Broken-Heart-Syndrom: Wenn Gefühle das Herz angreifen

Benjamin Müller Medizinredakteur

Fast jeder weiß, wovon die Rede ist, wenn über Herzschmerz gesprochen wird. Starke Gefühle nehmen den Körper oft auf heftige Weise mit. Doch erst seit den 1990ern ist das „gebrochene Herz“ auch medizinisch anerkannt.

Foto: iStock
Liebeskummer kann den Körper in Mitleidenschaft ziehen Foto:  iStock AndreyPopov
Inhalt
  1. Was passiert beim Broken-Heart-Syndrom?
  2. Welche Ursachen hat das Syndrom?
  3. Wie diagnostiziert man ein "gebrochenes Herz"?
  4. Wen betrifft die Stress-Kardiomyopathie?
  5. Wie wird das Syndrom behandelt?

Ob in den Werken von William Shakespeare oder Liedern aus dem Jahre 2019: Die Popkultur ist seit jeher voll von Menschen, deren starke Emotionen sie sogar körperlich aus der Bahn werfen - bis hin zum Tode. Dass Liebeskummer, Heimweh und Co. die Gesundheit des Herzens angreifen können, ist also schon lange bekannt.

Trotzdem dauerte es bis zum Jahr 1991 bis der japanische Arzt Dr. Hikaru Sato diese körperliche Folge von emotionalem Stress als "Tako-Tsubo-Kardiomyopathie" beschrieb. Diese Bezeichnung geht auf japanische Gefäße zum Tintenfischfang zurück, an deren Form die betroffene linke Herzkammer erinnern kann.

 

Was passiert beim Broken-Heart-Syndrom?

Tritt das Syndrom auf, stört es die Funktion des Herzmuskels teils schwer. Für Betroffene ist es dabei kaum von einem Herzinfarkt zu unterscheiden. Atemnot, Engegefühle in der Brust und starke Schmerzen führen häufig zu einer Verwechslung mit dem weitaus bekannteren – und gefährlicheren – Leiden.

In vielen Fällen lassen sich außerdem stark abfallender Blutdruck, beschleunigter Herzschlag, Schweißausbrüche, Übelkeit und sogar Erbrechen beobachten.

Herzinsuffizienz Herzinsuffizienz – Symptome entwickeln sich schleichend

Auch Symptome einer Herzschwäche, wie ein Rückstau des Blutes in der Lunge und den Gefäßen können auftreten, was Flüssigkeitsansammlungen („Ödeme“) zur Folge hat.

Und wie in vielen tragischen Liebesgeschichten kann die Tako-Tsubo-Kardiomyopathie auch tödliche Folgen haben: Bei einem kleinen Anteil der Betroffenen treten schwerwiegende Herzrhythmusstörungen oder ein lebensgefährlicher Blutdruckabfall („Kardiogener Schock“) auf.

 

Welche Ursachen hat das Syndrom?

Aktuell ist noch nicht vollständig geklärt, wieso genau das Broken-Heart-Syndrom die beschriebenen Symptome verursacht. Im Großteil der untersuchten Fälle hatten die Patienten kurz zuvor eine schwere emotionale Belastung zu ertragen.

Dabei kann die auslösende Belastung neuen Untersuchungen zufolge sowohl negativ als auch positiv sein. Einfach gesagt kann eine Hochzeit das Syndrom ebenso auslösen wie ein Tod in der Familie.

Wie die daraus resultierenden Emotionen zu einer Funktionsstörung des Herzens führen, ist jedoch noch unklar. Im Blut diverser Betroffener wurden allerdings hohe Konzentrationen der Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin festgestellt. Adrenalin erhöht den Blutdruck - wird also zu viel des Hormins dauerhaft im Körper freigesetzt, schadet dies dem Herzen. 

 

Wie diagnostiziert man ein "gebrochenes Herz"?

Da das auch „Stress-Kardiomyopathie“ genannte Syndrom nur schwer von einem Herzinfarkt zu unterscheiden ist, muss eine umfassende Diagnostik durchgeführt werden um die richtige Behandlung zu ermöglichen.

Bei einer Patientin wird ein MRT durchgeführt
Aktiv bleiben Was Frauen- und Männerherzen unterscheidet

Zu den Untersuchungen, mit denen zwischen Herzinfarkt und Broken-Heart-Syndrom unterschieden werden kann, zählen:

  • Echokardiografie: Ultraschalluntersuchung, macht typische Bewegungsstörung der Herzens sichtbar, Herzinfarkt kann ähnlich aussehen
  • Elektrokardiogramm (EKG): ähnliche Veränderung des Kurvenverlaufs wie bei einem Herzinfarkt, alle Kurven betroffen anstelle eines bestimmten Herzmuskelareals
  • Blutwerte: Anstieg bestimmter Enzyme (Troponin T, Kretinkinase, et cetera) geringer als beim Herzinfarkt
  • Angiografie: keine Verstopften Herzkranzgefäße, gut erkennbarer Unterschied zum Herzinfarkt
  • Magnetresonanztomografie (MRT): macht Durchblutungs- und Bewegungsstörungen sowie herzinfarkttypische Vernarbungen sichtbar
 

Wen betrifft die Stress-Kardiomyopathie?

Das Broken-Heart-Syndrom ist eine eher seltene Funktionsstörung des Herzens. Von der ersten Beschreibung der Krankheit 1991 bis 2006 wurden weltweit etwa 700 Fälle beobachtet, hauptsächlich in Japan, Europa und Nordamerika. Jüngere Fälle aus Australien und Südamerika lassen jedoch eine weitere Verbreitung vermuten. 

Bisher war die große Mehrzahl der Betroffenen weiblich (90 Prozent) und in fortgeschrittenem Alter (62 bis 75 Jahre). Aus diesem Grund haben einige Forscher einen sinkenden Östrogenspiegel in Verdacht, das Tako-Tsubo-Syndrom zu begünstigen.

Die Unterstützung des Ehepartners führt dazu, dass Patienten verordnete Medikamente einnehmen
Aktiv bleiben Wie wirkt sich eine Partnerschaft auf mein Herz aus?

 

Wie wird das Syndrom behandelt?

Die Forschung steht bei der Behandlung der Stress-Kardiomyopathie noch relativ am Anfang. Aufgrund der vergleichsweise geringen Fallzahlen gibt es aktuell noch kein einheitliches Behandlungsschema. Da die schwersten, möglicherweise tödlichen, Auswirkungen des Syndroms meist in den ersten Stunden geschehen, sollten Betroffene in dieser Zeit auf der Intensivstation unter Beobachtung gestellt werden.

Um den Herzmuskel zu entlasten, können Alpha- und Betablocker verabreicht werden, die gegen die Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin anwirken. Darüber hinaus bleibt nur, die einzelnen Symptome der Krankheit, wie etwa Herzrhythmusstörungen und Blutrückstau, zu behandeln.

Die gute Nachricht: Keine Herzmuskelerkrankung hat eine so gute Prognose wie das Broken-Heart-Syndrom. In vielen Fällen klingen die schwersten Symptome schon nach einigen Stunden wieder ab. Nach einigen Wochen normalisiert sich die Herzfunktion dann wieder, meist ohne Komplikationen oder dauerhafte Schäden.

Quellen:

Hikaru Sato and Takotsubo cardiomyopathy (2016), in: academic.oup.com

Broken-Heart-Syndrom: Wenn Gefühle das Herz krank machen (2019), in: deutschlandfunkkultur.de

Virani, S. S., Khan, A. N., Mendoza, C. E., Ferreira, A. C., & De Marchena, E. (2007): Takotsubo cardiomyopathy, or broken-heart syndrome, in: Texas Heart Institute Journal, 34(1), 76.

Das könnte Sie auch interessieren
Themen
Copyright 2021 praxisvita.de. All rights reserved.