Lauterbach, Drosten und Co. alarmiert – WHO und Experten warnen vor Supervirus und 4. Welle

Mona Eichler Health-Redakteurin

Die Warnungen von Lauterbach, Drosten & Co. werden immer eindringlicher: Die Delta-Variante des Coronavirus könnte die nächste Pandemie-Welle schneller als gedacht auslösen. Die Hintergründe.

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Inhalt
  1. WHO: Delta-Variante löst Neuinfektionen aus
  2. Karl Lauterbach warnt vor Supervirus
  3. Christian Drosten: Im Rennen mit der Delta-Variante
  4. Hendrick Streeck: 4. Welle im Herbst
  5. Kekulé: Nicht zu schnell lockern

Die Delta-Variante hat das Potential, eine 4. Corona-Welle loszutreten. In diesem Punkt sind sich die WHO und führende Virologen wie Karl Lauterbach und Christian Drosten einig. Immer mehr Experten warnen davor, dass sich die Situation wieder deutlich verschlechtern wird, wenn Deutschland und andere Länder der Welt nicht weiterhin vorsichtig sind. 

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WHO: Delta-Variante löst Neuinfektionen aus

Zum Start in den Juli legt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) besorgniserregende Zahlen vor. Zum ersten Mal seit über zehn Wochen steigen die Neuinfektionen in Europa wieder an. Die hochansteckende Delta-Variante B.1.671.2 spielt dabei eine entscheidende Rolle. Ihr Anteil an den Gesamtinfektionen wird immer höher. Allein in Deutschland betrug ihr Anteil in KW 24 (14. bis 20. Juni) 36,7 Prozent. Zum Vergleich: Vier Wochen vorher (KW 20) hatte der Delta-Varianten-Anteil in Deutschland noch bei 3 Prozent gelegen. 

Hans Kluge, Regionaldirektor der WHO für Europa, betonte bei einer Pressekonferenz in Kopenhagen, das Infektionsgeschehen werde angetrieben durch "Reisen, Zusammenkünfte und Lockerungen der sozialen Beschränkungen“. Er mahnte, man müsse jetzt „diszipliniert“ bleiben, um eine 4. Welle zu verhindern. Seine Kollegin Catherine Smallwood, Notfall-Beauftragte der WHO Europa, verwies indes darauf, dass Ereignisse wie die Fußball-EM noch eine Zeit lang anders gefeiert werden müssten, als es der Fall gewesen ist. Es sei schließlich kein Geheimnis, dass „große Massenzusammenkünfte als Beschleuniger bei der Übertragung“ wirken. 

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Karl Lauterbach warnt vor Supervirus

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach brachte zu Gast in der Fernsehsendung von Markus Lanz eine weitere Sorge zum Ausdruck: die Angst vor einer Art Supervirus. 

Aktuell ist es so, dass die zugelassenen Impfstoffe zu einem hohen Grad vor einer Ansteckung mit Corona und einem schweren Krankheitsverlauf durch Corona schützen – auch, wenn es sich um eine Infektion mit einer Virusvariante handelt. Biontech/Pfizer beispielsweise gilt als hochwirksam gegen die Delta-Variante. Lauterbach zufolge ist das Coronavirus aber theoretisch dazu in der Lage, so spezifisch zu mutieren, dass es danach sämtliche Impfstoffe umgehen kann:

„Irgendwann muss das Virus, um überhaupt überleben zu können, weil so viele geimpft sind, lernen, Geimpfte zu befallen. Es könnte tatsächlich so sein, dass das Virus lernt, quasi jede Art der Impfung zu überwinden, um die Geimpften zu befallen. […] Das können wir auf jeden Fall nicht ausschließen.“

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Christian Drosten: Im Rennen mit der Delta-Variante

Der Berliner Virologe Christian Drosten zeichnet zwar keine schwarzen Zukunftsszenarien um ein vermeintliches Supervirus. Aber auch er nimmt die Ausbreitung der Delta-Variante in Deutschland und der Welt sehr ernst. Eine 4. Welle hält der Experte nicht nur für möglich, sondern für wahrscheinlich: 
„Ich bin mittlerweile so weit, dass ich sage, wir sind hier jetzt im Rennen in Deutschland mit der Delta-Variante“, sagte Drosten auf dem Online-Kongress für Infektionskrankheiten und Tropenmedizin. „Wir müssen das ab jetzt wirklich ernst nehmen.“

Die aktuelle Situation mit der zuerst in Indien nachgewiesenen Delta-Mutation ist dem Wissenschaftler nicht fremd. „Vom Gefühl her kann ich sagen, uns rufen immer mehr Leute an, die Ausbrüche beschreiben, immer mehr Labore. […] Das erinnert mich an den Beginn der B.1.1.7-Epidemie in Deutschland, wo es genauso war“, berichtete Drosten.

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Hendrick Streeck: 4. Welle im Herbst

„Man muss sagen, dass alle Maßnahmen, die wir getroffen haben, inklusive der Impfungen, genauso gut gegen die Delta-Variante funktionieren als auch gegen alle anderen Varianten“, betonte Hendrick Streeck, Direktor des Institutes für Virologie und HIV-Forschung (Universität Bonn), im Interview mit „n-tv“. 

Dennoch sieht auch er die Gefahr, die von B.1.671.2 ausgeht. Mit einer 4. Welle müsse man in Deutschland rechnen – allerdings noch nicht im Sommer. „Ich rechne damit, dass wir über die Sommermonate immer so ein Auf und Ab kriegen, ähnlich wie wir das letztes Jahr gesehen haben. Einen deutlichen Anstieg kriegen wir dann aufgrund der Saisonalität wieder im Herbst und Winter“, so Streeck.  

 

Kekulé: Nicht zu schnell lockern

Alexander Kekulé, Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie am Universitätsklinikum Halle (Saale), sieht Deutschland am Scheideweg: Entweder, man bekomme die Pandemie unter Kontrolle, oder Delta tritt die 4. Welle los. Beide Szenarien sind dem Virologen zufolge möglich. 

In einem Gastbeitrag auf „Focus.de“ unterstreicht Kekulé die Bedeutung des Impffortschritts für den Kampf gegen SARS-CoV-2 und dessen Varianten.

„Für den Erfolg entscheidend wird es sein, auch jüngere Erwachsene von der Impfung zu überzeugen. Die aktuellen Ausbrüche in Ländern mit hoher Impfquote wie dem Vereinigten Königreich und Israel gehen hauptsächlich auf ungeimpfte Personen in dieser Altersgruppe zurück, die nach Aufhebung der Schutzmaßnahmen wieder ein intensives Sozialleben führten. Wenn die Risikogruppen sowie etwa 70 Prozent der Erwachsenen geimpft sind, werden an Covid-19 nicht mehr Menschen als an der Grippe sterben.“

Das aktuell abflachende Infektionsgeschehen dürfe an diesem kritischen Punkt nicht durch Leichtsinn gefährdet werden. „Die niedrige Inzidenz ist nur zu halten, wenn wir in den kommenden Wochen nicht schneller lockern als es der Impffortschritt erlaubt“, betonte der Virologe. 

Mit Blick auf eine mögliche 4. Welle und der Gefahr eines Supervirus sollten die Warnungen von Lauterbach, Drosten & Co. ernst genommen werden – damit nicht nur der Sommer entspannter wird, sondern auch die Monate danach. 

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Quellen: 
Bericht zu Virusvarianten von SARS-CoV-2 in Deutschland, in: rki.de
WHO warnt vor neuer Welle, in: tagesschau.de
Drosten sieht Deutschland jetzt schon im Rennen gegen die Delta-Variante, in: tagesspiegel.de
Lauterbach warnt bei Lanz vor Super-Corona-Virus, in: t-online.de
Corona-Lage im Herbst: Virologe Hendrik Streeck rechnet „mit deutlichem Anstieg“, in: hna.de
"Corona-Schlüsselmoment": Jetzt stellen wir die Weichen für Freiheit oder vierte Welle, in: focus.de

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