bei unsachgemäßer Verwendung nicht nur eine Vergiftung möglich wäre, sondern auch schwere Nebenwirkungen auftreten könnten. Wenn dies beachtet wird, könnte Colchicin der neue Hoffnungsschimmer bei der Vermeidung von Komplikationen durch das Corona-Virus werden.

Quellen:

Colchicine reduces the risk of COVID-19-related complications, in: icm-mhi.org

Durchbruch in der COVID-19-Therapie?, in: kardiologie.org

Positive klinische Daten zu Colchicin, in: pharmazeutische-zeitung.de

Colchicin: Wirkt der Pflanzenstoff gegen COVID-19?, in: dw.com

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