Brauchen Kinder wirklich eine Impfung?

Dr. med. Nadine Hess

Alle Eltern wollen ihre Kinder möglichst gut vor Krankheiten schützen – aber helfen Vorbeugungsmaßnahmen wirklich? Welche Impfungen sind sinnvoll? Und: Wer braucht diese eigentlich?

Expertin Nadine Hess Keuchhusten
Expertin Dr. Hess: "Für Keuchhusten gibt es keinen Nestschutz – die Säuglinge können sich anstecken, auch wenn die Mutter durch eine Impfung oder eine selbst durchgemachte Keuchhusteninfektion immun ist" © privat
 

Das sagt die Kinderärztin Dr. Nadine Hess:

Sobald ein Arzt eine Schwangerschaft feststellt, wird bei der werdenden Mutter der Impfschutz überprüft. Idealerweise passiert das natürlich schon vorher, da einige Impfungen – beispielsweise Masern-Mumps-Röteln – Schwangeren nicht verabreicht werden dürfen. Aber was ist mit dem zukünftigen Vater oder auch weiteren Personen, wie den Großeltern, die engen Kontakt zum Neugeborenen haben werden, sobald es endlich auf der Welt ist?

„Ach, das Baby bekommt doch über die Nabelschnur und später über die Muttermilch die Antikörper der Mutter gegen viele Erkrankungen mit und genießt den sogenannten ‚Nestschutz’ – kann also gar nicht erkranken!“, sagen viele. Ganz falsch ist das nicht. Daher legen Ärzte auch so viel Wert darauf, dass alle Mütter gegen „Kinderkrankheiten“ immun sind, die gerade während der Schwangerschaft, kurz vor und nach der Geburt beim Baby großen Schaden anrichten können. Es gibt aber Ausnahmen. Darunter eine, die den meisten nicht bekannt ist: Keuchhusten (= Pertussis).

Dafür gibt es keinen Nestschutz – die Kinder können sich anstecken, auch wenn die Mutter durch eine Impfung oder eine selbst durchgemachte Keuchhusteninfektion immun ist. Warum das so ist, konnte leider noch nicht vollständig geklärt werden. Problematisch ist, dass eine Keuchhustenerkrankung bei Jugendlichen und Erwachsenen anders und meist weniger heftig verläuft als bei Kindern. Einige Erwachsene, die glauben, an einem hartnäckigen Reizhusten zu leiden, haben eigentlich eine Keuchhusteninfektion. So können sie leichtunwissentlich nicht-immune Mitmenschen anstecken.

Bei Neugeborenen hingegen kann Keuchhusten zu lebensbedrohlichen Atemaussetzern führen. In der Regel ist ein langer Krankenhausaufenthalt notwendig, bis Ärzte sicher sein können, dass die Gefahr gebannt ist. Das Tückische daran: Die Atemaussetzer sind häufig das einzige Symptom der Neugeborenen. Einen Hinweis liefern aber oft zusätzliche Infektionen wie eine Lungen-und/oder Mittelohrentzündung. Auch neurologische Symptome können auftreten, sind allerdings selten. Sie äußern sich in Krampfanfällen oder Gedächtnis-, Sprach- und Bewusstseinsstörungen.

Da der Pertussis-Erreger ein Bakterium ist, kann man die Erkrankung mit einem Antibiotikum behandeln. Oft wird die Diagnose einer Keuchhusteninfektion aber erst so spät gestellt, dass es schon zu den geschilderten Komplikationen gekommen ist. Dann kann man die Erkrankungsdauer durch die Gabe eines Antibiotikums höchstens noch leicht verkürzen.

Braucht das Kind also eine Impfung, um effektiv geschützt zu sein?  Die Antwort: Das Kind nicht, die Umgebung aber schon! Wer geimpft ist, kann sich nicht anstecken und das Bakterium nicht übertragen. Seit 2009 wird darum empfohlen, bei der nächsten Impfung gegen Diptherie, Tetanus und gegebenenfalls auch Polio (= Kinderlähmung) alle Erwachsenen auch gegen Pertussis zu impfen. Es gibt hier mehrere Kombinationsimpfstoffe, die gegen alle drei oder vier Erkrankungen schützen, so dass nur ein „Pieks“ notwendig ist. Die Impfung ist sehr gut verträglich und wird von allen Krankenkassen bezahlt.

Weitere sinnvolle Maßnahme: Ab der 8. Woche sollten auch Neugeborene geimpft werden. Am besten im Rahmen einer Fünf- oder Sechsfachimpfung (Diphtherie, Tetanus, Polio, Pertussis, Haemophilus influenza B und Hepatitis B). Aber Vorsicht: Ein vollständiger, verlässlicher Schutz besteht in der Regel erst nach der zweiten Impfung, die etwa vier Wochen nach der ersten stattfindet.

Da der Impfschutz gegen Pertussis nach einigen Jahren nachlässt, empfiehlt die STIKO (Ständige Impfkommission) eine Auffrischung im Alter von 5-6 Jahren und erneut im Alter zwischen 9-17 Jahren. Weitere Informationen zu dieser und anderen Infektionserkrankungen erhalten Sie auf den Internetseiten des Robert-Koch-Instituts unter www.rki.de.

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